MusicManiac Top 10

MusicManiac Top 10 - Angels & Airwaves Songs

Wer bereits in den Genuss gekommen ist, an meinen Reviews zu Tom DeLonges Pet Project auch nur anzustreifen, wird wissen, dass ich kein großer Bewunderer seiner musikalischen Visionen bin, sondern sie eher als selbstherrlichen, merkwürdigen Pathos abstempeln würde. Trotzdem gibt es zwei gute Gründe für eine Top 10, die einzig und allein Angels & Airwaves gewidmet ist: Erstens hab ich es irgendwie trotz latentem Sympathiemangel geschafft, mir alle Studioalben der Band zuzulegen, womit eine gute Basis geschaffen wäre. Zweitens ist nach fünf LPs und vier LPs mittlerweile genug an Material da, um tatsächlich eine zweistellige Zahl an Songs von überzeugender Stärke zusammenzubringen. So ganz hat er den gern gehörten Pop-Songwriter in sich eben doch noch nicht zum Schweigen bringen können. Also Vorhang auf für Tom "Spaceman" DeLonge und sein kleines Stückchen Rockgeschichte.

 

Erstellt am: 26.11.2018


10.

 

Hallucinations

 

Love
2010

 

"Love" war ein Hoffnungsschimmer am Horizont nach zwei Alben, die so fad und vom richtungslosen, kitschigen Pomp erdrückt waren. Zwar war jetzt auch nicht alles locker-flockiges Musizieren, was man da zu hören bekam, aberder Hang zum pathetischen Stadion-Rock wurde immerhin mit straighterer Produktion, nur mehr moderat exzentrischen Texten und einem Mehr an knackigen Gitarren-Hooks versehen. DeLonge ist anzurechnen, dass er es gleichzeitig geschafft hat, endlich eine LP abzuliefern, der man den Drang in Richtung Weltraum und damit Space Rock nicht nur ansieht, sondern auch phasenweise anhört. Für Hallucinations gilt das trotz sphärischer Synth-Schwaden weniger, dafür ist der gebotene Rock zu geradlinig und der Sound der Gitarren zu kernig. Genau das macht es aber auch aus, dass man weniger am Gesang des Bandleaders zu bemängeln und dafür mehr am stimmigen Arrangement zu loben hat.

9.

 

Voyager

 

Chasing Shadows
2016

 

Ähnlich wie bei den LPs gilt auch für die EPs von Angels & Airwaves, dass die ersten beiden Versuche Streichresultate und kleinere Katastrophen waren. Fadesse in ganz, ganz großen Lettern geschrieben. Mit "Chasing Shadows" war das plötzlich anders, der poppigere, melodischere und eher dem Erdboden zugeneigte Sound der vorangegangenen LP wurde da nämlich prolongiert. Mitunter sorgt das sogar für Erinnerungen an manches, das sich DeLonge in blink-Zeiten erlaubt hat. Voyager beispielsweise hätte einer der besten Songs auf "Neighborhoods" sein können, ist dafür aber zu spät entstanden und wirkt, als wäre es aus den Überresten der zum Scheitern verurteilten Arbeit mit den Langzeitgefährten Mark Hoppus und Travis Barker zusammengestellt worden. In diesem Fall bedeutet das sonnige Riffs, kombiniert mit unruhiger Bassline und der angenehmsten Performance von DeLonge am Mikro seit ewigen Zeiten, der auch die billigen Claps in den Strophen nichts anhaben können. Die werden ohnehin komplett durch die röhrende Gitarre im Refrain neutralisiert.

8.

 

Teenagers & Rituals

 

The Dream Walker
2014

 

Der beinahe trashige Keyboard-Sound, der einem zu Beginn von Teenagers & Rituals und damit auch von "The Dream Walker" begegnet, deutet zwar direkt in Richtung der schlimmsten Tage der Band, alsbald wird dieser Fehlstart aber abgelöst durch bitter notwendigen frischen Wind für die Bandformel. Denn die Dynamik, die dem Rock-Line-Up hier erlaubt wird, ist eine Seltenheit in der Diskographie von Angels & Airwaves. Das Ergebnis ist eine Vermählung der guten Eigenschaften so ziemlich aller bisherigen Projekte DeLonges, sodass man den sphärischen, hymnischen Stil, der frühere Alben geprägt hat, hier in einem dem Pop-Punk nahen Gewand verpackt und damit die drohende Übergröße gekonnt eindämmt.

7.

 

The War

 

We Don't Need To Whisper
2006

 

Willkommen im Reich der Übergrößen! Das Debüt der US-Amerikaner war so dermaßen übersteigert und triefend von Pathos und Weltschmerz, dass dagegen auch das beste Songwriting nur bedingt etwas ausrichten hätte können. Dem ist man wiederum ohnehin nicht wirklich begegnet und so muss man auf die brachialeren Mittel zurückgreifen. The War stampft sich zwar seinen Weg durchaus theatralisch frei, bringt aber gleichzeitig die dröhnenden Riffwände mit, um das einigermaßen zu rechtfertigen. Anders gesagt, stört es hier nicht im mindesten, dass man sich einem eher gemächlichen Tempo hingibt und sich DeLonge die Seele aus dem Leib kreischt, weil die Musik laut und kraftvoll für den notwendigen Ausgleich ist. Das führt auch dazu, dass man textlich fast nichts mitbekommt, was man durchaus bekritteln könnte, wenn man nicht weiß, wie entbehrlich die lyrischen Ergüsse des Frontmanns speziell damals waren.

6.

 

The Adventure

 

We Don't Need To Whisper
2006

 

In Anbetracht der im Drogennebel gemachten Ankündigungen ist The Adventure durchaus enttäuschend. Best music in decades und dann sowas...naja. Von dieser Selbstüberschätzung separiert ist es allerdings eine der ambitioniertesten und abwechslungsreichsten Kompositionen der Band, deren Tempo- und Soundwechsel ungewohnt flüssig passieren. Mit der ersten Single wurde tatsächlich erfolgreich die Brücke geschlagen zwischen atmosphärischen Instrumentalpassagen, die vor allem für ein starkes Intro sorgen, melodisch und gesanglich fast einwandfreien, hellen Alt-Rock-Passagen und den netterweise auf ein Minimum reduzierter melodramatischer, mit spacigen Soundeffekten ausgestatteter Ruhe. Das bringt einen zwar zu dem Schluss, dass er es auch bei dem einen Song hätte belassen können, anstatt rundherum ein langatmiges, höchst mäßiges Album aus genau den Bestandteilen in ungünstigerer Gewichtung zu basteln, aber immerhin hört man den Track sehr gern.

5.

 

Anomaly

 

The Dream Walker
2014

 

Eigentlich ist es ja bizarr, dass man sich zwar leidenschaftlich über die schiefen, tonarmen Gesangseinlagen von Tom DeLonge echauffieren kann, im gleichen Atemzug aber eingestehen muss, dass ruhige, vielleicht gar akustische Songs immer schon eine seiner ausgewiesenen Stärken waren. Anomaly reiht sich da nahtlos ein und bietet einen der stimmungsvollsten und besten Refrains, die er in seiner Karriere geschrieben hat. Zumindest in puncto Percussion ist der zwar suboptimal instrumentiert - gegen einen Auftritt rein an der akustischen Gitarre hätte da nichts gesprochen -, trotzdem bleibt das ein kleiner Makel neben der großartigen Melodie, die einem abseits der etwas mageren Strophen präsentiert wird. Und das tangiert noch nicht einmal den gefühlvollen Text, der im krassen Widerspruch zum Gros der Diskographie steht.

4.

 

Everything's Magic

 

I-Empire
2007

 

Dieser Reinfall mit Anlauf, den "I-Empire" darstellt, kann durch nichts wirklich relativiert werden. Gefangen in einer unheilvollen Suppe aus diesem 80er-Synth-Pop-Rock-Kitsch, verbunden mit dem pseudo-spacigen Synth-Kitsch, den so fast nur DeLonge drauf hat, und noch dazu viel zu oft latent unmelodisch und lähmend melodramatisch bleibt wenig übrig, was sich loben ließe. Everything's Magic verdient genau das aber doch, weil es eben eher dem 80er-Synth-Pop-Rock zuzurechnen ist und da der Vorteil besteht, dass die starke Hook nicht nur dank der Produktion latent am Glitzern ist, sondern dank des Tempos auch noch den nötigen Drive hat, um sich erbarmungslos ins Gedächtnis zu fressen und den Eindruck eines erfrischend lebhaften und unbeschwerten Moments für die Band zu hinterlassen.

3.

 

Bullets In The Wind

 

The Dream Walker
2014

 

Ein verführerisches Intro hat der Track auf alle Fälle, was hauptsächlich dem unwiderstehlichen Riff geschuldet ist. Der ist auch zur Abwechslung einmal wirklich gut produziert, marschiert entsprechend gut mit dem pulsierenden Bass dahin. Selbst die unheilvolle Vorliebe der Band für diese kristallin klaren Claps und Schnipser, die immer wieder zu hören sind, kommen gegen so harmonischen und wohlgeformten Sound nicht an. Zwar haftet dem Track gleichzeitig das umgekehrte Problem von Anomaly an, nämlich dass hier die Strophen erstklassig, der Refrain aber vergleichsweise brustschwach daherkommen, im Gesamtpaket gibt es aber latent wenig zu bemängeln.

2.

 

One Last Thing

 

Love: Part Two
2011

 

Ich kann mir nicht helfen, aber wenn ich dieses Intro mit seinen kratzigen Synthesizern, die jangligen Riffs und die wuchtigen Drums mit ihrem World-Beat-Rhythmus höre, hab ich immer das Gefühl in irgendein 90er-Adventure-Game einzutauchen. Jetzt sollte man wissen, dass ich keiner besonderer Gamer bin und dementsprechend der Startvorteil durch solche Assoziationen ein vernachlässigbarer ist. Aber es hat nie einen Track der Band gegeben, der einen beim Zuhören unruhiger macht und trotz Mangel an spacigen Avancen diesen Charme eines Abenteuers irgendwo da draußen weit weg von der Heimat suggeriert. Damit bewegt man sich zwar direkt auf den Pathos zu, den DeLonge seine Heimat nennt, es bleibt einem aber immer noch der Ausweg, dass man hier einfach einen verdammt gut gemachten, lockeren, ständig in Bewegung bleibenden Synth-Rock-Song hört.

1.

 

Epic Holiday

 

Love
2010

 

So, und jetzt erwähnt gefälligst keiner, dass der Song in einem Til-Schweiger-Film vorgekommen ist. Shit... Ok, aber das ist darf einem den Blick auf die Musik nicht trüben. Die kommt zwar nicht und nicht davon weg, auf Synthie-Ebene den schmalzigsten Sound ever zu kreieren, allerdings stört einen hier nicht einmal sowas. Wenn DeLonge in seiner zweiten Karriere auch nur eine Hook geschrieben hat, für die es sich wirklich gelohnt hat, dann ist es diese. Und wenn es ihm auch nur einmal gelungen sein sollte, diese musikalisch passend in Szene zu setzen, dann mit diesem Track. Es stimmt da einfach alles, sogar die für ihn komplett unübliche Verbindung von Text und Musik auf atmosphärischer und emotionaler Ebene wird hier Wirklichkeit. Vielleicht ist das nicht so schwer zu bewerkstelligen, wenn es tatsächlich mal für einen Feel-Good-Track reicht, aber dieses Gefühl von "Ich war doch mal 10 Jahre alt und damals hatte ich im Sommer coole Ferien und musste nicht in der Straßenbahn schwitzen - schöne Zeit" zieht sich durch alles hier. Das ist zwar eine Form verklärender Nostalgie, die mir zuwider ist, gegen die Stimmigkeit und die hohe Anziehungskraft in Songform lässt sich damit aber nicht argumentieren.

Schlusswort:

Sollte die Aufgabe gelungen sein, auch einer Band, für die ich nicht viel außer Desinteresse, mäßiger Antipathie und schwelendem Unwohlsein empfinde, trotz solcher Hindernisse einigermaßen fair und mit der für das Top-10-Format würdigen Wertschätzung zu begegnen, hätte das durchaus etwas für sich. Ist dem nicht so, bleibt nicht viel außer der Verweis darauf, dass Angels & Airwaves zu wenig dafür getan haben, wirklich ernstgenommen zu werden. Immer dann, wenn ihnen das gelungen ist, wurde allerdings durchaus starkes, in seltenen Fällen großartiges Material daraus. Genau das ist es, was man hier findet. Bei der Menge an Output und dessen durchschnittlicher Qualität ist das Projekt zwar trotz allem eine Fehlkalkulation vom ersten Tag an, in Form der richtig ausgewählten Songhappen können Tom DeLonge und seine wechselnden Mitstreiter aber durchaus auf dem richtigen Weg angesehen werden. Man müsste ihn ganz einfach öfter gehen, ansonsten kommt wohl nie besseres heraus als bisher.

 

Kristoffer Leitgeb, Nothing's-Magic-Person