Weezer - Raditude

 

Raditude

 

Weezer

Veröffentlichungsdatum: 30.10.2009

 

Rating: 3.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 04.10.2013


Peinliche Songtexte, noch peinlichere Sound-Experimente, ein Album, das bei Zeiten einem Witz gleicht.

 

Wir schreiben das Jahr 2009. Genauer gesagt den 30. Oktober. Ein Freitag, in der Slowakei ist mal wieder Nationalfeiertag und die Welt begeht freudig den Internationalen Tag der orthopädischen Krankenschwestern (kein Scherz, den gibt es). Just an dem Tag bringen Weezer, damals ohnehin nur mehr Rivers Cuomo mit Begleitband, ihr siebentes Album heraus. Bis dahin haben die Kalifornier ja eigentlich mit jeder neuen LP einen Sinneswandel geboten. Da gab's das Nerd-Album schlechthin, bekannt als Weezer's "Blue Album", das Depressions-Meisterwerk "Pinkerton", den faden Pop-Ausverkauf mit dem "Green Album" und natürlich die unrühmlichen Versuche, die Cash Cow Weezer möglichst auszuschlachten, sprich die Pop-Alben der letzten Jahre. Wo wir dabei sind, genau in diese peinliche Kategorie gehört "Raditude".

 

Aber zuerst nochmal zurück zum Anfang. Bevor einem nämlich "Raditude" entgegengeworfen wurde, kam Leadsingle (If You're Wondering If I Want You To) I Want You To. Und die kann man durchaus als positive Überraschung werten. Denn auch wenn einen die Story über die wenig glückliche Sommer-Romanze nicht vom Hocker reißt, so bleiben doch Zeilen wie: "We watched Titanic and it didn't make us sad (....) Your mom cooked meatloaf, even though I don't eat meat", die einen an die alten Nerd-Zeiten erinnern. Das begleitet von einem ansteckenden Beat, sympathischen Akustik-Gitarren und Cuomos Fähigkeit, aus den lahmsten Riffs eingängige Melodien zu basteln, reicht vollkommen. Zumindest fast. Denn die großen "Pinkerton"-Zeiten leben auch hier nicht wieder auf, das wird bereits hier klar.

 

Leider noch viel mehr, wenn man sich den Rest der LP anhört. Denn da erwartet einen zum Beispiel eine musikalische und lyrische Zumutung wie Can't Stop Partying. Da geht's, welch Überraschung, um's Partymachen. Okay, möchte man sagen, das gibt's auch in gut. Hier nicht. Denn abseits von einem harten Dance-Beat besitzt der Song nichts, was man als anziehend bezeichnen könnte. Billigste Synthie-Sounds treffen auf Pseudo-Rapper Rivers Cuomo und einen lachhaften Gastauftritt von Lil' Wayne, der es tatsächlich schafft schlechter als Cuomo zu rappen. Oder das grenzgeniale Love Is The Answer. Bei all den gescheiterten Versuchen die Beatles zu kopieren, das wird selten SO schief gegangen sein. Der Weezer-Trip in Richtung indische Musik, samt Sitar und netter indischer Begleitstimme versagt auf allen Ebenen. Textlich spätestens mit der Zeile: "Love is the answer, you have got to trust in the world" eine Frechheit, musikalisch zwischen einschläfernd und, weil's kein besseres Wort dafür gibt, peinlich.

 

Aber, so ehrlich muss man sein, so ganz verlernt haben sie's doch nicht. Das beweist zumindest Put Me Back Together eindrucksvoll. Denn da passt wirklich alles zusammen. Cuomo hält sich gesanglich zurück, das Der-Ex-Freundin-Nachweinen ist nicht neu, aber doch irgendwie authentisch umgesetzt und für einen Power Pop-Track baut sich da doch überraschend viel Feeling auf. Ganz zu schweigen davon, dass das die einzige Nummer ist, die man als perfekt arrangiert bezeichnen könnte. Kein Understatement und trotzdem nicht 'over the top', da sitzt alles. Und auch sonst findet sich so manch Interessantes. I Don't Want To Let You Go schafft's dank Elektronik-Sound und Cuomos starkem Gesang keine 08/15-Ballade zu sein, Let It All Hang Out bietet einen Riff, der qualitativ schon fast an Hash Pipe heranreicht, und mit dem schrägen Piano-Track Run Over By A Truck kommt ihnen doch tatsächlich ein gleichermaßen quirliger wie neu klingender Track aus.

 

Und trotzdem, man kommt nicht so ganz weg davon, Vieles zu bekritteln. Denn egal, wo man hinhört, irgendetwas fehlt immer. Mal sind es völlig substanzlose Lyrics die stören - da darf man gerne Get Me Some und das lächerliche The Girl Got Hot nennen - oder wie im Fall von The Underdogs die Tatsache, dass der Song nach einer Minute tot und energielos ist. Bemerkenswert ist, dass Cuomo mit Leichtigkeit starke Teilstücke versaut. Bestes Beispiel: In The Mall. Das beginnt nämlich mit einem Pseudo-Metal-Riff und ähnlich angesiedelten Drums, die einen wirklich glauben lassen, da würde altbekannter Humor aufblitzen. Wenn einem aber Sätze wie: "Take the elevator to the escalator, ride it down and start again!" unterkommen, dann ist da Hopfen und Malz verloren. Da bewegen wir uns nur mehr ganz knapp über den schlimmeren Bloodhound Gang-Momenten.

 

Um das Ganze aber mit einer positiven Note abzuschließen soll gesagt sein, "Raditude" funktioniert zumindest dann, wenn man es nicht Ernst nimmt. Akzeptiert man, dass Cuomo eine Witzfigur mit zu großem Ego ist und dass die Texte teilweise Brechreiz verursachen, dann geht's einigermaßen. Denn oft genug bleibt einem doch wenigstens ein passabler Beat oder ein starker Riff, um das Album unbeschadet zu überstehen. Genau deswegen überleben nämlich In The Mall oder The Girl Got Hot überhaupt erst.

 

Trotzdem fragt man sich, ist das genug? Reicht es, wenn die Macher von Tired Of Sex, The Good Life oder Say It Ain't So sich darauf beschränken nicht grauenvoll zu klingen - was sie ohnehin nicht ganz schaffen. Offensichtlich nicht. Ein ordentlicher Treffer ist eben zu wenig, um an die guten alten Zeiten anzuschließen. Da braucht's mehr. Nachdem die Erwartungen mittlerweile aber schon oft genug heruntergeschraubt wurden, stört "Raditude" auch gleich nicht mehr so viel, wie es sollte.