Weezer - Weezer (Green Album)

 

Weezer

 

Weezer

Veröffentlichungsdatum: 15.05.2001

 

Rating: 4.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 26.09.2014


Inhalts- und inspirationsloser Pop Rock als perfekte Einleitung für das kommende Weezer'sche Jahrzehnt.

 

Viele Eröffnungsphrasen wurden hier ja bereits gedroschen, rhetorische Fragen wurden unbeantwortet ins Nichts gestellt, ein paar haben wir aber noch auf Lager. So zum Beispiel folgende: Kaum einmal hat die Covergestaltung eines Albums so gut dessen Inhalt widergespiegelt. Warum denn, ist ja ganz harmlos das Bildchen? Korrekt. Mit einem zweiten self-titled Album, einem zweiten Bandfoto und doch alles ungleich harmloser und charakterbefreiter als beim damaligen Debüt, dem 94er-Klassiker, kehren die damaligen Nerds und späteren Emos zurück. Nichts zu spüren von infiniter Geekyness, liebevoller Naivität und einem mächtigen Augenzwinkern für ebendiese. Stattdessen gibt's eine biedere, unkreative Zurschaustellung der neuen Identität Weezers. Sie sind eine reine Cashcow.

 

Heute ja nicht einmal mehr das, aber damals mit dem zügigen Multi-Platin schon viel eher. Das allein macht noch keinen Fehlschritt aus, die offensichtliche Leere an fast allen Fronten doch eher. Die Abkehr vom "Pinkerton"-Sound könnte drastischer kaum erfolgen, ist doch abseits vom Bandnamen nichts mehr gleich geblieben. Der Pop-Rock, den das Quartett hier anzubieten hat, ist in solchem Ausmaß auf Radiotauglichkeit getrimmt, dass man von wirklicher Einzigartigkeit schon von der ersten Minute an absehen muss. Derer gibt's hier ohnehin nur 29 - eine unrühmliche Fortsetzung der Laufzeitverkürzung -, eröffnet mit dem knackigen Don't Let Go. Dort kann von Langeweile dann wenigstens keine Rede sein, wenn dem ultrakurzen Drumintro ein poppig-heller Riff dazugestellt wird und Rivers Cuomo wieder mal ein bisschen am Süßholzraspeln ist. Eine Wiederholung früherer Tage ist es dann aber doch nicht ganz, denn Replay-Fähigkeit hin oder her, ein gewichtiges Symptom der Weezer-Reinkarnation des 21. Jahrhunderts zeigt sich nämlich auch hier schon: Diese Band, viel mehr der Mann am Mikro, hat nach dem emotionalen Vorgänger nichts mehr zu sagen.

 

Wir elaborieren das mal etwas ausführlicher. Die Liebe ist es natürlich, die wie immer den Ton angibt und Songs wie Erfolgssingle Photograph, Simple Pages und O Girlfriend zu unsagbar nichtssagenden Momenten macht. Vielleicht liegt es daran, dass die Lyrics nicht im Booklet zu finden sind, an Banalität sind sie nämlich allesamt kaum zu überbieten. Zeilen wie "If you want it, you can have it / But you've got to learn to reach out there and grab it" oder "Oh girlfriend / That's the end / And I'm lost without your love / Oh love" werden einem entgegen gesungen und man sucht vergeblich nach dem ganz eigenen Charakter der beiden 90er-Releases. Ok, soll sein, kein Beinbruch. Denn zu solch einem Tänzchen gehören immer noch zwei, muss eben die Musik tatkräftig aushelfen. Wen wundert's, im Falle der Genannten gelingt es nicht. Träge Mittelmäßigkeit ist es, die sich finden lässt. Mit banalen, auf Albumlänge ewig gleichen Riffs, einer zu sehr auf Cuomos eher uninspirierte Gesangsvorstellung fokussierten Gesamtkomposition und Background- und Refrainschnipseln, die den Hörer schon fast dazu zwingen sollen, doch gefälligst mitzusingen.

 

Den Gefallen kann man ihnen nur selten tun. Die Singleauswahl gelingt aber letztlich doch ordentlich, bilden doch die Hits Hash Pipe und Island In The Sun die gelungene Speerspitze der LP. Netterweise dann auch gleich in völlig unterschiedlichen Sphären. Ersterer bringt nämlich, hier zum einzigen Male erfolgreich, die eigenwillige, schräge Natur früherer Songs zum Vorschein. Getrieben vom markanten Hard Rock-Riff - jeder kennt ihn, keiner weiß es -, wird die Nummer neben einem unerwartet harten musikalischen Weckruf vor allem zur Bühne für Cuomos charakterstarke Gesangsperformance mit dem ewig im Ohr bleibenden Wechsel vom üblichen Stimmchen hin zu mit Kopfstimme vorgetragenen Eunuchenklängen. Ein Fest für alle, die hier nach etwas Ausgefallenem suchen, insbesondere da von fehlendem Pop-Appeal trotz des Hard Rock-Sounds und gewöhnungsbedürftigem Gesamteindruck keine Rede sein kann. Dem folgt eine beinahe Zen-buddhistische Übung in Entspannung. Das äußerst zurückgelehnte Island In The Sun, heute noch Radio-Favorit aller Herren Länder, wird zu einer der smoothsten Nummern der Band samt lockerstem Beat und träumerischen Vocals, den Text in ähnlichen Welten nicht zu vergessen.

 

Es bleiben aber eben doch die einzigen Charakterstücke. Die kurzen Crab und Knock Down Drag Out sind die perfekten Beispiele, warum das "Green Album" nicht funktioniert. Die potenziell sehr netten Melodien und Gitarrenstückerl sind leider gekennzeichnet von einer energiebefreiten Müdigkeit, wie man sie in der Form dann doch seltener sieht. Ein perfekter Angriff auf die bis dahin vorherrschende Supermarkt-Beschallung, denn zu bemängeln gibt's im Vorbeigehen so wirklich gar nichts. Nur wer sich die Mühe macht hinzuhören, wird erkennen, dass es ebensowenig hervorzuheben gibt. Es ist eine LP, deren vorherrschender Charakter jener der Charakterlosigkeit ist. Das hat seine Vorteile, aber dann auch wirklich nur für den Casual Listener, weniger für jemanden, der sich in Musik gerne verlieren oder irgendwann dann auch wieder darin finden will.

 

Geht eben schwer, denn in diesen zehn Tracks kann man nicht versinken, dafür gleichen sie in ihrer Seichtheit zu sehr dem Neusiedler See. Ein paar Erinnerungsstücke an bessere Zeiten erlaubt sich die Band aber doch und mit einem Mal sieht die Bilanz dann nicht mehr so düster aus. Immerhin tut einem hier wirklich nichts weh und gepaart mit zumindest zwei potenziellen Kandidaten für die Weezer-Bestenliste ergibt das ein im Wissen um die Bandgeschichte enttäuschendes, in der großen Welt der Popmusik aber verschmerzbares Unvergnügen. Leider taugt die LP aber so nicht nur nicht als Fortsetzung der ach so kurzen perfekten Phase von Cuomo & Co, es ist auch bereits die ideale Einleitung für ein alles andere als ideales Jahrzehnt für Weezer.