Vampire Weekend - Father Of The Bride

 

Father Of The Bride

 

Vampire Weekend

Veröffentlichungsdatum: 03.05.2019

 

Rating: 7.5 / 10

von Mathias Haden, 22.06.2019


Die Rückkehr nach sechs Jahren als sommerliches, leicht zerfahrenes Pop-Brimborium.

 

Es war einer der einnehmendsten Momente der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Annie und Bryan liegen sich plötzlich wegen Nichtigkeiten in den Haaren und Papa George, der auf diese Gelegenheit gelauert hatte, nimmt den drohenden Schwiegersohn unter seine Fittiche um ihn endgültig loszuwerden, erkennt aber in einer schicksalhaften Fügung reflektierter Denkart die Liebe zwischen dem ungeliebten Burschen und seiner geliebten Tochter und die eigene Unfähigkeit, seine Annie in ihr eigenes Leben zu verabschieden. Ein alles überstrahlendes Statement und ein Plädoyer für väterliche Liebe und Selbstreflexion, kurzum: ein magisches Kinoerlebnis ward geboren, das uns die Tücken der Vaterschaft in all seinem Facettenreichtum vor Augen geführt hat. Was das alles mit Vampire Weekend zu tun haben könnte, erschließt sich vielleicht nicht auf den ersten Blick, Roger Ebert dürfte das erfolgreiche Remake aber gefallen haben, außerdem dürfte soweit ich weiß bisher in keinem Review hier erwähnt worden sein, dass Steve Martin ein cooler Kerl ist.

 

Vielleicht hat es deshalb sechs ganze Jahre gedauert, bis New Yorks beste Band der letzten Jahre wieder ein Album im Kasten hatte. Womöglich hatte man den Titel Father Of The Bride schon im Kopf, als man 2016 mit den Arbeiten begann, wollte dem Namen der legendären Komödie aber gerecht werden. Wie auch immer, sechs Jahre hat es also gedauert. Sechs Jahre, in denen viel Wasser den Jordan runter geflossen ist, sofern dieser nicht mittlerweile auch schon vertrocknet ist. Fans von Vampire Weekend dürften jedenfalls eine schwere Zeit durchlebt haben, hatte ihre Herzensband mit der letzten LP doch ihren künstlerischen Zenit erreicht. Sechs Jahre später dürfen sie sich zwar damit trösten, dass sie sich - abgesehen vom neuen Album selbst - endlich vom alten Smiths-Gassenhauer Half A Person eine persönliche Bedeutung mit auf den Weg geben lassen können ("Call me morbid, call me pale / I've spent six years on your trail"), doch hat die Zeit auch bei Ezra Koenig und den beiden Chris (Baio und Tomson) seine Spuren hinterlassen. Aufmerksamen Lesern des Modern Vampires Of The City-Reviews dürfte nämlich aufgefallen sein, dass da ein Name fehlt. Der Mann mit dem schillernden Namen Rostam Batmanglij hat sich nämlich in der Zwischenzeit verabschiedet und bereits zwei Alben per eigenem Namen unter die Leute gebracht.

 

Und man kann an dieser Stelle schon konstatieren, dass Batmanglijs fehlende Präsenz durchaus zu spüren ist. Immerhin war der Mann maßgeblich an der Komposition der Stücke beteiligt, an den Instrumenten ohnehin das fähigste und ambitionierteste Bandmitglied. Nicht umsonst vertraut Frontmann Ezra Koenig auf der vierten LP mehr auf andere Co-Songwriter, Produzenten und Samples, lädt zudem auch zwei Gastsänger zum gemeinsamen Stelldichein. Eine davon ist die HAIM-Schwester Danielle Haim, die sich auf drei der achtzehn Tracks als Lead-Sängerin einfindet (andere mit Background-Vocals veredelt) und einen wunderbaren Gesangspartner für Koenig darstellt. Bereits auf dem Opener Hold You Now stellt sie mit ihrem schönen Part ("This ain't the end of nothing much, it's just another round / I can't carry you forever, but I can hold you now") ihre enorme Nützlichkeit unter Beweis, mit den anderen beiden, dem wunderschönen Duett Married In A Gold Rush und dem herrlich schunkelnden We Belong Together, das Batmanglij als letztes (Hochzeits-)Geschenk zurückgelassen hat, untermauert sie endgültig ihre enorme Bedeutung für die Vitalität von Father Of The Bride.

 

Generell liegt hier ja eine Aufbruchsstimmung in der Luft, die wunderbar zum Wetter passen würde, würde das Thermometer nicht immer wieder in tropische Regionen ausschlagen. Die Melodien schweben elegant durch den Raum, Koenigs samtiger Tenor ist nach wie vor auf der Höhe seiner Macht und auch das Songwriting ohne den ehemaligen Wegstreiter stimmt über weite Strecken der LP. Gerade am Anfang lassen sich Vampire Weekend nicht lumpen und zaubern einen potenziellen Klassiker nach dem anderen aus dem Hut. Harmony Hall wurde zwar um eine Zeile von Finger Back des Vorgängers herum zusammengebastelt, strahlt hier in seiner positiven Energetik und den geschmeidig integrierten World Music-Einflüssen aber als zentrales Stück. Auch das kurze Bambina kann durchaus als Reminiszenz der letzten beiden Alben herangezogen werden, ist mit seiner achterbahnhaften Dramaturgie aber ein kleines, betörendes Pop-Spektakel und mit This Life liefert das Album - wiederum im Anschluss - ein hochmelodisches Highlight, das sich nicht nur dank seiner sommerlichen Heiterkeit und memorablen Zeilen wie "I've been cheating on, cheating on you / You've been cheating on me / But I've been cheating through this life and all its suffering" fest in den Gehörgängen verharkt. Dazu kommt noch, dass Koenig auf dem kürzesten Stück der LP (2021) der größte Coup gelingt. Denn endlich würdigt einmal ein erfolgreicher Pop-Künstler dem überragenden Hosono Haruomi, dessen Beiträge im elektronischen Bereich mitverantwortlich dafür waren, wie sich Synthpop und Co. um die 80er-Wende entwickelt haben. Sein Stück Talking vom hübschen, meines Wissens nach nur auf Kassette veröffentlichten Hana Ni Mizu dient hier jedenfalls als Unterlage. Was sonst passiert, ist auch sehr nett, wäre aber in Wirklichkeit ziemlich egal. Lang lebe Hosono!

 

An dieser Stelle kann man also festhalten, dass Father Of The Bride durchaus nicht mit Höhepunkten geizt, dabei hat man noch gar nicht essenzielle Stücke wie Stranger oder den bittersüßen Closer Jerusalem, New York, Berlin besprochen. Festhalten muss man aber auch unbedingt, dass das Album mit seinen Ambitionen bzw. mit der Vielfalt seiner bislang mit Abstand längsten Tracklist zu kämpfen hat, phasenweise etwas zerfahren ist und nicht jedes Schlagloch bestens wegsteckt. Immer wieder platziert die Band nämlich Stücke, die der Abwechslung der LP vielleicht recht zuträglich sein mögen, aber nicht viel zur Güte dieser beitragen. Die Flamenco-Rhythmen von Sympathy in Kombination mit seinen unheilvollen Lyrics und Backgroundchants mögen in der Theorie zwar ansprechend anmuten, in der Praxis rauscht das Ganze aber ziemlich an einem vorbei und wenn eine Strophe mit "Judeo-Christianity, I'd never heard the words / Enemies for centuries, until there was a third" beginnt, dann bringt mich das in eine gewisse Bredouille. Wie auch immer, alles will hier einfach nicht aufgehen, deswegen sind die beiden Stücke mit dem zweiten Gastsänger Steve Lacey nicht mehr als ganz nett und deshalb macht die Kanye West meets Bon Iver-Reminiszenz von Spring Now nicht ganz so viel Spaß wie erhofft.

 

Bleibt unterm Strich also ein Album, das großartig beginnt und sich auch sonst wacker hält, dem man den Abgang einer sehr prägenden Figur aber deutlich anmerkt und das seine Ambitionen, nach sechs Jahren möglichst viel und möglichst interessanten Content zu bieten, nicht immer gerecht werden kann. Wir werden es verschmerzen. Wie Papa George obliegt es nun nämlich uns, Vampire Weekend ihrem Schicksal zu überlassen.