Townes Van Zandt - For The Sake Of The Song

 

For The Sake Of The Song

 

Townes Van Zandt

Veröffentlichungsdatum: ??.12.1968

 

Rating: 7 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 26.10.2018


Ein vom ersten Ton an der Melancholie ergebener Singer-Songwriter im Clinch mit der Produktion.

 

Zwar kann man die Karriere eines kommerziell so unbeschreiblich erfolglosen, künsterlisch aber in der Retrospektive so unbeschreiblich gefeierten Musikers wie Townes Van Zandt ganz plakativ als eine Ansammlung von Missverständnissen bezeichnen. Ein kurzer Blick hinein in den Werdegang des Texaners reicht aber, um zu dem Schluss zu kommen, dass es nur ein großes Missverständnis ganz zu Anfang gebraucht hat, um alles, was noch folgen sollte, unter einem schlechten Stern stehen zu lassen. Dabei ist nichts Dramatisches an diesem Debüt, das zu einem Gutteil eben so klingt, wie diese personifizierte Mixtur aus Blues-, Folk- und Country-Musiker immer geklungen hat. Trotzdem sollte dieser Elferpack an Songs ein kaum beachteter Achsbruch sein, ohne schwach zu wirken. Der Grund dafür ist nicht beim Singer-Songwriter selbst und dann doch wieder bei ihm zu suchen. Er ist so nebenbei auch auf einem surreal exzentrischen Cover wiederzuentdecken, das einen Aspekt der LP durchaus passend beschreibt, den es so nie gebraucht hätte. Deswegen ist "For The Sake Of The Song" dann auch ein Album, das nicht zu wenig, sondern zu viel anzubieten hat.

 

Und wie jeder andere, der sich diesem Album jemals gewidmet und gleichzeitig etwas für den vereinsamten Troubadour, den Van Zandt in späteren Jahren zunehmend verkörpert hat, übrig hat, heißt der Schuldige am leicht fehlgeleiteten Stil natürlich Jack Clement. Der gute Clement, damals Starproduzent in Nashville und bereits als integrale Figur der Rock'n'Roll- und Country-Szene anerkannt, hat als der für den Sound zuständige nicht ideal zu Van Zandt gepasst. Zumindest muss man das annehmen, weil der eigentliche Künstler der beiden in den Folgejahren alles daran gesetzt hat, die hier versammelten Tracks mit Neuaufnahmen ins richtige Licht zu rücken. Gleich vorweg sei gesagt, dass das definitiv nicht bei allen gelungen ist und dieses Album gerade dort, wo die Klassiker zu finden sind, oft genug den richtigen Ton trifft. Aber es liegt auf der Hand, dass man jemandem, der seine Legende letztlich vor allem auf Melancholie, Einsamkeit und schwelender Todessehnsucht aufgebaut hat, mit einem so verspielten, mitunter kitschigen und dem Zeitgeist in puncto Country- und Baroque-Pop-Einschlag ergebenen Klang nicht sonderlich hilft. Tatsächlich lässt sich trefflich darüber streiten, ob man denn nun die Drums, die zusätzlichen Gitarristen oder aber den immer wieder aufflammenden Background-Harmoniegesang gebraucht hätte. Doch andere Entscheidungen wirken schlicht schwachsinnig im Lichte des Materials, das präsentiert wird.

 

Allen voran trifft das einen Song wie Sad Cinderella, der zugegebenermaßen mit seinem Titel eine entsprechende romantische Aufmachung herausfordert, allerdings nicht im geringsten davon profitiert. Das könnte daran liegen, dass absolut nichts an Van Zandts Stimme und Gesang darauf hindeutet, dass man ihm ein Cembalo und die nicht und nicht verstummenden Cymbals zur Seite stellt. Jetzt ist der Texaner schon generell einer von der süßlicheren Sorte und dann bastelt man ihm noch ein Arrangement, das nicht die wehmütige Komponente des Songs betont, sondern voll in den Kitsch-Overdrive geht. Immerhin bleibt es bei diesem einen Cembalo-Schnitzer, auch wenn die mit Hammond-Orgel, schwülstigem Chorgesang und Mandoline belasteten Many A Fine Lady und The Velvet Voices ähnlich mäßig klingen und nie in die Verlegenheit kämen, einen wirklich zu berühren. Womöglich liegt dort auch der Hund begraben, der den großen Unterschied zu "Our Mother The Mountain" ausmacht. Van Zandts Songwriting ist nicht wirklich anders, eigentlich ist es genauso dezent und subtil wie in späteren Jahren auch. Allerdings tun sich neben den definitiv zu findenden starken Momenten zu viele Lücken auf, in denen aber nicht nur die angefüllte Backing Band reinfunkt, sondern mitunter der Sänger selbst darum kämpft, wirklich Atmosphäre aufkommen zu lassen. Quicksilver Daydream Of Maria mag beispielsweise als einer seiner Klassiker gelten, schunkelt aber hier wie auch in seiner der späteren, musikalisch drastisch reduzierten Version zu sehr dahin, um jemals emotional eindringlich zu wirken.

 

Aber es gibt sie, wie gesagt, die Klassiker, die auch hier in klassischer Van-Zandt-Manier stark klingen und mitunter sogar von den ausdrucksstarken Arrangements profitieren. Der eröffnende Titeltrack gehört zumindest nicht zu letzteren, allerdings klingt die romantische Ballade mit den Drums im Hintergrund und den unterstützenden Flötenpassagen um nichts weniger zärtlich und gefühlvoll als in ihrer dezenteren Version. Genauso verlieren I'll Be Here In The Morning oder das womöglich trotzdem stilistisch zu sehr in Richtung Western abdriftende Sixteen Summers, Fifteen Falls ihre poetische Qualität und zeigen die Stärken des Songwriters sowohl mit träumerischen Liebeserklärungen als auch mit den drückenden Geschichten, die die triste Atmosphäre des harten, traditionsbewussten Old South in den USA heraufbeschwören.

Zu einer wirklichen Überraschung gerät im Hinblick auf die oft durchwachsene musikalische Begleitung der Umstand, dass sowohl Tecumseh Valley als auch Waiting 'Round To Die mit den volleren Arrangements ungleich besser klingen als in der puristischen Akustikvariante späterer Alben. Natürlich geht das nur bei Songs wie diesen, die Van Zandt schon prinzipiell in klassisches Country-Terrain bringen und bei denen eine entsprechende Unterstützung durch Backgroundstimmen, Drums, Klavier und auch das höhere Tempo auf offene Ohren stoßen. Nichts profitiert davon so sehr wie das düstere Waiting 'Round To Die, das textlich und musikalisch in Richtung Outlaw Country abdriftet und dessen in jeder Sekunde spürbare Hoffnungslosigkeit noch dadurch bedenklicher wird, dass es tatsächlich der erste Song gewesen sein soll, den Van Zandt je geschrieben hat. Wenn irgendjemand daran zweifelt, dass sein Weg in Richtung langsamem Verfall und dauernden Depressionen nicht vorgezeichnet war, dann wird er das bei solchen Zeilen aufgeben müssen:

 

"Sometimes I don't know where this dirty road is taking me
Sometimes I can't even see the reason why
I guess I keep on gamblin', lots of booze and lots of ramblin'
It's easier than just a-waitin' 'round to die

 

[...]

 

Now I'm out of prison, I got me a friend at last
He don't steal or cheat or drink or lie
His name's codeine, he's the nicest thing I've seen
Together we're gonna wait around and die"

 

"For The Sake Of The Song" ist eigentlich sonst nie so todessehnsüchtig unterwegs, was wahrscheinlich Vor- und Nachteil gleichzeitig ist. Einerseits bedeutet es natürlich, dass sich Van Zandt doch nicht gleich nach dem Debüt ins Nirvana gesoffen oder irgendwo in den Tod gestürzt hat. Andererseits sollte sich über die Jahre herausstellen, dass sein Geschäft hauptsächlich die vertonte Sehnsucht und Hoffnungslosigkeit sein sollten, hin und wieder unterbrochen von romantischen, beinahe optimistischen Ausreißern. Gerade letzteres hilft ihm auf dem Debüt weniger, weil ihm die Tendenz zu süßlichen, blumigen Liebesliedern und die Oden an die eine oder andere junge Dame vor allem mit den übermäßig plakativen Arrangements von Clement nicht zwingend gut tut. Da hat man dann noch lieber die wohl halb als Scherz gemeinte Dylan-Imitation Talkin' Karate Blues, deren dezenter Rassismus vom selbstironischen Humor Van Zandts übertrumpft wird. Dass er sich daran in Zukunft nicht öfter versucht hat, kann man aber auch nicht unbedingt als Fehler bezeichnen. Solche gibt es auf "For The Sake Of The Song", was aber nichts daran ändert, dass man einen beschlagenen Songwriter präsentiert bekommt, dessen Talent für atmosphärische, dramatische und gefühlsbetonte Songs gar nicht so sehr von dem teilweise überfüllten Sound verdeckt wird, wie man im ersten Moment glauben möchte.