The xx - xx

 

xx

 

The xx

Veröffentlichungsdatum: 14.08.2009

 

Rating: 6.5 / 10

von Mathias Haden & Kristoffer Leitgeb, 22.08.2015


Die Überflieger von der Insel zelebrieren die Vorzüge des Minimalismus mit sphärischem Indie-Pop.

 

"Don't believe the hype" proklamierten Public Enemy einst im Zuge ihrer wachsenden Skepsis an den politischen Versprechen der finalen Jahre der Reagan-Ära. Dass dieser gut gemeinte Ratschlag seit jeher missachtet wird, hat uns seitdem folglich mit Nevermind, OK Computer und in abgeschwächter Form mit so ziemlich allem von Coldplay oder Muse viel Lärm um verhältnismäßig ziemlich wenig beschert. Eine der aktuelleren Hype-Bands setzt auf minimalistischen Indie-Pop, gibt sich auch in ihrer eigenen Namensgebung eher 'keep it simple'-affin und hat mit ihrem selbstbetitelten Debüt 2009 ganz schön viel Staub aufgewirbelt.

 

Das kommt auch nicht von ungefähr, lauscht man etwa der fabelhaften Melodie von Crystalised, das sich mit coolem Bassgezupfe, sphärischem Gitarrensound und dem charakteristischen, gesanglichen Doppelpass zwischen Sängerin Romy Madley Croft und Sänger Oliver Sim um den Titel der besten Single des Jahres bewirbt, erkennt man, dass sich hinter diesen gerade volljährigen Londoner Hipstern mehr verbirgt als nur selbstgefällige Elektronik-Halbstarke. Jamie Smith serviert starke Beats wie im träumerischen Heart Skipped A Beat oder besonders im herrlich melodischen Islands, bei dem sich jangelnde Gitarren und huschende Synthies freudig die Hände reichen, während die beiden Stimmen des Quartetts in unterkühlter Coolness mit jedem Spin besser funktionieren. Das hübsche Pop-Kleinod VCR wird von einem völlig isolierten Xylophon eingeleitet, ehe sich ein smoother Bass und dezente Keyboardspritzer in das gemäßigte Vergnügen stürzen, am schön aufgebauten Infinity spielen vor allem Dramaturgie und ergreifender Gitarrensound die übergeordneten Rollen. An den Songs scheint es also keinesfalls zu hapern; die nächtlichen Stimmungen funktionieren, das narkotische Duo kann zwar nicht besonders gut singen, macht seine Sache hinter den Mikros dennoch ordentlich und seine spärlichen Instrumentierungen werden nur selten zum Sargnagel.

 

Dennoch gehen der LP einige Komponenten ab, die zur wirklichen Rechtfertigung des Hypes beigetragen hätten. So angenehm kühl die Scheibe in ihrer Kargheit anrauscht, so packend die eine oder andere gut versteckte Melodie durchschimmert und so wortgewandt sich die Jungspunde in einigen Momenten auch präsentieren, all das scheint gerade auf Albumlänge doch ausbaufähig. Zwischen ihren Höhepunkten, zu denen man unbedingt noch Night Time mit seinem tollen Gitarrenpart zählen muss, plätschert xx dann doch immer wieder dahin, birgt so neben einiger Längen auch fade Tracks wie Basic Space oder das in seiner Länge immer ermüdender werdende Shelter, dem trotz lediglich vier Minuten eine kleine Abspeckung gut bekomme wäre; zudem kann man die essenziellen Textzeilen auf einer Hand abzählen.

 

Wie auch immer: The xx reüssierten mit ihrem selbstbetitelten Debüt in Magazinen und anderen Medien, eroberten mit ihrem gegen den Strom schwimmenden, reduzierten Sound die Fans der dankbaren Hipsterzunft und meistern insgesamt einen lohnen Einstand. Ihr Debüt mag zwar in vielen Belangen noch Schwächen offenbaren, kann aber mit seinem eigenwilligen Stil doch für etliche kurzweilige, atmosphärische Minuten garantieren, die besonders nächtens eine erfreuliche Eigendynamik entwickeln, und beeindruckt in erster Instanz als Kreation vierer versierter Grünschnäbel, allen voran natürlich Jamie Smith, der die LP auch noch produzierte. Ein Hoch also auf ihn, auf kleine Hypes und missachtete Ratschläge und natürlich auch auf unseren Nachwuchs!

 

M-Rating: 7 / 10

 


Ein Drahtseilakt zwischen schüchterner Anziehung und monotoner Langeweile.

 

Der allumfassend ziemlich richtigen Beschreibung des Kollegen folgend, müsste ja eigentlich eine mörderische Anziehungskraft des visuell wie musikalisch monochromen Debüts der Briten auf mich angenommen werden. Der Minimalismus passt dem Folk-Zugewandten, die karge Atmosphäre dem Goth-Rocker und die jugendliche Romantik in Wahrheit eh so ziemlich allen. Also alles angerichtet für ein in alle Welt hinausposauntes 'Triumph! Triumph!' Dass es dazu nicht kommt, haben die Briten aber schön selbst zu verantworten.

 

Was noch kein so großer Widerspruch zur ewig wohlgesonnenen Natur des Kollegen sein soll, den so ganz lieb und nett und irgendwie talentiert sind die ja eh. Die Jubelstürme von fast allen Seiten lassen sich aber eigentlich nur mit dem Leadsingle-Syndrom erklären, denn nur die präventiv positive Wirkung von Crystalised scheint wirklich zu Höherem berufen. Dort passt die G'schicht in allen Facetten, es lässt sich aber auch ein wunderbares Ineinanderfließen der Einzelteile erkennen wie sonst nirgends auf der Platte. Und das bringt angefangen vom bei weitem dynamischsten Beat, den sie zur Verfügung haben, über den andauernden Doppelpass der beiden Sänger bis zur karg nachhallenden Akkorde an der Gitarre eigentlich vollumfassende Güte, die sich in einem ein bisschen der Mystik anheim fallenden Ohrwurm manifestiert.

 

Für die große Show reicht es in der Folge aber auf keiner Ebene, was allein dadurch hinreichend dokumentiert wird, dass das starke Intro eigentlich das ganze Bandrepertoire ausreichend zusammenfasst. Der Charme von in akustischer Leere nachhallenden Zupfern an der elektrischen oder am Bass ist dabei offensichtlich, auch die Paarung mit Smiths Computerarbeit ist da nicht zu verachten, auch wenn der angesichts seiner zu oft lahmenden Beats mit dem Produzieren eher auf der Gewinnerseite landet. Das ist es aber eben auch für knapp 40 Minuten, zwar wiederum dank Smith mit klanglichem Variantenreichtum, der zumindest die ewiggleichen Zutaten nicht ganz ewiggleichen klingen lässt, aber trotzdem. Deswegen gilt für das auf allen Ebenen kindische VCR das, was auch für Heart Skipped A Beat und Shelter gilt: Sie bleiben in ihrer unspektakulären Einförmigkeit ohne Tiefenwirkung stecken.

 

Hauptverantwortlich dafür ist wiederum das singende Duo, das diese selbstgewählte Spärlichkeit der Musik nur sporadisch wirklich ausnützen und damit legitimieren kann. Islands folgt da noch am ehesten in die Fußstapfen des Single-Erfolgs, gibt sich fast schon aufgeweckt. Auch wenn man in der Pseudo-Poesie der beiden nie dazu kommt, groß Gefühle aufkeimen zu spüren, kann man dort wenigstens noch entspannte Träumereien erwarten. Geht es um mehr, dann helfen nur die späten Ausreißer, die sich überhaupt gleich noch einmal abgespeckter geben als der Rest. Und da gelingen dann nicht nur das vom Kollegen eingeworfene Night Time, sondern auch die drumherum platzierten Infinity und Stars. Die halten trotz Oliver Sims wahnsinnig unterwältigendem Gesangstalent in ihrer schüchternen Zurückhaltung Emotionen bereit, die man sonst selten aus dem Album heraushört.

 

Wer mitdenkt, wird bereits gemerkt haben, dass das trotzdem noch ein kleines Häuferl an Songs ist, für das sich "xx" wiederum lohnt. Doch zwischen diesen anziehenden Momenten klaffen Lücken, die die Frage aufwerfen, wohin man mit lauwarmer, komplett unzugänglicher Poesie und durchwachsenen Vocals hin will, auch weil der anfangs originelle Schmalspur-Sound schon auf dem Debüt wenige Veränderungen erahnen lässt. Aber die Zukunft soll erst mal nicht das Problem sein, die schwarz-weiße Gegenwart der Briten macht ja eh was her.

 

K-Rating: 6.5 / 10

 

Anspiel-Tipps:

- Crystalised

- Islands

- Night Time