The White Stripes - Get Behind Me Satan

 

Get Behind Me Satan

 

The White Stripes

Veröffentlichungsdatum: 07.07.2005

 

Rating: 5.5 / 10

von Mathias Haden, 15.03.2014


Licht und Schatten neutralisieren den radikalsten Stilbruch der Stripes.

 

Man kommt ja nicht drum herum, das amerikanische Powerduo, bestehend aus dem ehemaligen Ehepaar Meg und Jack White, als eine der einflussreichsten Quellen des vergangenen Jahrzehnts zu bezeichnen. Darüber täuscht auch der Umstand, dass es sich bei den 'Streifen' eigentlich um eine Einmannschau handelt, nicht hinweg. Während Kritiker immer schon den zweifelhaften Input der weiblichen Hälfte hinterfragten, mutierte Seven Nation Army zum Welthit und wurde zur Hymne seiner Generation. Heute spielt Jack solo, sofern er gerade nicht mit irgendwelchen eigens gegründeten Bands jammt oder seine Plattensammlung präsentiert, und Meg macht halt - man weiß es nicht. Dafür hat sich bis heute wohl niemand mehr interessiert.

 

Nach dem kommerziellen Durchbruch mit dem vierten Album Elephant und der besagten Single befanden sich die White Stripes auf dem Höhepunkt ihrer musikalischen Laufbahn. Und was tun, wenn man sein erfolgversprechendes Rezept nun gefunden hat? Richtig - das haben wir ja schon öfters gesehen - ganz schnell in eine andere Richtung rudern.

Das Ergebnis: Eine Abwendung von den rohen Gitarrenexplosionen, die den Vorgänger seinen nicht absprechbaren Charme verliehen haben, in Richtung klavierdominierten Low-Fidelity-Klängen, kurz Get Behind Me Satan. Praktizierte das Duo ja im Prinzip auf jeder Veröffentlichung eine kleine Veränderung in Auftreten und Produktion, so wirkt die radikale Trendwende am Fünftling besonders verblüffend.

 

Zumindest dann, wenn sich mit dem Ende von Opener Blue Orchid das bassreiche White'sche Gitarrengewitter gelegt hat. Der kommt allerdings erfrischend rhythmisch und eingängig daher, fast wie ein gelungenes Outtake aus Elephant-Tagen. Danach ist aber vorerst Schluss mit den Reminiszenzen an die glorreichen Zeiten. Was folgt sind etwa vierzig Minuten voller mehr oder weniger geglückter Experimente. Zu ersteren darf man das sehr schräge The Nurse zählen. Hier packt J. White (der Einfachheit halber nur mehr J. & M.) ein interessantes Instrument, die Marimba aus. Die gehört zur Gattung der Xylophone und vermittelt dem Track neben einer hübschen Melodie auch noch eine angenehme Grundstimmung. Ansonsten spielen sich hier dissonantes Geklimper und mehr oder minder melodiöse Balladen den Spielball zu, wie es den beiden Protagonisten gefällt. Außerdem gerät das wesentlich blueslastiger als noch der Vorgänger und auch ein simpel arrangierter Pop-Song mit Folk- und Countryanleihen (Little Ghost) schummelte sich auf die Tracklist und bringt den Stripes-Fan zum Verzweifeln. Die stärkeren Momente hat das Album allerdings in seinen balladesken Minuten, auf denen J. die Aufmerksamkeit noch mehr als sonst auf sich allein lenkt und M. im Hintergrund Däumchen drehen darf. Namentlich sind dies vor allem Forever For Her (Is Over For Me), As Ugly as I Seem und dem simplen Closer I'm Lonely (But I Ain't That Lonely Yet), wogegen das leicht düstere White Moon nicht so funktioniert.

 

Das trifft auch auf die zwei Singles My Doorbell und The Denial Twist zu. Während die erste in ihrer Eingängigkeit spätestens nach dem dritten Spin wirklich nervt, dauert das bei der zweiten schon etwas länger. Außerdem klappt hier das Zusammenspiel aus Drums und Klavier recht ordentlich. Richtig, richtig mühsam wird es aber interessanterweise erst, wenn die Whites versuchen, wieder so etwas wie Energie in die Musik zu bringen. Besonders Red Rain mutiert zwischen zwei ordentlichen Balladen zum polternden Spielverderber.

Der Rest des Albums ist in etwa so unscheinbar wie M.s Fähigkeiten am Schlagzeug: Nichts so schreckliches, als dass meine strahlenden Goldlöckchen unter Qualen einer klaffenden Halbglatze weichen müssten, aber ebenso leicht zu vergessen.

Obwohl man den beiden textlich nicht viel vorwerfen kann, bleibt nach dem Hören trotzdem kaum eine Zeile, an die man sich so gerne erinnert wie an jene des Vorgängers. Zur Produktion muss man ihnen aber gratulieren, die minimalistische Produktion steht den Tracks wie Closer I'm Lonely.

 

Am Ende wirkt man ratlos, ob man das Gehörte in seiner Gesamtheit nun gutheißen soll oder nicht. Die starken Momente sind augenscheinlich da, ebenso die schwachen und auch die unpassenden. Einiges wirkt nicht bis zum Ende durchgedacht, nicht jedem Track steht die spärliche Produktion. Im Endeffekt neutralisieren sich Licht und Schatten und bugsieren die ehemaligen Eheleute ins verdiente Mittelmaß. Die Messlatte war mit dem Riesenerfolg von Elephant aber wirklich hoch gelegt. Und damit verabschiede ich mich an dieser Stelle mit ein paar bislang bewusst vorenthaltenen lyrischen Ergüssen, die von berührend:

 

"And forever for her is over for me

Forever, just the word that she said that means never

To be with another together

And with the weight of a feather it tore into me"

 

bis skurril reichen:

 

"And all the chickens get it

And them singing canaries get it

Whoo!

Even strawberries get it,

I want you to get with it,

Yeah, I want you to get with it"

 

und schließlich in beunruhigenden Ratschlägen von M. in Passive Manipulation münden:

 

"Women, listen to your mothers

don't just succumb to the wishes of your brothers

take a step back, take a look at one another

you need to know the difference, between a father and a lover"