The Weight - The Weight

 

The Weight

 

The Weight

Veröffentlichungsdatum: 17.11.2017

 

Rating: 8 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 21.11.2017


Your words are silver, your sound is gold! Rock, den man sich hierzulande kaum noch erträumt hätte.

 

Der Rock sei tot, behaupten manche. Gene Simmons war so einer, Axl Rose dürfte sich auch schon dazu hinreißen haben lassen und insgeheim halten die, die den Classic Rock noch miterlebt haben, wohl nicht allzu viel davon, wenn der Rock des Hier und Jetzt wirklich mit den Großtaten von damals verglichen wird. In Österreich war der Vorteil diesbezüglich eigentlich die längste Zeit, dass man nicht einmal sagen konnte, ob der Rock in der Form, wie ihn die späten 60er und 70er in den Musikmekkas dieser Welt geboten haben, hier überhaupt stattgefunden hat. Während in London oder drüben über dem großen Teich die Gitarren röhrten, manifestierte sich der rebellische "Rock" Österreichs in Wolfgang Ambros. Irgendwann auch in der Hallucination Company, den Schmetterlingen oder Drahdiwaberl, aber trotzdem. Und als dann Wanda vom Musikexpress zur "vielleicht letzten wichtigen Rock'n'Roll-Band unserer Generation" geadelt wurden, war von Rock herzlich wenig zu spüren. Ganz anders verhält es sich da schon, wenn plötzlich Heavy Rhythm & Roll an der Tagesordnung ist und also The Weight das Rampenlicht für sich beanspruchen.

 

Aus Sicht der Wiener wäre es nun beinahe unfair, ihrem Sound fast ausschließlich mit Erinnerungen an längst vergangene Tage zu begegnen. Aber es sind die bestmöglichen Assoziationen, die der Zehnerpack an Songs hervorruft, also einfach mal drauf los namegedroppt: Das Erdige von CCR mit einem zeitweisen Hauch roher Gewalt aus dem Hause AC/DC, davor postiert die beeindruckend präzise Produktion und die Blues- sowie Soul-Affinität der Marke Led Zeppelin, verfeinert mit der hymnischen Eingängigkeit früher The-Who-Alben und für den endgültigen Gewinn genug Charakter, um nicht als Kopie irgendwelcher dieser Legenden zu enden. Wird mir keiner übel nehmen, diese Beschreibung, die Band verbeugt sich videotechnisch mit Trouble ohnehin schon vor diesen und all den anderen Genregöttern. Und während die relative Wortkargheit keine großspurigen, hoch emotionalen Botschaften nahelegt, zwingt einem alles von der trockenen Härte der Drums über die makellos in Szene gesetzten, verzerrten Riffs im kurzen Solo bis zum melodischen Orgel-Part und Tobias Jussels anachronistisch anmutender Stimme einen einzigen Schluss auf: Bist du deppat, san de guad!

 

Kein Fehlurteil, soviel verrät einem die übrige Tracklist. Das tut sie vor allem deswegen, weil den früher oder später nervigen "Du-Du-Duuhs" von Trouble an anderer Stelle kein Raum geboten wird, stattdessen Hard Way und Inside losgetreten werden wie einige der besten Tracks von Queens Of The Stone Age, gleichzeitig aber dank der mehrstimmigen Refrains und der John-Paul-Jones-Gedenkorgel von Jussel bald einmal die Uhr viel weiter zurückgedreht wird. Man kann sich dann aussuchen, was denn wirklich am ehesten bejubelt werden soll; ob es eher die unerbittlich eingängigen Hooks sind, die muskelbepackten Blues-Riffs von Michael Böbel oder dann doch die archetypischen, fein austarierten Arrangements, die der Rhythm Section genauso ihren Platz lassen wie Klavier und Orgel. Nimmt man sich den eindeutigen Volltreffer der LP, Money Ain't For Keeping zur Brust, ist es eigentlich alles davon und doch hat der grenzgeniale Refrain die Nase vorn. Ansonsten drängt einen im Hard Rock eigentlich nur noch Bon Scott so sehr zum Mitsingen.

 

Jetzt ist nicht alles auf dem Debüt zum Mitsingen gedacht und obwohl AC/DC damit eine Weltkarriere gemacht haben, wäre so eine LP voller Gassenhauer auch schnell einmal dezent langweilig. Deswegen startet man mit A Good Thing irgendwann mittendrin, auch ruhigere Töne anzuschlagen und beweist dabei zwar weiterhin, dass die großen Emotionen nicht mehr kommen, sorgt aber insbesondere dank der starken Drums für einen gelungenen Einstieg in den Midtempo-Blues. Die zweite Hälfte sollte sodann auch, obwohl von Money Ain't For Keeping eingeläutet, markanter ruhiger und vielschichtiger ablaufen. Dreh- und Angelpunkt dessen ist das fast neunminütige Epos Hammer, Cross & Nail, das netterweise nicht in einen zähen Zeppelin-esquen Jam mündet, sondern sich erfolgreich zwischen gesetzten Blues-Riffs und dem länglichen Instrumentalpart ausbreitet. Dass letzterer trotz des vom Bass und den ausartenden Drums angetriebenen Kraftakts im Zentrum eher hymnische, mit leichtem Gospel-Touch gesegnete Töne anschlägt, stört nur ein klein wenig, auch wenn man es nur gerade so schafft, die einzelnen Songteile nicht über Gebühr auszureizen. Dass das auch ganz leicht passieren kann, beweist dann ohnehin gleich Jam, dessen Anflug von Jazz zu Beginn nur sehr kurz charmant ist, weil er in ein insgesamt unförmiges und träges Spektakel mündet, dem urplötzlich eine unnatürliche Übergröße anzuhören ist, die vorher nie spürbar gewesen wäre.

 

Die tut keinem der vier Wiener gut und ist wenigstens auch sonst nirgendwo aufzuspüren, selbst wenn das finale Plenty Of Nothing zu viel Paul McCartney und zu wenig Robert Plant in den Refrain packt und damit allzu zahme Töne anschlägt. Mag jetzt sein, dass da ohnehin der große Verehrer der musikalischen Geradlinigkeit schreibt, aber die Geradlinigkeit ist eben auch hier Trumpf. Dieser Umstand ist im Hard Rock sowieso beinahe Gesetz, das hauptsächlich dann gebrochen wird, wenn sich irgendjemand daran erinnert, dass doch Stairway To Heaven auch nicht gar so geradlinig war. Das stimmt auch, aber wieviele Leute schreiben in ihrem Leben schon ein Stairway To Heaven? Deswegen immer her mit dem galoppierenden Bass, röhrender Gitarre und spröden Drums.

 

Weil das den überwiegenden Teil von "The Weight" ausmacht, der Rest trotz sündhafter Abkehr von dieser Zauberformel auch alles andere als schäbig daherkommt und es eine Offenbarung ist, eine LP vorgesetzt zu bekommen, die so authentisch und erfolgreich an die größten Tage des Rock anzuschließen versucht, darf gejubelt werden. Das umso mehr, weil die dafür Verantwortlichen in Wien residieren und also ein bisschen Lokalpatriotismus aufkommen darf. Während wir den schnell wieder vergraben, ändert die Geografie an der Stärke dieser Band absolut nichts. In dieser Beziehung ist das Debüt von The Weight auch nicht so etwas wie ein Versprechen für die Zukunft, weil diesbezüglich bei der Stärke dieser Songs freudig "The future is now!" verkündet werden darf. Es ergeht also zum Abschluss ein wichtiger Aufruf: Wahret die Anfänge, denn sie klingen selten so souverän und eindrucksvoll!

 

Anspiel-Tipps:

- Trouble

- Inside

- Money Ain't For Keeping