The Offspring - Ignition

 

Ignition

 

The Offspring

Veröffentlichungsdatum: 16.10.1992

 

Rating: 8.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 01.11.2020


Der Höhepunkt an Konstanz im engen Korridor zwischen Hardcore Punk und Grunge.

 

So manche Band übertreibt es schon ordentlich mit den Wartezeiten. Genauso wie die Krankenhäuser! Was mussten Fans von Tool nicht alles erdulden, bis nach dreizehn Jahren endlich die fünfte LP daherkam? Wieviele Wartende hatten wohl das Zeitliche gesegnet, als 15 Jahre nach dem letzten Release von Guns N' Roses irgendwann doch noch "Chinese Democracy" veröffentlicht wurde? Und wieviele fertige Aufnahmen und voraussichtliche, nein, höchstwahrscheinliche Releasezeiten werden eigentlich von Dexter Holland und Kevin "Noodles" Wasserman noch in Interviews genannt, bis dann doch noch einmal in ferner Zukunft so etwas wie ein zehntes Album von The Offspring zu hören sein wird? Letzteres lässt sich nicht beantworten, weil nach acht Jahren der regelmäßig wiederkehrenden Ankündigungen kein Gefühl mehr da sein kann, wann denn nun eine solche ernst zu nehmen ist und wann nicht. Weil das so ist und deswegen einfach besser mit gar nichts mehr gerechnet werden sollte, tut man gut daran, sich stattdessen viel eher den besten Tagen der Band zuzuwenden und diese Revue passieren zu lassen. Es waren natürlich die 90er und damit die Zeiten von "Smash" und damit dem erfolgreichsten Album, das je ein Independent Label veröffentlicht hat. Aber auch die von drei anderen Alben, die allesamt auf ihre Art besser sind als die hochheilige Breakthrough-LP des Jahres '94. Eines davon ist "Ignition", das konstanteste und eindringlichste, was die Kalifornier je zusammengebracht haben.

 

Das mag ausgesprochenen Fans von "Smash" sauer aufstoßen, letztlich ist aber bereits der Vorgänger der Höhepunkt der härtesten Phase der Band. Zu tun hat das damit, dass es die im Hardcore Punk wurzelnden Einflüsse der Band und den damals alles dominierenden Grunge klanglich und textlich so gut miteinander verbindet wie nie. Mit den starken, aber von unterwältigender Soundqualität geprägten Songs des Debüts hinter sich, ist eben nun Platz für starke Songs, die auch wirklich gut klingen. Meist klingen sie auch relativ gleich, was keine komplette Einförmigkeit nahelegen soll, aber dann doch bedeutet, dass das Album zu einem Gutteil aus rauen, krachenden Riffwänden, explosiven, unpackbar schnellen Drums und Dexter Hollands auf Kilometer herauszuhörender, nasal-hoher Stimme besteht. Zwar ist dieses Gemisch gewissen Temposchwankungen und der einen oder anderen inhaltlichen Volte ausgesetzt, im Kern ist es aber ein kompromissloser Hochgeschwindigkeitsritt durch einen Haufen lauter Power Chords, über dem sich Holland die Seele aus dem Leib bellt, während im Hintergrund nicht nur die klassischen Offspring-Chants vom Rest der Band intoniert werden, sondern Greg K. und Ron Welty Bass und Drums pausenlos im Schweinsgalopp durch die Songs jagen. Herrlich, so etwas, wenn es denn so klingt wie im Opener Session, der das Album genauso überzeugend anreißt, wie es am Nachfolger Nitro (Youth Energy) hinbekommen sollte.

 

Auch wenn die stilistische Nähe zu "Smash" offenkundig ist, klingt "Ignition" nicht nur marginal weniger präzise, sondern vor allem auch gedrungener und düsterer. Zu tun hat das schon auch damit, dass dem wuchtigen Sound Texte zur Seite gestellt werden, die wohl insgesamt weniger politisch, aber kaum weniger ernst sind als auf dem Debüt. Zwischen Polizeigewalt, Drogen, Selbstmord, einer gehörigen Portion depressiver Energie, sei es aus eindeutigen oder diffusen Gründen, ist nur wenig Platz für ein paar Minuten, die zwar eher weniger locker klingen, es dann als Hoch auf die Pyromanie aber dann doch sind. Während letzteres in Form des großartigen Burn It Up locker mit dem Rest mithalten kann und das anfängliche Session als wütender Rant des von der Freundin Betrogenen genauso punktet, sind es die dunkelsten Seiten der LP, die am deutlichsten im Gedächtnis bleiben. Grunge-Ballade Dirty Magic ist nicht umsonst ein Bandklassiker und entfaltet in seiner kargen, vom sphärischen, Nirvana-esquen Gitarrensound geprägten Ausgestaltung eine drückende Schwere und atmosphärische Eindringlichkeit, die für den verzweifelten Liebeskummer, der textlich zum Ausdruck kommt, fast schon zu stark ist. No Hero ist ähnlich erdrückend, wenn auch in komplett anderer Form. Mit höherem Tempo und trotzdem klaren Anleihen am Grunge und dessen Laut-Leise-Wechseln, sind es vor allem die Zeilen rund um den Selbstmord eines Freundes, die dem ganzen emotionales Gewicht verleihen und fast komplett verdecken, dass der Track auch melodisch einiges drauf hat. Diese überraschende textliche Qualität bringt wohl sonst nur L.A.P.D. mit, das sich in ungeschminkter Manier der Polizeigewalt in Los Angeles und den Rodney King Riots widmet, ohne diese explizit zu erwähnen:

 

"When cops are taking care of business I can understand

But the L.A. story's gone way out of hand

Their acts of aggression, they say they're justified

But it seems an obsession has started from the inside

 

They're shooting anyone who even tries to run

They're shooting little kids with toy guns

Take it to a jury but they don't give a damn

Because the one who tells the truth is always the policeman"

 

An anderer Stelle ist man etwas eher mit vagen Andeutungen und Allgemeinplätzen konfrontiert, die je nach ihrer Aggressivität und Direktheit mehr oder weniger überzeugen. Ist man beim abschließenden, rebellisch-wütenden Forever And A Day dank der großartigen Gitarreneinlagen und der Härte des Songs kein bisschen am Zweifeln ob der Qualität des Songs, sind die allzu einförmigen und repetitiven Übungen von We Are One und Get It Right zwar solides Liedgut, aber definitiv nichts, über das es sich allzu viele Worte zu verlieren lohnt. Passable Songs sind es, hauptsächlich dank der melodischen Qualitäten und der eingängigen Refrains, viel mehr ist es aber nicht.

Nichtsdestotrotz ist auch das Teil einer Tracklist, die sicherlich Songs ohne Wow-Faktor kennt, aber keine wirklichen Schwachstellen. Diese LP kann auf einen soliden Unterboden an ordentlichen Tracks und ohne merkliche Ausreißer nach unten bauen, wie es sonst keiner von The Offspring gelingt. Wenn selbst Hypodermic und Kick Him When He's Down, die sich beide ohne große Makel ins Ohr graben und dort mit hoher Energie drei Minuten umrühren, zu den schwächeren Momenten des Albums zählen, dann läuft jedenfalls einiges sehr gut.

 

Das macht "Ignition" dann auch zu einem rundum starken Album, das seinen großen Nachfolger genauso wie fast alle übrigen LPs, die The Offspring über die Jahre so veröffentlicht haben, in den Schatten stellt. Hier ist es, dass die Kalifornier ihren Sound finden und definieren und ihn dann gleich auch in aller Frische zur Höchstform bringen. Anscheinend ist der ideale Platz für das Quartett irgendwo zwischen Hardcore Punk und Grunge, wo sich die vorhandenen Qualitäten - die kompromisslose High-Speed-Härte, die melodischen Riffs, die prägnante, aber gesanglich unterwältigende Stimme von Dexter Holland und die hier kaum einmal optimistischen, zwischen Wut, Depression und nur sporadisch Humor steckenden Texte - am besten zur Geltung kommen. Dementsprechend ist es ein kurzweiliger, eindringlicher Ritt durch die zwölf Tracks, der wohl für manche zu sehr der Einförmigkeit und Repetition verpflichtet ist, daran aber insgesamt kaum zu scheitern droht. Dafür ist das, was da ist, dann doch zu überzeugend.