The Cure - Three Imaginary Boys

 

Three Imaginary Boys

 

The Cure

Veröffentlichungsdatum: 08.05.1979

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 17.09.2016


Drei richtungslose Jungs, die der Bestimmung der Band noch nicht auf die Schliche gekommen sind.

 

Es ist anzunehmen, dass unsere Talente und Stärken schon sehr, sehr früh in uns stecken. Vielleicht von Geburt an, vielleicht sogar noch früher. Was die Frage aufwirft, was von Jimmy Page zu hören gewesen wäre, hätte er bereits als Embryo eine Gitarre zur Hand gehabt. Ein ewiges Geheimnis. Back on topic bleibt aber anzumerken, dass wir eben erst irgendwann draufkommen müssen, dass wir auf einem Gebiet was draufhaben, um mit dieser Neigung auch etwas anfangen zu können. Wo stecken also die Talente von Robert Smith und seinen ewig wechselnden Mitstreitern? Wofür wird der Trupp angehimmelt? Atmosphärische Klanglandschaften, penibelst produziert und mit der Fähigkeit, inmitten mäandernder Sounds doch Hooks zu finden. Theatralisch-emotionaler Gesang vom Zeremonienmeister, der sich noch dazu erdreistet, ein paar poetische Zeilen rauszuhauen. Wunderbar, wäre das geklärt. Nichts davon ist auf "Three Imaginary Boys" zu hören.

 

Was dazu führt, dass es falsch wäre, das Debüt der Briten als etwas anderes zu betrachten als The Cure vor The Cure. Nur dem Namen nach und wegen der markanten Stimme von Robert Smith ist das Wenige, was das damals als Trio - und nebenbei schon nicht mehr in Originalbesetzung - werkelnde Gespann in den 70ern hervorgebracht hat, mit dem verbunden, wofür der Bandname bald 40 Jahre später steht. Musikalisch steckt man in mal geordneten, entfernt formschönen, mal wirklich amateurhaften Anbandelungen mit an den Talking Heads anstreifendem Post-Punk und New Wave fest. Das ist schon ganz nett, wenn einerseits Produzent Chris Parry nicht zu viel mitmischen will und andererseits nicht das Gefühl aufkommt, dass die Band in einer vermuteten Mischung aus Naivität und Selbstüberschätzung schon fast gegeneinander spielt. Bleibt man davon verschont, kommen eben nette Melodien wie die von Opener 10.15 Saturday Night heraus, mitsamt ordentlicher, wenn auch unfassbar simpler Bassline, ausgedorrter Gitarrenarbeit und überraschend zurückhaltenden Performances von Smith.

 

Doch diese Zurückhaltung dürfte auch der Tatsache geschuldet sein, dass unter den zwölf, mit Hidden Track dreizehn, Tracks wenig danach schreit, sonderlich herausgehoben zu werden. Zwar weiß Smith seiner Gitarre durchaus manchmal knackige Riffs zu entlocken, zwar kann auch Lol Tolhurst Jahre vor seinem kompletten Niedergang noch halbwegs die Drums beleben, aber die ungewohnt verrohte, mit all ihren Kanten doch irgendwie konturlose Musik schreit nie nach großer Beachtung. Die pulsierende Rhythm Section von Accuracy oder das proto-atmosphärische Geschrammel des Titeltracks, sowas ist keine Bühne für den Mann, der zuerst in klaustrophobischen Sound-Collagen, später in pompösen Synthwänden aufblühen sollte. Und so vertreibt man sich eben die Zeit mit Tracks der Marke "nett", wie es zum Beispiel Meat Hook mitsamt funkigem Unterton und atemlos-repetitiver Vorstellung des Frontmanns ist. All das klingt vordergründig nach Eintönigkeit, die aber eigentlich nicht da ist. Im Gegenteil, das Trio betritt mit jedem zweiten Song neues Terrain. Auf einem Debüt geht sowas eben noch einfacher. Deswegen darf Another Day die erste wirklich Gefühl vermittelnde Ballade sein, während danach Object schon irgendwie nach Garage Rock klingt, danach wiederum der Subway Song als bizarres Kriminalstück ein erstes, musikalisch minimalistisches Experiment mit durchwachsenem Ergebnis darstellt. Doch auch wenn letzterer aus einem ruhig schwelenden Mix aus prägnant-monotonem Bass, zurückhaltender Percussion und der Premiere für einen cineastisch anmutenden Auftritt Smiths mit einem plötzlichen, finalen Kreischen ausbricht und für einen verdammt wachen Moment beim Hörer sorgt, die Abwechslung macht sich kaum bezahlt.

 

Der angesprochene Garage Rock könnte zum Beispiel kaum einer Band weniger stehen als dieser. Smith versinkt mit einer grausamen Darbietung im textlich ohnehin miserablen Song, der außer kratzigen Riffs und großer Antipathie nichts im Gedächtnis hinterlässt. Für manche dieser verzichtbaren Ausritte soll laut Smith Produzent Parry verantwortlich sein. Dass Bassist Michael Dempsey zu seinem einen einzigen Auftritt am Mikro kommt, ist Parrys Verdienst. Und so wird eben Jimi Hendrix' Foxy Lady gecovert. Was soll man sagen? Weder Dempseys Gesang, noch das wirre, jeglicher Koordination entbehrende Herumgeeiere an den Instrumenten legt den Song nahe, auch wenn man nicht umhin kommt, die hier chaotisch zusammengespielten Harmonien, die der Gitarren-Großmeister der Welt vermacht hat, trotzdem noch wohlwollend hinzunehmen. Auch für das unnötige Rhythm & Blues-Stückwerk mit Surf-Rock-Spritzer, genannt The Weedy Burton, findet sich wenig Lob. Nur ein Hidden Track meinetwegen, aber ein verdammt entbehrlicher. Wie auch der Tiefpunkt So What, dessen unpackbare Vocals selbst einem durchaus selbstverliebten Menschen wie Robert Smith heutzutage peinlich sein müssen.

 

Neben erheblicher qualitativer Mängel ist der Kern des Problems folgender: Nichts passt hier zusammen. Das Album kennt, abseits der - wahrscheinlich Budget- und Zeitgründen - geschuldeten hölzernen Produktion keinen verbindenden Faktor. Es tönt wie eine Compilation, zwar fundamental verankert im Post-Punk, aber eben doch wie ein weit weniger geübtes "Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me" in alle Richtungen zerrend. Das hat neben dem offensichtlichen negativen Effekt aber auch den Vorteil, dass man sich umso leichter einfach ein paar Songs rauspicken kann. Und das Cure-Debüt hat auf alle Fälle solche, für die sich das lohnt. Grinding Halt ist eines der frühen Zugeständnisse an anziehenden, leicht bekömmlichen Pop, dessen Hook man kaum die Güte absprechen kann. Und passt die Hook, ist plötzlich auch ein Anflug von wirklicher Harmonie zu spüren. Alles im Fluss und selbst der trotz allem etwas tonlose Robert Smith macht mit seinen in Anflügen depressiven Zeilen eine gute Figur. Das setzt sich fort in Another Day, in dessen gesetzterem Ton sich auch ein Hauch von späterer lyrischer Güte verbirgt, wenn auch noch aufs vage Minimum gestutzt:

 

"The sun rises slowly on another day
The eastern sky grows cold
Winter in water colours
Shades of grey"

 

Die Zeit und vor allem Smiths Geisteszustand waren aber wohl noch nicht reif dafür, auf diesem Vorgeschmack wirklich aufzubauen. Es mangelte wohl an Depression und Selbsthass, die auf "Pornography" alles überschatten sollten. Stattdessen ist man trotz sporadischer Andeutungen von jugendlicher Verzweiflung locker drauf, erlaubt sich mit Fire In Cairo und It's Not You auch in der zweiten Hälfte noch zwei Tracks an der Schwelle zum Ohrwurm.

Sowas macht es dann natürlich leichter, doch noch einmal nett zu sein - mein absoluter strong suit - und The Cure für ihren ersten Albumauftritt zumindest moderates Lob zukommen zu lassen. Die LP lebt die meiste Zeit im durch mäßigen Sound und unausgefeilte Technik bedingten passablen Raum, erlaubt sich mitunter Dinge, die vielleicht nicht gerade unverzeihlich, aber doch mühsam sind. Doch die Talsohlen werden entsprechend ausgeglichen und zumindest das freimütige Hin und Her, dem sich Smith und Konsorten hingeben, imponiert. Wer die 70er-Inkarnation der Band auf der Höhe hören will, sollte wohl trotzdem eher "Boys Don't Cry" mit seiner weitaus günstigeren Tracklist den Vorzug geben. Das hier Gebotene zeichnet sich dagegen vor allem durch eins aus: Hidden talents.

 

Anspiel-Tipps:

- Grinding Halt

- Another Day

- Fire In Cairo