The Cure - Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me

 

Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me

 

The Cure

Veröffentlichungsdatum: 25.05.1987

 

Rating: 7.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 13.07.2015


Ein Tanz auf allen Hochzeiten als umfassende Beleuchtung aller Cure'schen Klangwelten.

 

Es gibt so Zeiten, da läuft's einfach nicht. Also mit der Kreativität. So wie beim gerade tippenden, unwerten Rezensenten, der seit geraumer Zeit keinen lohnenden Lesestoff mehr aus den Tasten geschüttelt hat (Mea Culpa deswegen übrigens!). In der weiten Musiklandschaft wird man nur wenige finden, die von ähnlichen Problemen nicht auch schon geplagt wurden, wenn sie denn nicht früh genug das Zeitliche gesegnet haben. Wie wird die Sache da nicht schwierig, wenn man ziel- und führungslos umher irrt in den eigenen Hirnwindungen, um Inspiration und Fokus wiederzufinden. Das lädt doch geradzu zu katastrophalen Machwerken ein. Da bleibt dann oft nur die Flucht nach vorne, einfach mal aufs Ganze gehen und alles noch Verfügbare raushauen. Ob Robert Smith irgendwann ähnliche Miseren plagten - neben den zig anderen, die ihn zum Depressionspropheten machten -, bleibt fraglich, die siebente LP lässt aber diesen Eindruck ganz kurz aufkommen. Und dann sagt sie einem doch wieder ganz etwas anderes.

 

Es liegt nämlich doch nahe, dass hinter "Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me" tatsächlich so etwas wie ein Plan stand. Immerhin waren The Cure kommerziell am aufsteigenden Ast und, sofern die Musik so ein Urteil zulässt, sogar ziemlich happy. Man war New Wave-Band geworden und das mit Leib und Seele, hat die Goth-Maschinerie für ein Weilchen angehalten. Und dann kommt da dieses Monstrum, dieses gigantische Ding vollgestopft mit allem, was diese Band je bieten könnte. Ein musikalischer Atlas der eigenen Welt, der sich vom jangligen Pop über atmosphärischen Rock hin zur lustigen Probierstunde entwickelt. Man beginnt quasi in der Mitte, also mit den knöchernen Keys von The Kiss und elendslangem Intro, geprägt von verzerrten Gitarrenspielereien. Und damit präsentiert man zwar einen durchaus hellen, wachen Sound, bereitet aber dank Smiths flehenden Vocals trotzdem das bald folgende Opus "Disintegration" vor. Was nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass Smith 1987 einfach besser drauf war und deswegen seine Melodien, seine Soundpicks und sogar seine unheilschwangeren Gesänge weit weg von umfassender Depression agieren.

 

Das konterkariert er bei Zeiten auf merkwürdigste Art, paart er doch seine hellen Arrangements mit sehnsüchtigen oder gar aggressiven Texten. Das bringt einen in den Genuss des dezent orientalisch angehauchten If Only Tonight We Could Sleep, das mit seinen spröden Gitarrenzupfern und den hypnotischen Drums für leicht psychedelische Anwandlungen sorgt, mit Smiths romantischem Jaulen und vor allem den starken Zeilen aber für den gefühlvollsten Moment der LP sorgt:

 

"If only tonight we could sleep

In a bed made of flowers

If only tonight we could fall

In a deathless spell

 

If only tonight we could slide

Into deep black water

And breathe...

And breathe..."

 

Dort, wo die Keyboards ihren bekannt dominanten Part einnehmen dürfen, tut man sich mit der Emotion dafür etwas schwerer. Die oft eher unterversorgten Intros schaffen in ihrer dramatischen Länge - andere haben in der Zeit ihre Songs schon fertiggespielt - zu viel leeren Raum, Smiths Grandezza in Form seiner oft übertriebenen Performances punktet in den monotonen Momenten auch weniger. Deswegen ist One More Time ein fader Loser, genauso wie die unendliche Geschichte von The Snakepit Valium Konkurrenz machen könnte.

Die aggressive Ader, die in den Key-Dissonanzen von Torture oder dem recht harten Gitarrensound von All I Want zum Vorschein kommt, ist schon eher gewinnender Art. Vor allem letzterer belegt die altbekannte Cure-Kunst des sehnsüchtigen Nachweinens wieder einmal in Reinform und sorgt so für andernorts mangelnde Tiefe.

 

Genau diese eher seichte Natur der LP zeigt sich aber des Öfteren als Nährboden äußerst starker Momente. Leadsingle Why Can't I Be You? präsentiert einem die Goth-Helden auf eine ausgelassene Art, wie es nicht einmal Lovecats gewagt hat. Smith kramt seine kitschigsten Zeilen aus und packt sie in dieses gleichzeitig grausame und unglaublich anziehende Gemisch aus jangligen Gitarren, bouncy Bass und schrillsten Keyboard-Tönen. Was herauskommt, könnte der beste wirkliche Up-Beat-Track der Band sein, ein Top-Ohrwurm ist es allemal. Und solcherlei soll es einige hier geben, auch wenn wenige der Aufgabe ganz gewachsen sind. Hey You! versucht es auf die überdrehte Art, gibt sich als klassisch glitzernder 80s-Track mit starkem Saxophon-Gastspiel und verblüffend stupiden Lyrics. Ähnlich auch Hot Hot Hot!!! als anstrengender Funk-Abkömmling. Wirkliche Konkurrenz für die Leadsingle wartet aber in Form von Just Like Heaven, der legendären Pop-Hymne, die jangliger und verträumter kaum sein könnte und vom lockeren Bass über die sphärischen Keys bis zu Smith in gesanglicher Topform alle nötigen Cure-Zutaten in sich vereint. Und irgendwo war noch einer, ach ja, How Beautiful You Are... Der traut sich wirklich voll einzuschlagen, macht musikalisch als melancholischer Pop-Track alles richtig und finalisiert mit dem nachdenklichen Text gekonnt.

 

Dieser allen Konventionen gerecht werdenden Meute steht nur noch das eine oder andere mutige Experiment gegenüber. Das kommt mühsamer im schrägen Like Cockatoos, dessen sperrige Bassline und alles vereinnahmende, mühsame Percussion nicht gar viel hergeben. Wirklich lohnend wird es aber mit dem beeindruckenden Icing Sugar, dessen elektrisierende, unausweichliche Rhythm Section, gepaart mit wachsten Sax- und Key-Passagen, dazu leichten Riffs, für den ausgefallensten Moment des Albums, aber mit Sicherheit auch einen der besten sorgen.

 

Und damit endet quasi eine Odyssee durch die gesamte musikalische Bandbreite des Cure-Universums. Ein ganz normales Studioalbum, das in seinem gewaltigen Umfang - auch mit 'nur' 75 Minuten - trotzdem den größten Teil der Karriere zusammenfasst. Damit geht man nicht baden, auch wenn der Ritt dank ständig wechselnder Stimmungslagen und so manch zäher Minute ein holpriger ist. Qualität beweist man aber allemal genauso wie auf anderen 80er-Alben der Band, was immer noch den ein oder anderen Volltreffer bedeutet. Es scheint also nicht weit her zu sein mit dem von mir angedichteten Kreativitätsloch der Robert Smith. Stattdessen sprudelt es aus ihm heraus wie nie sonst und lässt alle Dämme brechen, auf dass Gut und Böse auf einen losgelassen werden und ein vielsagendes Album als Endprodukt auf dem Tisch liegt.