The B-52's - Good Stuff

 

Good Stuff

 

The B-52's

Veröffentlichungsdatum: 23.06.1992

 

Rating: 4.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 08.05.2021


Den größten Erfolg gerade erst gehabt, hat sich der ureigene Stil dennoch schmerzhaft selbst überlebt.

 

"The world has turned and left me here" sangen dereinst nicht die schrägen Vögel der B-52's in ihrer charakteristischen Mehrstimmigkeit, sondern viel eher ein gewisser Rivers Cuomo auf dem Debüt einer Band namens Weezer. Die hat zwar im Laufe ihres Bestehens mit ähnlichen Abnutzungserscheinungen zu kämpfen gehabt, ansonsten aber historisch wenig bis nichts mit den New-Wave-Party-Rockern aus dem schönen Athens zu tun. Doch diese eine zitierte Zeile trifft wohl in unser aller Leben irgendwann einmal ins Schwarze, wenn wir uns hemmungslos aus dem Takt mit dem Weltgeschehen, den Trends, dem Hier und Jetzt wiederfinden. Und so traf es irgendwann auch einmal die B-52's. Just auf deren kommerziellem Gipfel, der ja noch dazu auf den tragischen Verlust des so wichtigen Gitarristen Ricky Wilson folgte, war der Zeitpunkt gekommen, wo die Band ihren Platz im trendigen Musikgefüge verlieren sollte. Ursächlich dafür ist ein altbekannter, gerade deswegen aber eben kaum zu rettender Auftritt, der Müdigkeit zu beiden Seiten der Aufnahmen, bei den Musikern und dem Höhrer vermuten lässt.

 

"Good Stuff" wird somit seinem Titel nicht wirklich gerecht, so viel lässt sich wohl vorweg bereits einmal sagen. Trotz des zwischenzeitlichen Ausstiegs von Cindy Wilson und damit einer der beiden tatkräftigen Gesangspartnerinnen vom Meister des durchgeknallten Sprechbeitrags, Fred Schneider, war man mit den gleichen Produzenten wie wenige Jahre davor auf "Cosmic Thing" angetreten und somit eigentlich gleichen Voraussetzungen ins neue Projekt gestartet. Dennoch wirkt auch unter tatkräftiger Mitwirkung von Disco- und Funk-Gott Nile Rodgers und Don Was an den Schiebereglern alles irgendwie ganz anders. Der frische Esprit, die hemmungslos zelebrierte, hedonistische Lebensfreude von Welthit Love Shack und der musikalisch perfekt inszenierte, charmante Irrsinn von Channel Z sind Schnee von gestern, Rock Lobster oder Private Idaho sowieso. Stattdessen entwickelt sich die sechste und für lange Zeit letzte Studio-LP der Band zu einem verdammt trägen, unspektakulären und humorarmen Erlebnis. Darüber hinaus wird sie auch zu einem deutlichen Zeugnis davon, dass das zum Trio geschrumpfte Gespann ein unfassbarer Anachronismus ist. Anfang der 80er auf dem Puls der vom New Wave geprägten Zeit, mit Disco, Funk und 60er-Rock-Avancen im Gepäck, kämpft hier alles mit dramatischen Schwierigkeiten, diesen Stil und dessen liebenswürdige Merkmale zumindest notdürftig in ein neueres musikalisches Umfeld zu betten. Dieses war geprägt vom Grunge, vom Durchbruch des Metal in den Mainstream, von einer Absage an die schillernden 80er und dessen hedonistische, verstörend aufdringliche Tendenzen. Damit also in Wahrheit auch eine Absage an die B-52's selbst, deren Kapital die hemmungslose Überhöhung all dessen war und deren Musik jegliche Ernsthaftigkeit und Zurückhaltung ad absurdum geführt hat.

Während das zu channeln auf "Cosmic Thing" noch mit einer Nostalgie-Dröhnung und einem kräftigen Lebenszeichen endete, wirkt "Good Stuff" stilistisch nahezu wie eine Kopie des Vorgängers und doch wieder ungut trockener, weniger dem Camp und dem geplanten Irrsinn verfallen. Dementsprechend sind Singles wie der eintönige UFO-Track Is It You Mo-Dean? oder Hot Pants Explosion zwar sehr wohl dem funkigen Dance Rock der Band ergeben, dabei aber in ihrem Auftreten spröder, lebloser und letztlich ein Schatten dessen, was dereinst begeistert hat. Immerhin Hot Pants Explosion kann dem dank des geschmeidigen Groove des Tracks und der gewohnt souveränen mehrstimmigen Gesänge im Refrain genug entgegensetzen, um doch noch unterhaltsam und einer der vitalsten Momente des Albums zu werden.

 

Denn der Rest ist schon fast die Verkörperung der Durchschnittlichkeit. Der Titeltrack durfte Leadsingle sein und floppte als solche ziemlich, was wenig verwundert, wenn erst einmal das funkige Intro und dessen verschrobenes Hin und Her zwischen Schneider und Kate Pierson als verbliebener, schriller Stimmunterstützung vorbeigezogen ist. Denn die starke Bassline, die funkigen Licks und die wache Percussion, die einem anfangs noch großartig vorkommen, trotten über geschlagene sechs Minuten dahin, ohne sich bis auf einen übertrieben vollgepackten und glitzernden Refrain irgendwohin zu entwickeln. Es ist nicht der Mangel eines guten Fundaments, der hier das Scheitern des Songs und des Albums als Ganzes verursacht. Die Idee ist da, der Sound stimmt zuerst optimistisch und groovt. Aber man sucht jegliche Dynamik mit der Lupe, findet sich in einem träge trabenden Schauspiel wieder, dem auch die in bekannter Manier konkurrierenden Stimmen keinen Flair und keine Energie einimpfen können. Stattdessen ist die Müdigkeit programmiert, bestimmt auch das immerhin passend betitelte Dreamland, dessen flimmernde Synths etwa 10 Jahre zu spät kommen und das selbst mit gebotener Akzeptanz für diesen verstaubten Klang wenig hergibt. Denn das gemächliche Dahinschweben ist keine Stärke der Band, wird hier auch mit nichts musikalisch unterfüttert, das wirklich Spaß machen oder Interesse wecken könnte. Eher schon gibt man sich bald acht Minuten purer Lethargie.

 

Das und nichts sonst ist die Geschichte dieses Albums, das auch wenig anzufangen weiß mit den doch eigentlich immer zum Erfolg führenden Stimmen von Pierson und Schneider. Deren komödiantische, mitreißende Qualitäten versanden in einer melodischen Müdigkeit, in altbacken wirkenden Einlagen und auch einer textlichen Fadesse, die den lyrischen Wahnsinn früherer Jahre nie einzufangen weiß. Programm ist dagegen dieses ausgewachsene Nichts von Tell It Like It T-I-Is als Opener, dessen Titel zwar Fragen aufwirft, der aber ansonsten spannungsarm im klavierbestimmten, leicht bluesigen Rock an einem vorbeiläuft. Da käme man genauso wenig in die Verlegenheit, eine geniale Zeile, sprühenden Wortwitz oder wenigstens den Geisteszustand infrage stellende gesangliche Ausbrüche zu bemerken wie sonst irgendwo. Das macht die Songs nicht zu grausamen Erfahrungen, das zu lange Instrumental The World's Green Laughter kann sogar mit seinen kratzigen Synths und seiner Kanonade an unterschiedlichen Naturklängen und dem generellen Soundgewirr auf gewisse Art gefallen, genauso wie man Good Stuff immer noch zugestehen kann, in seinen Grundfesten ein unterhaltsamer Song zu sein. Aber der Durchschnitt und die Spannungsarmut sind in Wahrheit das Hauptprogramm hier.

 

Dementsprechend sind neben dem halben Lebenszeichen Hot Pants Explosion vor allem ungewohnt konventionell wirkende Minuten die besten. Das abschließende Bad Influence rockt verhältnismäßig geradlinig dahin und flößt mit seinem soliden Riff Schneider und Pierson auch wieder etwas der bitter benötigten Energie ein. Revolution Earth ist auf der anderen Seite ein

Hauch atmosphärischen, etwas melodramatischen Folk Rocks, dem die Absenz von Schneider wirklich gut tut. Piersons multigetrackte Stimme trägt den Song zwar nicht in lichte Höhen, kann aber mit der knackig-trockenen Gitarrenarbeit und der geschmeidigen Melodie allein weit besser arbeiten, tobt sich mit langgezogenen, hohen Noten und lockeren Einlagen aus.

 

Vielleicht könnte das nahelegen, dass auf diesem Weg etwas möglich gewesen wäre, das nicht so unterwältigend wirkt. Andererseits entspricht es nicht den Erwartungen, die man in die B-52's gesetzt und die die Band höchstselbst ein Jahrzehnt lang aufgebaut hat, mit diesem fast gemütlichen Folk Rock versorgt zu werden. Das beschreibt aber auch das Dilemma ausnehmend gut, ist doch die Band dazu verdammt, ihrem eigenen Wirken in den 80ern nachzulaufen und scheitert, wohl doch etwas gealtert, personell ausgedünnt und in einer ganz anderen Zeit angelangt, merklich daran. Drei Jahre haben gereicht, um auf den soliden, irgendwie passend aus der Zeit gefallenen Vorgänger eine LP folgen zu lassen, die den popmusikalischen Paradigmenwechseln der frühen 90er zuwiderläuft und dann doch wieder ein klein wenig daran anzudocken versucht, ohne irgendwas davon hinzubekommen. Das Ergebnis wirkt hölzern, konturarm, von jeglicher Energie und Dynamik befreit und dami trotz der großteils gleichen Zutaten mit einem latenten Mangel der Vorzüge gestraft, die die B-52's in ihrer Hochphase ausgemacht haben.