Tyrannosaurus Rex - T. Rex

 

T. Rex

 

T. Rex

Veröffentlichungsdatum: 18.12.1970

 

Rating: 8.5 / 10

von:

Mathias Haden

 

am:

09.03.2017


Sonniger Übergang von märchenhafter Hippie-Ästhetik zum kosmischen Glam-Glitter.

 

Die westliche Welt feiert Metamorphosen. Hässliche Raupen, die in kurzer Zeit zu wunderschönen Schmetterlingen heranwachsen. Biedere Mauerblümchen, die sich zur Cinderella des High-School-Abschlussballes mausern. Ob optischer oder charakterlicher Natur ist uns trotzdem Schnurz - denn: Entwicklung ist alles. Am besten bei anderen, sich selbst möchte man ja die nötige Authentizität bewahren. Und die stützt sich bekanntlich auf Stagnation und den Mut zum Ewiggleichen. Wer als Frau ungeschminkt das Rampenlicht betritt, wird als anderer Mensch, als Verräter an der eigenen Rasse wahrgenommen. War früher auch schon so. Geschichte wiederholt sich. Die immer gleiche Leier. Kaum hatte Dylan den Strom angesteckt und die eigene Jugend entdeckt, fühlte sich eine Armada an protestwütigen, vermeintlich Gleichgesinnten betrogen. Den nicht barfußlaufenden unter den veränderungsresistenten Hippies des Spätsechziger-Großbritanniens dürfte es damals auch die Schuhe ausgezogen haben, als ihr Held Marc Bolan aus der Underground-Szene plötzlich mit elektrischer Gitarre auf der Bühne stand und tanzbare Pop-Songs schrieb. Das war um die Wende 69/70, bevor das erste elektrifizierte Album seiner Zweimann-Band Tyrannosaurus Rex, A Beard Of Stars, in die Läden kam. Den konservativen, im Drogen- und Hippie-Traum feststeckenden Steve Peregrin Took, der die Entwicklung nicht begrüßte, war Bolan schon davor losgeworden. Mit dem neuen Partner Mickey Finn und einer überlebensgroßen Vision vom Leben als Popstar sollte dieses entwicklungsreiche 1970 das Duo immer näher in Richtung des überraschenden Megaerfolges von Electric Warrior im Folgejahr bringen.

 

Im Zuge dessen schrumpfte man auch den langen Namen auf T. Rex und entfernte sich mit dem ebenfalls T. Rex betitelten fünften Album von fantasievoll hippiesken Titeln wie My People Were Fair and Had Sky in Their Hair... But Now They're Content to Wear Stars on Their Brows und Prophets, Seers & Sages: The Angels of the Ages. Um sich selbst und seinen Fans aber treu zu bleiben, blieb man weiterhin bei abenteuerlichen und mystischen Geschichten. Angefangen bei den als tolkienesk beschriebenen Children of Rarn, die das Album eröffnen und schließen, bis hin zum knapp neunminütigen Psych-Folk-Epos The Wizard, welches sich selbst immer wieder von neuem aufbaut und mit wenig Text, Bolans eigenwilligen Gesang und Erzähltechniken irgendwie stellvertretend für den Rückblick auf die Jahre der kleinen Bühnen Londons steht.


Ansonsten ist dieses zweite, die Entwicklung deutlicher repräsentierende Übergangswerk innerhalb eines Jahres deutlich mehr in Richtung dessen ausgerichtet, was Bolan für die kommenden Jahre zum Teenage-Idol werden lassen sollte: Glam-Rock. Zwischen lässig tanzbaren Bass-Grooves, hellen Gitarren, Streichern und den bandtypischen, allerdings im Zuge der Annäherung an einen satteren Sound ein wenig in den Hintergrund gerückten Percussions. Überall ist der Geist von Ride A White Swan zu spüren. Das ist die Single, die zwischen den beiden Alben erschien, zwischen Folk- und (näher am) Glam-Rock zum ersten Hit für die beiden wurde, hier leider nur auf der US-Version vertreten ist. Macht aber nichts, denn andere können in diese großen Fußstapfen treten. Vor allem das hochmelodiöse Beltane Walk zelebriert den euphorisierenden Pop der kommenden Jahre mit mondänen Streichern, Bolans dröhnender Gitarre und hübschem Refrain. Diese Pop-Sensibilisierung durchzieht beinahe das gesamte Album. Das Rezept dafür ist meistens dasselbe: kleine Songperlen wie Seagull Woman oder Summer Deep benötigen nicht viele Zeilen, um ihre Messages verständlich zu machen. Gitarre und Percussions bleiben weiterhin die bestimmenden Instrumente, daneben geben sich Bass, gelegentliche Streicher und noch seltener Piano oder Orgel die Ehre. Eigentlich unerheblich, abgesehen vom hyperventilierenden The Wizard einzelne Tracks groß herauszuheben. Bewegt sich doch alles zwischen märchenhaften Folk-Pop (The Visit, Suneye), sonnig elegantem Glam-Rock (One Inch Rock) und liebenswürdiger Lyrik (Diamond Meadows, The Time Of Love Is Now) - allesamt herrlich eingängig und im Zweiminutenpaket. Zu erwähnen ist natürlich auch Produzent Tony Visconti, der Bolan auch durch seine Hippie-Jahre begleiten und wie David Bowie zum großen Star machen sollte.

 

Wie es halt so üblich ist, ist T. Rex nicht gerade der liebste Longplayer der Fans. Nicht Fisch, nicht Fleisch. Weder psychedelischer Folk, noch kosmischer Rock 'n' Roll. Für die Entwicklung von einem zum anderen Extrem ist die fünfte LP samt spiritueller Unterstützung vom famosen Ride A White Swan unabdingbar. Natürlich muss man ein Album nicht wegen seiner historischen Hintergründe lieben, doch machen es einem diese beschwingten Pop-Perlen verdammt schwierig, sich ihrem Charme zu entziehen. Ganz egal, wie wenig ausgearbeitet manche Songideen sind oder wie monoton das Gedröhne vom keine zehn Wörter fassende Is It Love? ist. T. Rex ist weder musikalisches Meisterwerk, noch lyrische Offenbarung - das muss es auch gar nicht. Würde jedes Album so viel Spaß bereiten, wie dieses hier, dann wäre die Welt vermutlich ein besserer Ort, in der wir Metamorphosen tatsächlich nicht nur aus einer Entfernung von mindestens fünfzehn Jahren gutheißen können. So, jetzt ist aber gut. Make-Up auftragen und raus auf die Bühne, Frau Keys und Mister Bolan!

 


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