System Of A Down - System Of A Down

 

System Of A Down

 

System Of A Down

Veröffentlichungsdatum: 30.06.1998

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 30.06.2018


Alles da für schrägen Alternative Metal, aber nichts davon in genießbarer Formvollendung.

 

Das hier wird eine kritische Kritik. Nicht in dem Sinne, dass da nur deftig kritisiert würde, sondern eher dahingehend, dass der Schwierigkeitsgrad auf argumentativer Ebene relativ hoch ist. An sich für jeden außer den Reviewenden egal, es soll auch schon öfter vorgekommen sein. Und wenn man sich an System Of A Down heranbewegt, ist es sowieso immer etwas kompliziert, schlicht und einfach, weil die Band selbst etwas kompliziert ist. Die US-Amerikaner mit den armenischen Wurzeln sind ein merkwürdiges Unikat des Metal, auf ihre Art Meister des Chaotischen und der botschaftsstarken Theatralik. Aber aufgrund all dessen eben auch bis zu einem gewissen Grad schwer fassbar. Also manchmal entzieht sich das ein wenig den nötigen Bewertungskriterien. Soweit egal, bisher hat es trotzdem immer noch funktioniert. Was auch daran liegt, dass ausgerechnet das Debüt außen vor geblieben ist. Aber es feiert immerhin den 20. Geburtstag und gilt Vielen als unumstößlicher Höhepunkt im Schaffen von Tankian & Co. Insofern muss man sich daran wagen, Schwierigkeiten hin oder her.

 

Zuallererst vielleicht der Verweis darauf, dass schon 1998, auf einem Tonträger, der tatsächlich relativ aus dem Nichts kam, alle Zutaten der Herrlichkeit von System Of A Down erkennbar sind. Zumindest kann man sie herausfiltern. Einerseits ist Daron Malakian nicht erst mit dem neuen Jahrtausend zum beschlagenen Gitarristen geworden, sondern hatte bereits damals die Fähigkeit, mühelos zwischen den Tempi und Stilanleihen der Band herumzuspringen, sowohl die Rolle des virtuosen Solisten, der kraftvollen musikalischen Abrissbirne oder als unwiderstehlicher Plucker zu übernehmen. Andererseits ist es auch damals bereits ein erratischer Paarlauf zwischen der nicht enden wollenden Wandelbarkeit der Musik und Serj Tankian dramatischer gesanglicher Kunst, von drückenden Growls und Schreien über melodische Serenaden hin zu seinem charakteristischen, abgehackten Rap zu kommen und gleich wieder zurück zu springen. Was uns zur Schwierigkeit bringt, die darauf beruht, dass sich der Review auf eine zentrale Frage reduzieren lässt: Wenn sowieso schon alle Einzelteile da waren, die auch den späteren Erfolg ausgemacht haben, warum hört sich dann "System Of A Down" doch so markant schlechter als etwa "Toxicity"?

 

Die Antwort liegt irgendwo im Schnittpunkt von Produktion, Fokus und Inszenierung. Soundtechnisch hat das Debüt ganz generell eine verstörende Komponente, die jetzt im Licht der inhaltlichen Ausrichtung nicht zwingend negativ ist, aber eine andere Form annimmt als in späteren Jahren. Schon vom Opener Suite-Pee klingt die LP auf schwer greifbare Art verroht und beinahe etwas planlos. Nicht, dass irgendein Track tatsächlich formlos wäre, aber mitunter mangelt es sowohl der Form als auch dem Inhalt an der nötigen Struktur, dem nötigen zielgerichteten Arbeiten. Suggestions oder Soil verlaufen ins Nichts und sind bei aller Qualität hinter der Drum- und Gitarrenperformances ausgestattet mit Sound-und Rhythmus-Sprüngen, die absolut keinen Sinn oder atmosphärischen Effekt erkennen lassen. Die sind einfach da und damit auf Gedeih und Verderb dem Wohlwollen des Hörers für den Sound ausgeliefert. Selbst unweigerlich eingängige Minuten wie die von Sugar, dessen Drumrolls und Hook einem kaum aus dem Ohr gehen, fügen sich nicht ein in ein thematisches oder emotionales Ganzes, wie es mit dem Nachfolger der Fall gewesen wäre.

 

Sie sind aber verdammt gut runtergespielt. Die reine musikalische Qualität, die trotz rudimentärer Soundbearbeitung immer wieder bestens zum Vorschein kommt, hilft zumindest phasenweise immens, die erkennbare Richtungslosigkeit auszugleichen. Am beeindruckendsten gelingt das mit Know, dessen Intro allein mehr Rhythmuswechsel kennt als manche Songs, und dessen Mischung aus orientalischem Hauch in den galoppierenden Strophen und brachialer, immer wieder stockender Härte im Refrain eine unglaubliche Antriebskraft entwickelt. Da lebt dann auch Tankian auf wie hier nirgendwo sonst und spielt sich im Sekundentakt mit allen zur Verfügung stehenden Facetten seiner Stimme. Irgendwo zwischen Punk und Thrash Metal landet dagegen der Closer P.L.U.C.K. und entpuppt sich so trotz kurzen Phasen reiner Lärmbelästigung als einer der geradlinigsten und ausgeformtesten Tracks.

Es ist in dieser Hinsicht wiederum bemerkenswert, wie die Band ganz offensichtlich auch damals bereits problemlos diverse Rock- und Metal-Stile abgrasen konnte, ohne damit irgendwo a priori zu scheitern. Spiders zum Beispiel markiert als schleppender, die Schwere von Doom Metal und relativ ruhige, im Hard Rock verankerte Passagen verbindender Song einen theatralischen Höhepunkt, von dem eine melodramatische Endzeitstimmung ausgeht. Und dann gibt's gleichzeitig mit Peephole eine harte Polka und mit War? einen dezent funkigen Anknüpfungspunkt an Rage Against The Machine.

 

Wichtig und hemmend ist nur, dass alles irgendwie, beinahe nichts aber wirklich komplett funktioniert. Das liegt natürlich auch an der angesprochenen Strukturschwäche oder eher Ziellosigkeit mancher Songs, fußt aber auch auf rein klanglich schwierigen Komponenten. Allen voran betrifft das Serj Tankian, der zwar prinzipiell nicht anders agiert als auf den folgenden Alben, dabei aber so ungeschliffen und vor allem abseits druckvoller, stimmlicher Gewaltausbrüche zu brustschwach, um einen in seinen Bann zu ziehen. Andererseits lässt die instrumentale Ebene die Präzision hinter der effektvollen Theatralik vermissen, mit der man einige Klassiker geformt hat. Die Arrangements und der produzierte Klang wirken dementsprechend mitunter wie das Produkt einer Band, die mit all ihren Fähigkeiten dann doch noch nicht umzugehen gelernt hat. Nichts sticht dabei wirklich also so fehlgeleitet heraus wie das kurze, anstrengende Gitarrenstakkato von DDevil, viel versandet allerdings an einem Punkt, wo einen die Band mit ihren erratischen Wendungen und Wirrungen anstrengt.

 

So etwas kann schon auch Teil des Erfolgsprinzips sein und bei System Of A Down ist es das eigentlich auch. Zumindest zählt es jetzt nicht zu den Qualitäten ihrer Musik, dass sie sich locker und entspannt anhören lässt. Aber im Gegensatz zu späteren LPs hat das Debüt das Problem, dass es einen anstrengt, ohne einem dafür einen triftigen Grund zu liefern. Die brachiale, in so viele Richtungen zerrende Anspannung von "Toxicity" wirkt in jedem Moment auf Botschaft und Text abgestimmt, unterstützt atmosphärisch und als musikalischer Unterboden für die gesungene Anklageschrift von Serj Tankian. "System Of A Down" wirkt dagegen manchmal nur brachial und in alle Richtungen zerrend. Was immer noch gut genug klingt, um einem den einen oder anderen musikalischen Genussmoment zu bescheren. Gleichzeitig zieht einen aber nichts in die LP hinein und es mangelt an Argumenten, warum denn das Gehörte mitunter gar so anstrengen muss. Dafür sind die Botschaften nicht präzise und klar genug, dafür ist auch das Gesamtbild nicht von der nötigen atmosphärischen Stärke.

 

Anspiel-Tipps:

- Know

- Spiders

- P.L.U.C.K.