System Of A Down - Toxicity

 

Toxicity

 

System Of A Down

Veröffentlichungsdatum: 04.09.2001

 

Rating: 8.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 19.09.2014


Hymnische Wahrheiten im metallisch harten Chaos.

 

Der Nostalgie anheimzufallen ist ein gar schöner Zeitvertreib. Für manche zumindest. Die Zukunft hat ja das unweigerliche Problem der Ungewissheit, produziert also bei genauerer, von Naivität befreiter Betrachtung erst einmal eher Unsicherheit, die man, wenn denn möglich, mit Hoffnung - ha ha - oder Planung - schon eher - zu bekämpfen hat. Da hat sie gegen die Vergangenheit naturgemäß nur in selteneren Fällen eine Chance, allein weil sich in der Rückschau Vieles wunderbar verklären und verbessern lässt. Die Vorteile dessen liegen auf der Hand, immerhin werden so grässliche gesellschaftliche Rituale wie Familientreffen oder Weihnachtsfeiern ihrer schlimmsten Eindrücke beraubt, genauso wie auch viele Menschen aus der zeitlichen Distanz gleich einmal besser wegkommen als verdient. Alles schön und gut, für den Kritiker kann das aber eine unüberwindbare Hürde bedeuten, wenn es denn um die guten, alten Alben aus längst vergessenen Tagen geht, die irgendwie immer schon da waren und immer schon ihren Zweck erfüllt haben (der Kollege ist ganz gern so einer). Doch mit mir nicht, nein, auch der persönliche Veteranenstatus bewahrt Metal-Größen nicht vor dem unerbittlichen Urteil. Wer's glaubt...

 

Gut, für die Glaubwürdigkeit behaupten wir jetzt einfach, "Toxicity" wäre so supertoll, wie es gleich dastehen wird. Immerhin wäre das ja keine vollkommene Außenseitermeinung, ein bisserl begeistert vom charakterstarken Sound der Armeno-Amis waren ja damals doch einige. Was wohl auch damit zu tun hat, dass man mit der in ihrer Eingängigkeit schon fast zum Pop-Song mutierenden Single Chop Suey! Wasser auf die Mühlen der Nu-Metal-Maschinerie geschüttet hat, somit trotz einer brachialeren Aggressivität doch in sicherem Terrain unterwegs war. Gleichwohl man sich erlaubt hat, die neu gewonnene Fan-Schar doch fast wieder zu überfordern, denn die grandiose Hymne strotzt nicht nur so vor der geballten, vielfältigen Kraft von Serj Tankians Stimme, sondern auch vor einer Strukturkomplexität, die dem Charterfolg weniger entgegenspielt. Viel davon ist trotzdem aufgewirbelter Staub, denn man hält sich (noch!) an klar abgesteckte Songstrukturen, paart die frenetischen Exzesse in den Strophen mit dem sanften und doch kraftvollen Refrain, der dem Suizid-Track den nötigen Tiefgang gibt. Was aber gleich klar wird: Man agiert im Vergleich zum wüst zusammengestückelten Debüt abgeklärter, durchdachter, zielstrebiger und auch präziser, immerhin lassen weder die Drums noch die Gitarren und schon gar nicht das sehr dezente Streicherensemble im Hintergrund irgendwelche Mängel erkennen.

 

Das soll sich allerdings in der Folge nicht wirklich als Besonderheit herauskristallisieren. Nein, mit dieser Stärke tritt einem das Quartett fast überall entgegen. Gut, vielleicht nicht ganz, aber doch fast. Vom hämmernden Stakkato-Intro im Opener Prison Song angefangen, bekommt man es mit einem Metal-Gemisch zu tun, das sich bewusst dem Schrägen hingibt, mit unzähligen Tempowechseln und Gesangsvarianten fast schon humorvolle Züge annähme, wären da nicht die unheilschwangeren Texte und Daron Malakians wirkungsvolle Riffs. Dieses Gegensätzliche, das Unstete dieser Songs macht sie dann auch gleich wieder zu einer mächtigen Einheit. Prison Song gibt das Tempo vor, zeigt gleich einmal Tankians ganze Palette vom sich überschlagenden 'Rap' über die majestätischen Harmonie in ruhigeren Passagen bis zu kraftvollen Schreien und gar Growls als radikale Weckrufe. In diese Marschrichtung begibt sich so manches hier, sei es der dramatische Anti-Kriegs-Track Deer Dance oder das unermüdliche Science, das noch dazu mit atmosphärischer, folkloristisch geprägter Bridge aufwartet.

 

Greift man dann doch etwas daneben, bemüht man sich wenigstens darum, diese bedauerliche Affäre kurz zu gestalten. Gemeint ist nicht das punkige X, sondern viel mehr Bounce, das als eine einzige Parodie mit ohrenbetäubend stampfendem Refrain wenig zur allgemeinen Verträglichkeit beiträgt, sich zudem gesanglich und textlich eher durch beständiges Nerven bemerkbar macht. Wer pingelig ist, wird vielleicht auch bei Psycho beherzt Kritik anbringen, irgendwie will der beinahe bluesige Track sich nämlich nicht entfalten, auch weil die dezenten Strophen einen gewissen Harmonieverlust zwischen Tankian und der Musik zeigen, noch dazu ein längliches Outro nicht greift. Ähnlich ergeht es dem instrumentalen Hidden Track, der für sich genommen ein geniales Stück armenischer Folklore ist, das Album aber so verdammt uncharakteristisch abschließt, dass man damit im Kontext weniger anfangen kann.

 

Dass es sich trotzdem auch abseits der sonst so griffigen Härte sehr, sehr gut lebt, zeigt A.T.W.A.. Die grungetypische Struktur sorgt in den kurzen Refrains auch da für ein paar Kraftproben an den sechs Saiten, dazwischen wird aber abgespeckt, bis musikalisch nicht viel mehr als das Mindeste, spärliche Gitarren- und Basszupfer, übrig ist. Das bedeutet Bühne frei für Tankian und das wiederum bedeutet einen eindrucksvollen Volltreffer. Und dann ist da ja noch, wie könnte man ihn mit Blick auf das Albumcover auch vergessen, der Titeltrack. Der nimmt sich sogleich das Modell von A.T.W.A. und transponiert es so quasi, macht es nur ein bisschen lauter, ein bisschen belebter, ein bisschen gitarriger (?!?!). Netterweise werden bei dem Umbau auch gleich noch die x-ten mächtigen Riffs eingebaut, seien sie auch laut oder leise.

 

Es wird Leute geben, die jetzt sagen, da fehlt doch was. Die meisten werden auch recht haben, in Ermangelung des erforderlichen Budgets für die eigentlich geplante sechsteilige Buchreihe 'Toxicity: Ein Album im Zeichen der Zeit' bleibt aber nur das Reviewformat und deswegen muss irgendwann Schluss sein. Ein paar starke Tracks fallen dabei noch unter den Tisch, viel gravierender wiegt das bisherige Versäumnis auch nur kurz auf die Texte einzugehen. Die sind fast durchwegs super. So, wäre das auch erledigt. Was ein Fazit herbeieilen lässt und das kann bei dieser geballten Power und Qualität einer auf dem Zenit befindlichen Band nur positiv ausfallen. "Toxicity" ist schlicht und einfach die quintessenzielle System Of A Down-LP, ganz egal, ob man da nach der Qualität oder doch nur nach der Popularität geht. In einem Kraftakt hat man es nämlich geschafft die ganze Energie, die im Debüt steckt, zu kanalisieren, ihr eine klare Richtung und einen Auftrag zu geben, den diese auch prompt erfüllt. Daraus ergeben sich Songs voll von Emotion, Finesse und Theatralik, die auf fast allen Ebenen ein Gewinn sind. Ob da jetzt die Nostalgie mit im Spiel ist, ist ja egal, muss auch nicht immer so staubtrocken und fast schon wissenschaftlich zugehen. Immerhin heißt das Motto ja:

"Science has failed to recognize the single most potent element of human existence."

 

Anspiel-Tipps:

- Chop Suey!

- A.T.W.A.

- Science

- Toxicity