Sam Cooke - Ain't That Good News

 

Ain't That Good News

 

Sam Cooke

Veröffentlichungsdatum: 01.03.1964

 

Rating: 8 / 10

von Mathias Haden, 17.05.2017


Die erfolgreiche Vermählung von Pop, R&B und Soul ist beileibe nicht die einzig gute Nachricht.

 

Es war ein Tag wie jeder andere, dieser 11. Dezember im Jahr 1964. Die USA befanden sich gerade in der Mitte des unfassbar lang andauernden Vietnamkriegs und waren noch dabei, sich vom tragischen Tod ihres bis heute beliebtesten Präsidenten zu erholen, als in einem Motel in L.A. ein Schuss fiel und die Welt wenig später um ihren besten Sänger ärmer war. Erschossen von einer Hotelmanagerin in Selbstverteidigung im Kampf gegen einen praktisch nackten Sam Cooke. Die genauen Umstände um das vorzeitige Ableben des Ausnahmekünstlers sind bis heute nicht geklärt und mögliche, selbst von der Polizei in den Raum gestellte Zweifel an der Richtigkeit des geschilderten Tathergangs sollen an dieser Stelle nicht befeuert werden.
Immerhin hat es Cooke nicht verabsäumt, zeit seines Lebens ein kleines Vermächtnis und damit gleichbedeutend eine Diskographie aufzubauen, die vielversprechend beginnt, dann ihrer Entstehungszeit geschuldete, stringent vorgegebene, nicht selten langweilige Konzepte zutage fördert und schließlich dort endet, wo das all die Jahre offensichtliche Potenzial endlich ausgeschöpft werden kann. Vier Alben hat der Sänger 1963/64 veröffentlicht, ein grundsolides, eine legendäre Live-Scheibe und zwei LPs, denen Cooke heute seinen Status nicht nur als formidabler Sänger mit verdankt. Eines davon ist Ain't That Good News, sein letztes Studioalbum...

 

...welches dem überwiegenden Anteil seines Kanons schon dadurch haushoch überlegen ist, dass die Aufteilung der zwölf Tracks wirklich sinnvoll arrangiert wurde. Die erste Hälfte besteht nämlich aus beschwingten, mit einer Ausnahme selbst geschriebener Pop-Songs, während die zweite ruhige - wiederum von einer rühmlichen Ausnahme abgesehen - Fremdkompositionen enthält. In der ersten Gruppe befinden sich allen Erwartungen entsprechend jene Nummern, die nachhaltig kicken. Wie etwa der einleitende Titeltrack, der den Sänger bei bester Stimme vorfindet. Angetrieben von lässigen Percussions, einem songdienlichen Bläser-Ensemble und verspielter Akustikgitarre beschwört der beinahe karibische Vibes herauf und ist damit letztlich nur vielversprechender Vorbote für ein Fest à la Pop-R&B-Soul-Potpourri. Eine magische Melodie jagt in weiterer Folge die nächste, führt vom Gospel-infizierten Meet Me At Mary's Place über die mitreißende Gute-Laune-Jahrhundertnummer Good Times bis hin zur humorvollen Ode an die Einsamkeit Another Saturday Night, mit dessen Refrain sich wohl jede arme Seele aus dem Proletariat identifizieren können dürfte:

 

"Another Saturday night and I ain't got nobody
I got some money 'cause I just got paid
How I wish I had someone to talk to
I'm in an awful way"

 

Und dann ist da noch der zum Standard mutierte Tennessee Waltz. Ein melodieseliger, flotter Country-Walzer, den Cooke hier mit einer Stimme interpretiert, die an Intensität unübertroffen ist. Eigenartige Songauswahl für einen schwarzen Soul-Sänger, indes unglaublich lohnenswert.

 

Übertroffen wird die nur von Cookes Meisterstück A Change Is Gonna Come, der wie bereits erwähnt einzigen Eigenkomposition auf LP-Seite 2, die selbige dankenswerterweise auch eröffnet. Inspiriert von Bob Dylans Blowin' In The Wind und gerührt von der Tatsache, dass der legendärste Protestsong dieser Zeit ausgerechnet nicht von einem Schwarzen geschrieben und gesungen wurde, machte er sich alsbald daran, selbst entsprechend nachzulegen. Die autobiographisch beeinflusste, von einem mächtigen Orchester begleitete bzw. von der größten Stimme des 20. Jahrhunderts getragene Hymne bleibt sein Vermächtnis - und eines der wichtigsten Statements zur Rassentrennung:

 

"I was born by the river in a little tent
Oh, and just like the river, I've been running ever since
It's been a long, a long time coming
But I know a change gonna come, oh yes it will"

 

Das einzige Problem, das dem letzten zu Lebzeiten veröffentlichten Studioalbum anhaftet: Nach dem Gänsehaut in Reinform evozierenden, subtilen Spektakel kommt nicht mehr viel, das zum Staunen anregt. Muss es natürlich nicht, denn die ruhigen Soul-Balladen der zweiten Hälfte sind sauber produziert und vorbildlich vorgetragen. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, der allzu brave Kitsch von Nummern wie Sittin' In The Sun und Falling In Love (trotz beeindruckendem Gesang, aber diese mimosenhaften Streicher...) hätte sich als B-Side für die durch die Bank starken Singles der Platte weit besser gemacht. Hier fängt man auch an, das eingangs gelobte Konzept der unterschiedlichen LP-Seiten zu überdenken. Aber nein, daran liegt es nicht, denn mit dem umgarnenden Duo There'll Be No Second Time und dem seine Namen alle Ehre machenden The Riddle Song nacheinander und kurz vor Ende hat Cooke ein Todschlagargument beisammen, diese Überlegung ad absurdum zu führen.

 

Ganz so einfach kann über die aufkommende Lethargie jedoch nicht hinweggesehen werden, darum ist Ain't That Good News ein kleines Stück davon entfernt, Soul-Meisterwerk und unsterblicher Meilenstein zu sein. Zwar vereint das Album einige der stärksten Kompositionen des Sängers und vermählt Pop, R&B und Soul mustergültig, andererseits schleichen sich auch immer wieder die risikofreien, auf ein unflexibles Publikum zugeschnittenen Produktionsallüren der früheren Longplayer ein. Die hatten bekanntlich oft darunter zu leiden, dass Cooke in öde Jazz-Standards und Arrangements eingebunden wurde - hier ist der Mann mit dem erhabenen Organ und mit ihm ein ganzes Format schon fast am Zenit der Kreativität. Leider musste die Welt bis kurz vor seinem tragischen, viel zu frühen Ableben warten, bis das Pop-Universum bereit war, dieses spannende Format Album besser auszunutzen und sich dessen Vorzüge bewusst zu werden.