Rise Against - The Unraveling

 

The Unraveling

 

Rise Against

Veröffentlichungsdatum: 24.04.2001

 

Rating: 7.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 31.08.2018


Ein Debüt ohne Abzweigungen, Kompromisse oder Varianten, dafür mit harter Ehrlichkeit.

 

Kein Mensch beginnt seine mathematische Laufbahn mit der linearen Optimierung. Zum einen weil so etwas im Alltag verdammt schwer unterzubringen und gewinnbringend zu verwerten ist. Zum anderen auch weil es - nehm ich jetzt mal an - scheiße kompliziert sein kann. Deswegen fängt man dort an, wo noch jeder mitkommt, nämlich beim Zählen bis 10. In der Musik funktioniert auch nur sehr bedingt anders. Auf alle Fälle ist für keinen Gitarristen der Startpunkt auf dem Niveau von Jimmy Page und kein Songwriter macht beim ersten Anlauf Nick Drake, John Lennon oder Michael Stipe in deren Hochphasen Konkurrenz. Dementsprechend haben Debüts, sofern sie nicht entweder mit massiver Produzenten- und Songwriting-Unterstützung geformt werden oder das Ergebnis jahrelanger Touren und mühseligen Hocharbeitens sind, meistens einen wunderbar ungeschliffenen Charakter. Das ist nirgendwo leichter zu verkraften als im Punk, weil dort der klangliche Feinschliff in gewisser Weise, die natürlich nicht zwingend die instrumentale Virtuosität betreffen muss, ein genretechnische Verfehlung darstellt. Dementsprechend dürften auch nirgendwo sonst die Debüts bereits das Gardemaß für die eigene Diskographie werden und bleiben, gleichzeitig schon mit der ersten LP der Legendenstatus möglich sein. Dass es Rise Against gleich mit "The Unraveling" so weit bringen, wäre trotz aller starken Arbeit eine Übertreibung.

 

Vielleicht hat das damit zu tun, dass man sich mit der ersten LP auf derartig geradlinigem und klanglich uniformem Terrain bewegt, dass einem zwangsläufig die Möglichkeit zur Verfeinerung entgegenspringt. Was nicht heißen sollen, dass die mit dem Kopf durch die Wand durchgeführten Abbrucharbeiten, die man mit Opener Alive And Well startet, nicht ihre Wirkung entfalten würden. Die 15 Tracks, die dem folgen, sind oft genug ein Beispiel für pursten Punk im Fahrwasser von Bad Religion. Hier sind es genauso meistens knackige Ein- bis Zweiminüter mit oft gesellschaftskritischer Botschaft und einer unumstößlichen Liebe zu harten Power Chords. Dass man ein wenig an lyrischer Eloquenz und Direktheit selbst zu den ersten Gehversuchen von Brett Gurewitz & Co. machen muss, gleichzeitig aber den Härtegrad noch ein wenig nach oben justieren darf, ergibt in der Gesamtrechnung ein relativ ebenbürtiges Produkt. Nur auseinanderdividieren lässt sich die LP relativ schwer. Zu ähnlich viele Tracks, zu gleichförmig der gebotene Sound und auch das Tempo. Deswegen ist Remains Of Summer Memories bis zu einem gewissen Grad Reception Fades und Stained Glass And Marble ist der Zwilling von Great Awakening.

Wiederum beeindruckend ist, dass trotz solche Ähnlichkeiten nie und nimmer die Idee von Selbstplagiarismus im Raum steht. Dafür können die Riffs, die man aus dem Ärmel schüttelt, einfach zu viel. Außerdem gehört "The Unraveling" mit diversen mehreren einminütigen Songs in die kleine Kategorie der Alben, bei denen Songlänge höchstens deswegen ein Problem ist, weil man gern mehr gehört hätte vom Gebotenen. Wobei man in dieser Hinsicht etwas vorsichtig sein muss, weil unweigerlich die längsten Tracks die sind, denen man Abnutzungserscheinungen am ehesten ansieht. Als solche eher im Alt Rock und Pop-Punk verwurzelt, klingen My Life Inside Your Heart oder Everchanging diesbezüglich weniger nach unerbittlichen Abrechnungen oder leidenschaftlichen Kraftausbrüchen, sondern nach den ersten passablen Gehversuchen in Richtung mondänen Songwritings mitsamt vernachlässigbarer, weil komplett unspektakulär runtergespielten Bridges.

 

Die eklatante Nicht-Schwäche dieser Minuten ist es, die dem Album einen robusten Rumpf beschert, auf dem freimütig aufgebaut werden darf. Getan wird das - und damit kommen wir zum vielleicht wirklich größten Unterschied zu Bad Religion - auf durchaus persönliche Art. Immer mit Blick auf die Gesellschaft, gleichzeitig aber weit öfter im Zwischenmenschlichen und individuell emotionalen Gebiet unterwegs, präsentiert sich die Band als aggressives, aber trotzdem nachdenkliches Ventil für bittere Erkenntnisse eines Jungerwachsenen. Dass McIlrath trotz kerniger Südstaaten-Stimme und verdammt viel Dampf hinter ihm mitunter nahe an den Emo-Pop-Punk herankommt, bereitet nur kurzfristig Sorgen, weil sich solche nachdenklicheren, dezent melodramatischen Momente wie in Weight Of Time:

 

"Stack the mistakes you've made
On top of the lies
To hide them
Your excuses just don't add up
Empty handed we all wonder

Why you hide behind
(And now this blood has long since dried)
Your perfect crime
(Guilt still glowing in your eyes)
Never ask why you lie"

perfekt ergänzen mit wuterfüllten Tiraden über Gott und die Welt wie denen von Stained Glass And Marble:

 

"We misplace trust
In your voice
Inside these walls
Convincing us we have no choice

Gaze upon these stare of naivete
Two thousand years replaced
With eighteen inches of our faith
Bound by fear"

 

Dass es da ein wenig an der Finesse mangelt, ist offensichtlich. Dass die Band und vor allem McIlrath nicht zögern, solche Zeilen mit Leidenschaft und größtmöglichem Nachdruck in die Welt hinauszuposaunen, wird aber umso schneller deutlich und verleiht den Ergüssen mitunter mehr Gewicht, als man glauben würde.

 

Es hakt in diesem Sinne hauptsächlich an den Kleinigkeiten, die sich vor allem in der zweiten Albumhälfte als fehlend bemerkbar machen und dem Sound zumindest ein bisschen an Effektivität rauben. Das liegt auch daran, dass man musikalisch zwar druckvoll, aber mit in disziplinierter Regelmäßigkeit wiederkehrenden, sekundenweisen Verschnaufpausen am Momentum knabbert. Die Bridge ist in diesem Sinne am Debüt der Todfeind der Band, weil sie zwar pflichtschuldigst in meist äußerst kurzer Form eingebaut wird, das runtergeschraubte Tempo aber absolut nichts zum Song beiträgt, außer ihn auszubremsen. Selbst Albumhöhepunkte wie Weight Of Time leiden dezent darunter, dass man sich selbst den Wind aus den Segeln nimmt und urplötzlich schleppende, abgespeckte Riffs als Unterlage für McIlraths eher tonloses Singen liefert. Das sind minimale Abstriche, die aber jeden Song treffen und, wenn sie denn einmal wirklich tonangebenden Charakter bekommen, einen Track wie 3 Days Weekend ins Mittelmaß abrutschen lassen. Insofern bestätigt sich mal für mal, dass man mit kurzem Dauerfeuer wie in Great Awakening am besten fährt und aber dank gerechter Verteilung genau solcher Songs über die ganze LP auch immer wieder neue Energie hineinpumpt, sodass Langatmigkeit in keinem Augenblick ein Thema wäre.

 

Und das ist gut so, denn ein Hardcore-Punk-Debüt, bei dem Gitarrist Dan Wleklinski ein Höchstmaß an Platz eingeräumt wird, um alles einzureißen, darf nie und nimmer langweilig klingen. "The Unraveling" ist dahingehend auf einem sehr guten Weg und ebnet für Rise Against den Weg, der sie zu einer der besten Punkbands der 00er-Jahre hat werden lassen, bevor sie sich in den mäßigen Mid-Tempo-Rock zurückgezogen haben. Von solchen Anwandlungen war 2001 netterweise noch keine Rede, weswegen die Zutaten so einfach wie effektiv sind: Rohe Riffwände + griffige Hooks + kraftvolle Vocals & Chants + emotionsbeladene Texte + kurze Laufzeit = Punk, wie er sein soll.