Rise Against - Appeal To Reason

 

Appeal To Reason

 

Rise Against

Veröffentlichungsdatum: 07.10.2008

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 13.02.2015


Das schwere Durchschnaufen nach dem endlosen Ansturm.

 

Wie ist denn das nun mit der Unbesiegbarkeit unter Musikern? Geht das, geht das nicht? Irgendwelche Wortmeldungen, vielleicht aus der letzten Reihe? Noch nicht... Na gut, geb ich meinen Senf dazu und sage: Nur wenn jemand früh genug stirbt! Oder zumindest die Auflösung ein rasches Ableben obsolet macht. Denn die irgendwie makellosen Diskographien, die darf man dann doch nur ganz wenigen zusprechen, zumeist denen, die es einem mit dem an einer Hand Abzählen der Alben leicht machen. Joy Division, Nick Drake, Elliott Smith, Notorious B.I.G. und natürlich - nein, Herr Kollege, hab ihn nicht vergessen - Gram Parsons. Allen gemein, dass sie nicht mehr so wirklich unter uns weilen und bestenfalls auf einen Fünferpack an LPs kommen. Ansonsten verfallen ja selbst die Beatles oder Led Zeppelin ab und an in Sphären, die nicht so ganz auf ihre oft ins Auge springende Exorbitanz schließen lassen. Bei den Chicagoern - schreckliches Wort! - war spätestens 2007 so etwas wie Hoffnung in diese Richtung angesagt, zumindest für alle Unverbesserlichen. "The Sufferer & The Witness" war nur ein weiterer Baustein der Marke 'großartig', eine Strähne bahnte sich an. 2008 ist alles wieder in geordneten Bahnen.

 

Sprich, in mäßigen Bahnen. Die Realität hat sie ein wenig eingeholt und so wurde aus dem unablässigen Ansturm auf die politischen Verhältnisse der USA eher ein Sturm auf die Charts. Damit einher geht, wie könnte es anders sein, das Pop-Gespenst mit seiner glatten Produktion, dem Mid-Tempo-Paradigma, dem zu entflüchten ohnehin unmöglich scheint, und einer Prise Weicheitum. Klingt erstmal schrecklich, wäre es auch, gäbe es nicht einen Qualitätsausstoß zu Beginn der LP, der einem Nachhallen der früheren Tage gleichkommt. Collapse (Post-Amerika) ist als würdiger Vertreter der Spezies wütender Protestsong perfekt dazu geeignet, Erinnerungen an die Vorgänger hervorzurufen. Geht spitze mit röhrendem Riff, dem charakteristischen wütenden Sing-Sang von Tim McIlrath und Drums, die den Namen noch verdienen. Zusammen mit der in Metal eingetunkten Leadsingle Re-Education (Through Labor) lässt man noch einmal das beherzte Aufbegehren in lohnender musikalischer Form Aufleben. Abnutzungserscheinungen sind anders.

 

Nämlich so, wie es schon kurz Long Forgotten Sons andeutet. Während man nämlich ein wenig in der eigenen Arbeit stöbert und versucht Life Less Frightening in abgeschliffener Form nachzuahmen, propagieren die eher lahmen "Oh-oh-oohs" im Hintergrund mit dem trägen Getrommel und dem irgendwie müde wirkenden, kernigen Stimmchen an vorderster Front ein erstes gemeinsames Verschnaufpäuschen. Ein ordentliches, immer noch, aber nichtsdestotrotz ein Schlag in die Magengrube der vermuteten Vitalität. Ebendie muss sich später allerdings immer eher gar Tiefschläge gefallen lassen. From Heads Unworthy ist mit seinem scharfen Riff zu Beginn nur für Sekunden auf dem richtigen Pfad unterwegs, ergibt sich in der Folge der oberflächlichen Eingängigkeit des Refrains. Der kann's ordentlich, der Rest eher weniger. Viel zu sehr klebt man an McIlraths in dieser Abmischung dann doch gewöhnungsbedürftigem Organ, das ein ziemlich deplatziertes Südstaatenfeeling aufkommen lässt, aber nicht das eindringliche Gebrüll der guten alten Tage ersetzt. Mit hymnischem Stadionrock tut man sich ganz offensichtlich auch nicht so leicht, Audience Of One oder Hairline Fracture machen sich da äußerst durchschnittlich, gefallen genauso wenig, wie sie einen wirklich stören könnten. Die biedere Zwischenwelt ist mit einem Mal die Zieldestination, vor allem bei so manch eher fragwürdig gebastelter Systemkritik ("We ran like vampires from a thousand burning suns / But even then we should have stayed").

 

Rausgerissen wird anderswo. Im Frühstadium von "Appeal To Reason" ist es ein kurzweiliger, kitschig angehauchter Pop-Rocker wie The Dirt Whispered, dessen heller Sound sich irgendwie nicht mit Rebellion verträgt, dafür aber vor erheblich mehr Leben sprüht als manch anderes hier. Entertainment versucht's mit brilliantem Intro-Riff, treibenden Drums und der besten Vorstellung der McIlrath'schen Unzufriedenheit:

 

"All we are is entertainment

Caught up in our own derangement

Tell us what to say and what to do

 

All we are are pretty faces

Picture perfect bottled rage

Packaged synthesized versions of you"

 

Dass ebendort ab der Hälfte Schicht im Schacht ist, wie die Mannen im Nordwesten zu sagen pflegen, ist der nicht vollends energetischen Präsentation, aber auch der unnötigen Polka-Einlage als Bridge zu verdanken.

Wenn schon, dann richtig, sagt man sich in dem Sinne ohnehin nur einmal. Savior, seines Zeichens erfolgreichster Vierminüter der Band, bringt nicht nur schon verloren geglaubtes Tempo wieder, der starke Bass, Brandon Barnes gute Vorstellung beim Trommeln und McIlraths Wiederaufstehung als kraftvoller Sänger formen überhaupt gleich ein Potpourri der Großartigkeit. Man leistet schlicht perfekte Arbeit, auch weil man sich zu einem Bruch mit der ewigen 'Let's make the world a better place'-Tirade entschließt, stattdessen wehmütigen Trennungsschmerz verarbeitet und das dank High-Speed noch nicht mal kitschig.

 

Apropos Kitsch! Die Band kann und will offenbar ein Lied davon singen, nur so lässt sich nämlich Hero Of War erklären. Eigentlich als sarkastischer Blick auf die Heldenverklärung des Krieges gedacht, bleibt der Zeigefinger stecken, kurz bevor er wirklich erhoben ist. Der Track wird so zu untragbarem Akustik-Pathos, dem man die eigentliche Botschaft kaum mehr anhört, auch dank den irritierenden Vocals, die den Sarkasmus vertreiben und dann doch wieder Ehrlichkeit vermuten lassen.

 

Und so schwingt das Pendel hin und her und hin und her. So wirklich in eine Richtung will es auf dieser LP nicht ausschlagen. Was einerseits damit zu tun hat, dass die Jungs noch immer etwas von solidem Handwerk verstehen, auf der anderen damit, dass solid eben doch oft irgendwie fad bedeutet. Risikofrei eben, zu oft zu berechenbar. Natürlich aber mit ein paar Ausreißern nach oben und einem überhaupt gleich ins Dachgeschoss, sodass sich die Prüderie von "Appeal To Reason" irgendwie doch wieder in Grenzen hält. Insofern markiert Album #5 so eine Art notwendiges Durchschnaufen. Vielleicht auch ganz verdient, nachdem man drei LPs hindurch ein Feuerwerk abgefackelt hat. Und nachdem sie nicht daran denken, früh zu sterben, ist das mit der durchwegs glänzenden Diskographie ohnehin nur Schall und Rauch. Oder kennt ihr jemanden, der da als Gegenargument herhalten könnte?