Rihanna - Good Girl Gone Bad

 

Good Girl Gone Bad

 

Rihanna

Veröffentlichungsdatum: 31.05.2007

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 01.03.2018


Die Nische hinter sich, eine Produzentenschar neben sich und ein Leben als Hit-Maschine vor sich.

 

Natürlich könnte man jetzt behaupten, das wäre ein stereotypes Klischee, aber in der Musik scheint der Weg für schwarze Künstlerinnen ziemlich klar vorgezeichnet zu sein. Insbesondere die, die sich als Solisten versuchen, landen unweigerlich irgendwann in der Welt der Urban Music und finden dort nicht mehr heraus. Zumindest ist die Zahl derer, die nicht als Soul- oder R&B-Queens enden, im optimistischsten Fall durchaus überschaubar. Insofern gab es nie eine Möglichkeit, dass aus dem halbwüchsigen Karibik-Prinzesschen Rihanna etwas anderes als eine Anwärterin auf den Thron des Dance-lastigen R&B werden würde. Einerseits deswegen, weil sie in Wahrheit sowieso in der Nähe dessen begonnen hat, andererseits weil sie hinter sich Jay-Z hat und der mit einer einigermaßen talentierten Frau unter seinen Fittichen wahrscheinlich nicht mehr anzufangen weiß, als den Versuch zu starten, aus ihr die nächste Mary J. Blige zu machen. Und entlässt man Rihanna in die Freiheit und somit von den Fesseln pseudo-karibischer Fassadenarbeit, wird aus ihr eigentlich genau das.

 

Heißt also, es gibt einiges an Hip-Hop-Beats, einiges an mal melodischeren, mal aggressiveren Synths und eine Sängerin, die zwar ihre Stimme, vielleicht aber weniger deren gestalterische Grenzen gefunden hat. Das reicht als Kurzbeschreibung für "Good Girl Gone Bad", umreißt aber weder den durchschlagenden Erfolg der LP, noch den relativen Soundreichtum, den die zwölf Songs zu bieten haben. Der erklärt sich sehr schnell dadurch, dass allein die Liste der Produzenten länger ist als die der Tracks, dazu noch einmal so viele Songwriter kommen. Unweigerlich führt das dazu, dass der majestätische Pomp von Welthit Umbrella und dessen legendärem Refrain nur bedingt Nachahmer findet. Schade ist das schon irgendwie, weil sich die Barbadierin inmitten der trockenen Zusammenstellung aus Hi-Hat, Bass und symphonischen Synths wohl genug fühlt, um ihrer unentwegt kühlen Performance genau die richtige Prise emotionaler Theatralik mitzugeben. Das federt die latente Unnötigkeit ewiger "Ella, ella, ella"-Rezitationen im Refrain nicht komplett ab, bedeutet aber immerhin eine starke Show zum Anfang.

 

Show ist eigentlich generell ein guter Begriff, um sich dem Wesen des Albums anzunähern. Nicht, dass es dem Material an Charakter mangeln würde, überraschenderweise ist genau das Gegenteil der Fall und damit auch eine der Stärken hinter den Auftritten gefunden. Aber man kann sie nicht nicht hören, die Armada an tatkräftigen Unterstützern im Hintergrund, die an allen verfügbaren Reglern herumgewerkt haben, um jedem Song hier das nötige Hitpotenzial mitzugeben. Wirkliche Natürlichkeit ist dementsprechend weniger nahe, andererseits verlangt danach bei einem Dance-Album ohnehin kaum jemand. Warum sollte man auch, wenn die Dancefloor-Hämmer Don't Stop The Music oder Breakin' Dishes auch so bestens funktionieren? Mit den harten, stampfenden Beats ist den Produzenten schon einmal das Grundgerüst eines jeden solchen Songs gelungen - welch schwierige Übung... -, wichtiger ist aber, dass man sich mit dem Michael-Jackson-Sample in Don't Stop The Music und dessen kratzigen Synths einen großen Gefallen getan hat. Die StarGate-Produzenten arbeiten sich da wirklich den Hintern ab, um die ausgeborgten afrikanischen Rhythmen, die sphärischen, immer wieder eingeflochtenen Vocoder-Vocals und die spröden Elektronik-Bruchstücke alle perfekt zu inszenieren und für ein Idealmaß an musikalischer Fülle zu sorgen. Nicht überladen, nicht zu spärlich, einfach genau richtig. Und effektiv stumpfsinnig, aber das wirklich genau richtig. Und der angriffige Vendetta-Track Breakin' Dishes ist fast ident, nur dass man ihn nicht einmal mehr unbedingt stumpfsinnig nennen muss, weil einfach die rachsüchtige Attitüde der Sängerin so gut zu ihr passt, dass sie in der Rolle mehr aufgeht als in jeder anderen.

 

Das wiederum hat damit zu tun, dass sich in ihre so viel herzerwärmende Emotion versteckt wie in manch einem Kühlschrank. Balladen sind, zumindest anno 2007, nicht die große Stärke der Rihanna Fenty. Ich weiß auch nicht, wer gedacht hat, dass das glitzernde, hemmungslos veraltete Kitsch-Gedudel von Say It irgendwie zum runderneuten Bild von ihr passen könnte. Das ist dermaßen isoliert von allem anderen hier, dass es schmerzt. Es kann auch generell nichts, weil es wie die süßlichste vorstellbare R&B-Schnulze klingt. Aber selbst neben dem mäßigen, aber immerhin luftig instrumentierten Ne-Yo-Duett Hate To Say I Love You klingt so etwas wie Say It, als wäre es aus einem anderen Jahrzehnt gestohlen und in ein High-School-Musical-Setting gezwängt worden. Gefühlvoll geht also nicht ganz so, zumindest das mit den amourösen Gefühlen will sich selbst im vorteilhaft harmonischen Zusammenspiel mit Justin Timberlake nicht einstellen. Rehab gelingt trotzdem, weil sich beide Sänger offensichtlich großteils organischen Soundgewand, umringt von Akustik-Akkorden, Streichern und Tamburin, wohl genug fühlen, um sich nicht in der Emotionslosigkeit zu verirren.

Um an der Stelle vielleicht doch noch eine Lanze zu brechen für Rihanna und also der Theorie ihrer unauslöschlichen Distanz zu jeder authentischen Gefühlsregung, sobald sie am Mikro steht, zu widersprechen, sei der titelspendende Closer hervorgehoben. Der ist der eigentliche Hit des Albums und das, obwohl er mit dem spärlichen Click Track als Antrieb und der dezenten Ausstaffierung mit Akustik-Gitarre und Cello nicht übermäßig chartfreundliche geraten ist. Sowas widerspricht eigentlich jedem gängigen Bild von Rihanna, reicht ihr aber für den besten, weil definitiv unangestrengtesten und natürlichsten Auftritt auf der LP.

 

An anderer Stelle hapert es gerade damit ein wenig, was aber auch daran liegt, dass ihr die zwölf Songs nicht alle unbedingt auf den Leib geschneidert wurden. Dass einiges eher mäßig gerät, ist damit eher weniger gemeint, dort ist generell einfach viel dessen beheimatet, was die Barbadierin veröffentlicht. Aber ausgerechnet einen Elektronik-Klassiker wie Blue Monday zu sampeln und dann etwas so Belangloses wie Shut Up And Drive daraus werden zu lassen, ist kritikwürdig. Was der mit der Dame am Cover zu tun haben soll oder überhaupt inhaltlich abseits seines Titels anzubieten hätte, bleibt im Dunkeln. Genauso wie eine Begründung dafür, warum die songgewordene träge Langeweile in Form von Question Existing überhaupt auf der LP ist, während daneben mit Lemme Get That ein großartiger Timbaland-Track mit starkem Latin-Charme und Top-Beat auch nicht mehr sein darf als simpler Albumtrack, anstatt wenigstens Erfolgssingle zu sein.

 

Na gut, nur weil der Entwicklungsschritt hin zum R&B-Superstar und globalen Sexsymbol für Rihanna grundlogisch erscheint, muss das noch nicht für jede Entscheidung rund um "Good Girl Gone Bad" gelten. Auf alle Fälle ist die böse Rihanna anziehender als die gute. Vielleicht, weil ihr die Rolle eher auf den Leib geschneidert ist und sie seltener große Gefühle vortäuschen muss, stattdessen auf den Hip-Hop-Beats reiten und dem ihr innewohnenden Hang zur lasziven Theatralik freien Lauf lassen darf. Wo so etwas zum Lob wird, ist meistens kein großer Klassiker daheim. Man käme auch keine Sekunde in Versuchung, dem Album einen solchen Status zuzugestehen. Aber als Wegbereiter für eine Karriere an den Spitzen aller Charts dieser Welt und als erfolgreicher Befreiungsschlag nach aufgezwungenem Karibik-Schauspiel steht sowas wie "Good Girl Gone Bad" nicht schlecht da.