Ramones - Too Tough To Die

 

Too Tough To Die

 

Ramones

Veröffentlichungsdatum: 01.10.1984

 

Rating: 8.5 / 10

von Mathias Haden,  20.04.2020


Mit den Füßen voraus in die Ramones-Hölle, die Fünfte: A Return to Fighting Trim.

 

Als Quasi-Freelancer oder Teilzeitpraktikant oder freundlicher Helfer aus dem Off und gänzlich ohne jegliche Verpflichtung und Schreibvorgaben möchte ich in dieser besonderen Reihe einer ganz speziellen Liebe meinerseits nachgehen: den wunderbaren, unvergessenen und seit kurzem nicht mehr platinlosen Ramones. Der Gedanke dazu ist folgender: In relativ kurzer Zeit möchte ich die auf MusicManiac noch fehlenden, immerhin neun LPs der New Yorker unter das Rezensionsmesser legen und mit passenden Worten bedenken. Dass es hier - wie spitzzüngige und gleichermaßen ahnungslose Kritiker auch über die Musik der Ramones urteilen würden - wenige Überraschungen geben dürfte, ist angesichts der verjährten, aber beinahe immer noch gültigen Top 10 eh klar, geht es doch vorwiegend um eine gar nicht so kleine Würdigung meinerseits der coolsten amerikanischen Band aller Zeiten gegenüber und um nichts anderes. In welcher Reihenfolge die fehlenden Alben, die ich chronologisch anpacken werde, online lesbar sein werden, überlasse ich dem Kollegen, dafür spare ich mir mit dieser copy+paste-Einleitung fortan ein wenig Zeit und Gehirnschmalz. In diesem Sinne an den großen Big Boss und alle anderen: man sieht sich, man liest sich, man hört sich. Nun, man liest sich zumindest.

 

An welcher Karriereabzweigung muss man wohl richtig abgebogen sein, um so über den Dingen zu stehen, dass man sich bei ultramarinblauem, ultrastylischem und ultraviolentem (sowieso) Licht bei Nacht und Nebel am Eingang eines Tunnels ablichten lässt. Fehlt im Prinzip nur noch ein unglückseliger Obdachloser in der Ecke, der gleich die Prügel seines Lebens beziehen darf, und die Erinnerung an den besten nichtanimierten Film aller Zeiten ist perfekt. Über Joeys nonchalante Pose kann man vielleicht streiten, im Kontrast zu seinen auf toughe Haltung bemühten Kollegen rechts habe ich da aber keinerlei Einwände. Generell alles ein "lucky accident", dieser gelungene Schnappschuss. Der Typ links - darf ich vorstellen? -, der sich vielleicht aus Respekt vor den anderen Herrschaften etwas ziert und mit sehr zaghafter Positur glänzt, ist übrigens Richie. Richie Rich. Nein, Richie Ramone natürlich.

 

Dieser hatte den Drumsessel von Marky geerbt, nachdem der aufgrund anhaltender Alkoholeskapaden aus der Band geworfen wurde. Glaubt man Johnnys Autobiographie und den Liner Notes des Albums, waren die Ramones nach dem letzten kommerziellen Flop Subterranean Jungle zwar nach wie vor Too Tough To Die, aber auch too tired to give a shit. Das krampfhafte Streben nach den oberen Chartsregionen war dementsprechend endgültig ad acta gelegt und den dominierenden Pop-Einflüssen weitestgehend adieu gesagt. Auch wenn man heute oft lesen kann, die Ramones hätten sich an dieser Stelle wieder ihrer Wurzeln besonnen, behaupte, LP #8 wendet sich viel mehr härteren Spielarten wie dem Anfang der 80er durchaus beliebten Hardcore-Punk und Heavy-Metal zu und ist damit zeitgemäßer unterwegs als die letzten Produktionen. Apropos: in einer Hinsicht schließt sich der Kreis zu den Anfängen dann doch, was auch zu einem großen Vorteil der LP wird. Denn Too Tough To Die vereint die Band wieder mit ihrem ersten Drummer Tommy, der als Produzent einspringt und die Ramones um einiges besser kennt, als es beim ominösen Trio der Fall war, das die ersten drei Platten der 80er produziert hat.

 

Mit diesem Schwung, der der letzten LP etwas abhandengekommen ist, rauscht das Album auch gleich ordentlich los. Mama's Boy, I'm Not Afraid Of Life und der Titeltrack laufen dank düster gefärbter Atmosphäre und gesunder Härte gut ein. Auch, weil sich die Rhythmusabteilung mit Dee Dee und Richie schnell eingestimmt hat und Joeys gereifte Stimme sich gut an das härtere Klangbild adaptiert. Die wuchtigeren Stücke sind zwar nicht die absoluten Leistungsträger hier, liefern aber ein gelungenes Bild dieser gleichgültigeren Phase. Immer wieder mischt sich auch Gesellschaftskritik in die Texte, am deutlichsten auf den späten Stücken Planet Earth 1988 und Richies Humankind, auf denen Joey gegen Regierung, soziale Ungleichheiten und verkommene Werte wettert.

 

In höchstem Maß skurril ist aber, dass inmitten wuchtiger Riffs und apokalyptischer Zukunftsvisionen ausgerechnet vier Stücke das Gerüst der LP bilden, die nicht so recht reinpassen wollen. Auf der einen Seite ein direkt aufeinanderfolgendes Pop-Triumvirat. Wo härtere Gitarren und Drums für einen neuen Anstrich sorgen, ist es ausgerechnet die Pop-Hymne Chasing The Night, die trotz oder dank cheasy Synthesizer und Joeys Gesang die glücklichsten Momente evoziert. Auch die nicht weniger hymnenhaften Howling At The Moon (Sha-La-La) mit präsentem Keyboard-Einsatz und Daytime Dilemma (The Dangers Of Love) samt herzzerreißender Melodramatik ("She caught him with another / It turns out it was her mother / What a tragedy / Can things be what they seem / Is this just some crazy dream / Things may never ever be the same again") sorgen für eine große, cineastische Pop-Grandezza. Dass diese drei aufeinanderfolgenden Stücke mit etwas über 4 Minuten unter den fünf längsten der Studioalben firmieren, ist genauso bizarr wie der Fakt, dass der andere, vorhin erwähnte Leistungsträger mit dem knapp einminütigen und instrumentalen Durango 95 das kürzeste Stück der Band-Geschichte ist. Auf diesem liefert Johnny an der Gitarre mit seine beste Performance, während der Übergang in Dee Dee's raubeiniges Wart Hog reibungslos vonstattengeht.

 

Weil auch diese Nummer mit Dee Dee als Lead-Sänger im Gegensatz zur etwas hingerotzten anderen Performance Endless Vacation absolut in Ordnung geht, darf Too Tough To Die zurecht als die beste LP seit einigen Jahren und letzte große der Ramones bezeichnet werden. Wo sich ungezwungene Aufbruchsstimmung, grimmige Gesellschaftskritik und der richtige Produzent treffen, da liegen die großen Stärken. Auch wenn sich seinerzeit niemand abgesehen vom Rolling Stone für die Platte interessiert hat (wiewohl man sein wohlwollendes Urteil zwischendurch im RS Album Guide auf magere zwei Sternchen reduziert hatte, wenn ich das richtig in Erinnerung habe), mit dem ich ja nur mehr selten wirklich d'accord gehe, so möchte ich mein Plädoyer doch mit dem Fazit von Kurt Loder aus dem originalen Review von 1984: beenden: "In short, Too Tough to Die is a return to fighting trim by the kings of stripped-down rock & roll. Don’t miss it".

 


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