Radiohead - A Moon Shaped Pool

 

A Moon Shaped Pool

 

Radiohead

Veröffentlichungsdatum: 08.05.2016

 

Rating: 7.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 28.02.2020


Einmal mehr düster und nachdenklich, diesmal aber nur mit limitierter Lizenz zum Faszinieren.

 

Nachweislich haben wir in den allermeisten Fällen mehr Angst vor dem, was wir nicht kennen oder verstehen als vor dem Allseitsbekannten. Das bedeutet zwar nicht, dass uns die Idee eines Meteoriteneinschlags kalt lässt, nur weil wir dank Wissenschaft und Hollywood alle vorhersehen können, wie das enden würde. Aber Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel. Mit diesem Umstand in Verbindung steht aber womöglich auch, dass wir etwas mehr Respekt und Ehrfurcht vor dem haben, was sich uns nicht so ganz erschließt, was ein bisschen im Dunklen bleibt, was uns neu und noch nie dagewesen erscheint. Deswegen und natürlich nur deswegen werden Gott, Schwarze Löcher oder das Coronavirus weit eher gefürchtet und respektiert als Christoph Schönborn, die ÖVP oder der Schlager. Ist doch alles ganz klar. Im Falle Radioheads dürften der Respekt und die ideale Mischung aus melancholischer bis endzeitlicher Aura und der Freude am Erschließen neuer musikalischer Territorien eng miteinander verwoben sein. Daraus speist sich der Ausnahmestatus, den die Briten in der modernen Musikwelt genießen, wenn es denn nach den Kritikerscharen geht. Insbesondere dieser Nimbus der künstlerischen Neuerfindung umgibt Thom Yorke und die Seinen seit langem, was eine gewisse Erwartungshaltung mit sich bringt, die unmöglich auf ewig zu erfüllen ist. "A Moon Shaped Pool" scheitert auch postwendend daran und ist trotzdem noch zum Verzweifeln imposant.

 

Aber nur manchmal! Ist diese Einschränkung erst einmal vorweggenommen, kann man direkt mit der Einschätzung fortfahren, dass die neunte LP der Band trotzdem die meisten ihrer bekannten Qualitäten mitbringt. Das wird wohl auch damit zusammenhängen, dass man musikalisch nicht gerade von einer Revolution sprechen kann, auch nicht nur auf die Band bezogen. Tatsächlich wirkt allen starken Ideen zum Trotz das Gebotene so sehr nach einer Orientierung an früheren Arbeiten, wie das zuletzt mit "Hail To The Thief" der Fall war. Die Mischung ist hierbei allerdings insofern entscheidend, als dass man es mit Songs zu tun hat, die in ihrer Gesamtheit die ominös dystopische Atmosphäre von "OK Computer" ausdünsten, das genauso sehr mit dessen Liebe zum ultrapräzisen Detail paaren, wie es mit einer direkten Emotionalität vereint wird, die "In Rainbows" in Erinnerung ruft. Daran merkt man womöglich auch gleich, dass es hier musikalisch verhältnismäßig konventionell zugeht, dass trotz elaborierter Orchestration und so mancher Studiospielerei ein reduziertes und gesetztes klangliches Bild gezeichnet wird. Um es in Form der Singles auszudrücken: Daydreaming erscheint als besseres Beispiel dieses Albums, als es die aggressiven Streicher-Stakkatos und der synthetische Beat von Burn The Witch tun. Letzteres klingt ohnehin auf merkwürdige Art nach den Gorillaz, was nicht als Kritik gedacht ist, wenn es auch ein wenig vermittelt, warum der Mix aus Orchester und Elektronik nicht allzu neu klingt. Problematisch ist das kaum, eher schon stört es, dass sich Yorkes in unbequeme Höhen abgleitende Stimme nicht so gut mit dem musikalischen Setting verträgt, wie man es sich wünschen würde. Wohl auch dadurch leidet die düstere Thematik an einer überzeugenden, aber nicht überwältigenden Umsetzung.

 

Dieses Fazit fängt bereits relativ gut dieses Album als Ganzes ein. Irgendwo zwischen stetigen Erinnerungen an frühere Taten und dem offensichtlichen Fokus auf ein intimeres, persönlicheres Setting als üblicherweise scheitern Radiohead ein bisschen daran, ihre Songs zu etwas wirklich Grandiosem werden zu lassen. So trifft man dann auf die mühevoll mit Loops, Gesangsschnipseln und elektronischen Klängen ausstaffierte Klavierballade Daydreaming und lässt sich umgehend hineinziehen in dessen melancholisches Wesen, in Yorkes großartig besungenes Lamento. Vollständig einzutauchen geht sich dann aber doch nicht aus, weil man den Song etwas statisch erlebt, obwohl er ab der Songmitte ruhelos wirkt und zunehmend lauter gerät. Das ist eine ungünstige Kombination, die eine volle Entfaltung der Atmosphäre verhindert. Ähnlich endet das bereits seit den 90ern live gespielte True Love Waits, das letztlich in all seiner klanglichen Klarheit nicht mehr den intimen Charakter mitbringt, den man sich wünschen würde.

Wirklich aus den Fugen gerät die LP dafür ebenfalls selten. Passiert es doch, endet es wie Tinker Tailor Soldier Sailor Rich Man Poor Man Beggar Man Thief in einer unfertig wirkenden Richtungslosigkeit zwischen undynamischer Elektronik, schleppend jazziger Bandperformance und übersteigertem Duell von Streichern und Chor. Oder aber es plätschert noch etwas mäßiger dahin, wie das Decks Dark tut.

 

Was "A Moon Shaped Pool" im Lichte all dessen sehr gut gebrauchen kann, ist etwas drückende Aggressivität, etwas Düsternis, die sich nicht an der kontemplativen Ruhe orientiert, sondern an der brodelnden Rastlosigkeit. Selbiges passiert nur einmal, dafür allerdings in Form von Ful Stop sehr richtig. Das ist mit seinem simplen elektronischen Loop und den sphärischen Synthesizern eine sehr gern gehörte Rückbesinnung auf die frühen 00er-Jahre, die durch Yorkes minimalistische Zeilen und die darin anklingende Wut vollendet wird. Daraus ergibt sich der Höhepunkt dieser LP, was womöglich nur daran liegt, dass abgesehen vom eröffnenden Burn The Witch nichts sonst in diese Richtung angelegt scheint. Das passiert auch mit dem eindrucksvollen Identikit nicht, das dafür aber nicht nur mit starken Drums aufwartet, sondern Yorkes starke Performance ideal mit mehreren Gesangsspuren und einem eindringlichen Aufeinandertreffen von Synthesizern und Gospel-ähnlichem Chor akzentuiert. Dazu kommt die großartige Arbeit an der Gitarre, die durch ein finales Solo vollendet wird und nie so zur Geltung käme, hätte die Produktion nicht für einen solch knochig-kargen Sound gesorgt.

 

Dem gegenüber stehen wiederum ruhigere Minuten, oft genug mit leichten rhythmischen Jazz-Anleihen, die nie wirklich enttäuschen, aber gleichzeitig nur mäßig viel Eindruck hinterlassen. Einen solchen in bleibender Form hinterlassen jedoch Desert Island Disk und Present Tense, die als gleichermaßen musikalisch lockere wie gefühlvolle Minuten beste Erinnerungen an "In Rainbows" wach werden lassen. Desert Island Disk ist dank der dezenten Arbeit an der akustischen Gitarre und deren hellen, trotzdem aber erdigem Klang genauso sehr dazu geeignet, einen an Nick Drake denken zu lassen, unterbricht diese Assoziation allerdings zuerst mit dominanter werdenden, elektronischen Klangschwaden, zum Ende hin mit Einstieg der übrigen Band zu einem kurzen musikalischen Aufwallen. Present Tense ähnelt dagegen Songs wie Reckoner oder House Of Cards, bringt dazu leichten Latin-Charme mit und ist ein mehr als gelungener Ausbruch aus der emotionalen Schwere in leichteres, rundum harmonisches Terrain.

 

Eine solche Abweichung von der auf "A Moon Shaped Pool" vorherrschenden Norm tut gut, weil Radiohead hier nahe dran sind, ein auf atmosphärischer Ebene zu uniformes Album zu schaffen, dessen zentraler Kern noch dazu überwiegend ruhige, kontemplative, melancholische Minuten sind. Die zeigen die Briten so ziemlich in gewohnter Stärke, allerdings mit der nicht zu verkennenden Einschränkung, dass es diesen Songs entweder an der vollendeten Finesse fehlt oder aber die reduzierte Augmentierung mit elektronischen, orchestralen und anderen Zusätzen die gefühlsbetonte Intimität, die die Kompositionen ausstrahlen wollen, eher konterkarieren. Deswegen ist nicht nur auf musikalischer Ebene ein Hauch von "OK Computer" zu spüren, sondern auch hinsichtlich eines Urteils, das "Ja, aber nicht ganz." lautet. Es trifft in der Form aber netterweise nicht auf alle Songs zu. Denn die beiden, die sich emotional an die Pole des Düster-Aggressiven und des Geschmeidig-Lockeren begeben, bringen ebendas auch gleich in unmittelbare Nähe der Vollendung, machen zwar erkennbar davor halt, sind aber trotzdem jene Höhepunkte, die es für ein gelungenes Radiohead-Album braucht. Und wenn man das erst einmal hat, gibt es schon nicht mehr so viel, womit man nicht zufrieden sein könnte.

 

Anspiel-Tipps:

- Ful Stop

- Identikit

- Present Tense