Radiohead - Hail To The Thief

 

Hail To The Thief

 

Radiohead

Veröffentlichungsdatum: 09.06.2003

 

Rating: 6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 08.02.2014


Mehr Rock als "Kid A", mehr Elektronik als "OK Computer". Die Summe daraus ist weniger als beide Einzelteile.

 

Die Vorstellungen, die man von bestimmten Bands hat, sind ja doch oft sehr präzise. Man weiß zum Beispiel, dass die Bloodhound Gang nie auch nur versuchen wird, aus ihrer immerwährenden pubertären Phase herauszufinden. Man weiß auch, dass die Rock-Legenden von AC/DC mit Sicherheit nicht nach 40 Jahren aus ihrem ewig gleichen Sound ausbrechen werden. Und bei Radiohead, ob man sie nun gottgleich verehrt oder nicht, erwartet man einfach ein starkes, in sich geschlossenes Album. So ist das eben, wenn man düstere Kunstwerke in Form von "OK Computer" - zu Unrecht in den Himmel gelobt, aber immerhin - und "Kid A" kreiert. Tja, dann, und wahrscheinlich nur dann, kann einen "Hail To The Thief" doch enttäuschen.

 

Dabei ist das da, was wenige Jahre vorher auch da war. Die Gitarren dürfen erstmals im neuen Jahrtausend wieder eine tragende Rolle spielen, legen durchaus gute Auftritte hin. Die Computer-Abteilung ist allerdings keineswegs eingemottet worden, nein, die blieb uns auch erhalten. Also alles wunderbar. Möchte man meinen. Denn diese merkwürdige Symbiose aus den beiden berühmtesten Werken der Band geht in den 14 Songs nur sporadisch auf. Material, das auch an die Vorgänger herankommt, findet man vor allem im Single-Bereich. 2 + 2 = 5 und There There stellen da eine gute Wahl dar, überzeugen insbesondere mit dem organischeren Sound. Erstere schafft den Spagat zwischen softem Gitarrengezupfe und elektronischen Beat eindrucksvoll, kulminiert noch dazu in einem starken Finale, dem der plötzlich anschwellende Sound sehr gut tut. Zweitere ist eine der offensichtlichsten Reminiszenzen an "OK Computer", vereint lockere Live-Drums mit starkem Bass und die wie üblich guten Performances von Gitarrist Jonny Greenwood und Thom Yorke.

 

Abseits davon gerät die LP aber des Öfteren aus der Bahn. So schon mit Sail To The Moon, einer fast komplett auf Klavier aufgebauten Nummer, die einen an No Surprises und Let Down erinnert, dabei aber eher einschläfert, als mitreißt. Später ergeht's A Wolf At The Door ähnlich, auch wenn dort der schräge Sprechrhythmus der Strophen beklemmend wirkt. Dazwischen gibt's dann doch noch gänzlich mit synthetischen Beats und allerlei zusätzlichen Soundeffekten zusammengebaute Tracks. Auch da bleibt die Band etwas stecken, liefert nur bedingt anziehendes Material ab. Backdrifts kann zum Beispiel zu Beginn mit seinem lebendigen Beat und dynamischen Elektronikklängen überzeugen, verläuft aber mit über fünf Minuten Spielzeit zunehmend im Sand, ist zum Ende nicht mehr als monoton. Ähnlich ergeht's The Gloaming, bei dem man kaum daran vorbeikommt, einen nicht wirklich gelungenen Versuch eines zweiten Idioteque zu erkennen.

 

Bezeichnenderweise bringt aber bei Radiohead ein verpatzter Versuch immer noch einen recht guten Song hervor. Für A Punchup At A Wedding trifft das weniger zu. Was als Jazz-angehauchter Piano-Track beginnt, wird durch den einförmigen Sound und Zeilen wie "You had to piss on our parade / You had to shred our big day / You had to ruin it for all concerned / In a drunken punchup at a wedding" aber zu einer der belanglosesten Nummern der Band. Weiter bergab geht's noch mit We Suck Young Blood, einem weiteren schwachen Klavier-Song, dessen Rettung aus unglaublicher Trägheit nie kommt, auch nicht mit einem 15 Sekunden kurzen Up-Tempo-Stück mittendrin.

 

Zur Rettung heranschreiten müssen da andere Tracks. Where I End And You Begin zum Beispiel. Vielleicht das einzige Mal, dass hier musikalisch alles passt und zudem "Kid A"-ähnliche Stimmung aufgebaut werden kann. Eine geniale Bass-Line trifft einen nicht weniger starken Drum-Loop und beklemmende Klangwände von Jonny Greenwood am Ondes Martenot. So bietet der Up-Tempo-Song nahezu perfekte Endzeitstimmung, geht spätestens mit dem zum Ende ewig wiederholten "I will eat you alive / And there'll be no more lies" voll auf. Nichts kommt da noch heran. Trotzdem haben sowohl die aggressiven Synth-Sounds und Drums von Myxomatosis ihre sympathische Seite, genauso wie das dadaistisch anmutende Sit Down. Stand Up., dessen minimalistischer Beat gut mit dem spärlichen Text zusammenpasst. Oder auch das an Paranoid Android erinnernde Go To Sleep, dem der organische Sound gerade auf dieser LP vielleicht ein wenig schadet, vor allem da der Song zu schnell wirkt - ja, auch das gibt's bei Radiohead.

 

Bei all dieser Kritik, die schon mit der Headline begonnen hat, sei eines gesagt. Radiohead scheinen, so ungerechtfertigt ihr Übermenschen-Status in der Musikwelt auch ist, dazu verdammt zu sein, gute Musik zu machen. Denn die Gesamtrechnung ist sogar bei einem Album, mit dem die Bandmitglieder selbst nicht zufrieden sind, eindeutig positiv. Nichtsdestotrotz sind den Engländern Fehler in einer Zahl passiert, die man gerade zu diesem Zeitpunkt wohl nicht von ihnen erwartet hat.

 

So wirkt "Hail To The Thief" zerfahren, nicht wie eine Einheit. Es mischen sich Songs, die so nie auf ein und derselben LP hätten landen sollen und noch dazu oftmals nicht fertig wirken. Deswegen fehlt es Album Nummer 5 der Band an Feingefühl und Konsistenz, nicht aber zwingend an gutem Material. Denn auch wenn einem von den 14 Tracks zumindest zwei zu viel sind, die Mehrheit ist noch immer ihre Zeit wert. Man sollte nur kein zweites "Kid A" erwarten.