Pulp - Different Class

 

Different Class

 

Pulp

Veröffentlichungsdatum: 30.10.1995

 

Rating: 7 / 10

von Daniel Krislaty & Mathias Haden, 15.05.2015


Eine doppelbödige Selbstreflexion sozialer Verhältnisse.

 

Pulp, zu deutsch 'Schund', wird ihrem eigenen Namen mit dem fünften Ableger bestimmt nicht gerecht. Doch auch die nicht zu kurzen Lobeshymnen verkennen den in den Himmel getragenen Wert von Different Class zweifellos. Seit jeher herrscht unter der ach so erhabenen Kritikerschaft das offene Übereinkommen, dass dieses Werk zu der Handvoll musikalischer Lichtblicke der 90er des UK zählt. 1995, nachdem die Newcomer Oasis sowie Blur Musikengland verzückten und Suede sich nach anfänglichem Kokettieren und Identifikation bereits wieder angeekelt abwendet, steht die Britpop-Bewegung als längst überfällige Reaktion auf das Vakuum, das für das Genre massiv einflussreiche Bands wie die Smiths, die Stone Roses oder auch die La's zurückließen, in der Blüte. In diese Kerbe schlagen plötzlich auch bereits zuvor existente und beständige Bands wie Manic Street Preachers mit Everything Must Go oder eben Pulp, die nach dem kurz zuvor erschienenen His 'n' Hers nun endgültig mit Different Class den grünschnabeligen Genrekönigen rund um die Gebrüder Gallagher die Krone abspenstig machen möchten.

 

"Please understand. We don’t want no trouble. We just want the right to be different. That's all.", ziert ein Schriftzug das Inner Sleeve der CD-Aufmachung und verweist wie schon der Titel auf das Motiv einiger Lieder. Konflikte und Unterschiede sozialer Schichten mit sarkastischem Witz stehen fast schon genretypisch im Fokus vom sanften 60s-Pop-Verständnis, wie es die ruhige Jangle-Pop Nummer Something Changed lebt und atmet, bis hin zu dichten Obskuritäten, die in F.E.E.L.I.N.G.C.A.L.L.E.D.L.O.V.E. einen augenbraunzuckenden 'Höhepunkt' finden.

 

Die erste und erfolgreichste Single, Common People, entwickelt sich vom Geflüster zum mitreißenden Crescendo, vom Kennenlernen einer jungen Dame zur überschwänglichen und überspitzten Darstellung der 'Common People'. Nicht nur hier fällt Jarvis Cockers Eigenart des sprechenden Gesangs auf. Vor allem bei I Spy will er sich partout nicht festlegen und wechselt teilweise innerhalb weniger Sekunden zwischen gesungenen und gesprochenen Zeilen, wobei die teils ewig langen und manchmal nur schwer verständlichen Monologe allgemein die Konsistenz der eindrucksvoll inszenierten Klanggebäude oftmals stark verwässern.

 

Zu keiner Ausdünnung von Form und Kraft kommt es hingegen beim wunderbar einfach gehaltenen Underwear, das sich mit smarten lauter und leiser werdenden Gitarrenrhythmen etwas vom in den USA groß aufspielenden Grunge borgt. Zwar mit einem catchy Refrain versehen, nimmt Pulps ideenüberladene Ausdrucksfreude mit Monday Morning kein gutes Ende und erinnert eher an ein zusammenhangsloses Outtake-Schnipsel. Einen sehr versöhnlichen Schlusspunkt setzt daraufhin hingegen Bar Italia, das die zuvor hochgegangen Wogen rasch beruhigt, bevor selbst die Maschinerie noch ein letztes Mal angeworfen wird und wild von sozialer Entfremdung mit dem gleichnamigen Coffee Shop, "where other broken people go", als Zentrum vorgeschwärmt wird. Disco 2000, die zweite höchsterfolgreiche Single, spielt sich als leicht oberflächliches, aber alles in allem gelungenes Aushängeschild von Different Class, das dessen bisschen Wehmut hinter allem Selbstwitz in den Lyrics handelnd von Cockers Jugendfreundschaft unterbringt.

 

"You were the first girl at school to get breasts

And Martyn said that you were the best

All the boys all loved you but I was in mess

I had to watch to trying to get you undressed

We were friends but that was as far as it went

I used to walk you home sometimes but it meant

Oh it meant nothing to you 'cos you were so popular"

 

Different Class weiß einiges mit seinen Stärken anzufangen, fällt niemals in ein vorhersehbares Schema und kann doch nicht auf voller Linie überzeugen. Neben dem Offensichtlichem, dass sich so manches Lied in der erwünschten Besonderheit schlicht verrennt – du bist gemeint, F.E.E.L.I.N.G.C.A.L.L.E.D.L.O.V.E. –, ist auch Cockers Gesang bzw. vor allem dessen Hang nicht zu singen ein wenig gewöhnungsbedürftig. An Oasis' im folgendem Jahr erscheinendes (What’s the Story) Morning Glory oder auch schon an das Debüt, Definitely Maybe, kommt die 6-köpfige Band nicht wirklich heran. Bis auf die thematische Konzentration auf soziale Schichtung und Verhältnisse, findet sich aber auch nur wenig Spielraum für Vergleiche; das Dilemma des Britpop-Genres als Topf für scheinbar alles was sich in den 90ern in England herumgetrieben hat, ist aber ein Thema für sich.

 

D-Rating: 7 / 10

 


Eine Lehrstunde in überkandidelter Opulenz.

 

Da hat sich der Kollege ja nicht ins Bockshorn jagen lassen und seinen Rahmen etwas gesprengt. Macht aber nix, als Freunde der korrekten Arbeitsteilung von mir nun auch der obligatorische Senf zum Thema. Und das, obwohl ich den Herrschaften um Jarvis Cocker eigentlich gar nicht so viele Zeilen widmen möchte. Den Titel für die exzentrischste Personalie der Britpop-Bewegung mag ich ihm zwar nicht vorenthalten, was bei gegebener Konkurrenz ohnehin schon genug aussagt, aber was dieser auf Different Class abzieht, ist oftmals schon grenzwertig.

 

"We're making a move.

We're making it now.

We're coming out of the side-lines.

Just put your hands up - it's a raid"

 

verkündet er noch in angenehmer Manier im sträflich übergangenen, hörenswerten Opener Mis-Shapes, während seine Kollegen in aller Wucht voranpreschen. Danach zeigt der extravagante Kauz aber immer wieder sein wahres Gesicht. Der netten Beschreibung meines Kollegen für Lead-Single Common People habe ich höchstens hinzuzufügen, dass der musikalisch durchaus feinen Pop bietet und möchte zudem erneut unterstreichen, dass Cocker schon hier sehr schwierig wird. Wie schwierig es geht, beweist er eindrucksvoll im paranoiden I Spy, das trotz ansprechender, düsterer Atmosphäre nicht annähernd unbeschadet nach sechs Minuten die Ziellinie überquert und, sehr richtig bemerkt, im den Spannungsbogen weit überstrapazierenden F.E.E.L.I.N.G.C.A.L.L.E.D.L.O.V.E.. Ein Cocker ist nämlich schon genug, zwei, einen davon krächzend und den anderen in skurrilem Geflüster verharrend, sind in dieser überfordernden Koexistenz eindeutig zu viel. Auch Pencil Skirt ist eine dieser Nummern, die zu fremdschämenden Kopfschütteln führen sollte, wenn er da so ohne Bedanken singt: "Oh baby, I'll be around when he's not in town / I'll show you how you're doing it wrong / I really love it when you tell me to stop / Oh it's turning me on." Auch ein anderer Kritikpunkt drängt sich auf: warum muss im Britpop immer alles so lang sein? Verglichen mit Urban Hymns ist Different Class zwar ein Leichtgewicht, drei Sechsminutenkapazunder hätten es aber dann doch nicht sein müssen.

 

Wie so oft, und wie mein Vorsprecher mir sicherlich zustimmen würde, liegt in jedem überschwänglichen Lob eine kleine Wahrheit, so auch hier. Die Band spielt phasenweise wirklich klasse, hätte sich vielleicht etwas mehr verdient, als eine überdrehte, billige Bowie-Kopie in ihren Dreißigern, die schmierigen Texte ganz zu schweigen; Charisma ist eben doch nicht alles. Wie auch immer, Disco 2000 ist ein grandioser Pop-Song, der sich mit perfektem Zusammenspiel, starken Lyrics und ordentlich Tempo das zurückhaltende Urteil des Kollegen ad absurdum führt, Sorted For The E's & Wizz ist in seiner schwebenden, produktionstechnischen Opulenz einzigartig gut und Something Changed geht in seiner Funktion als melancholischer Tempowechsel auf, steht als eine der besten Balladen der Dekade, wäre aber auch ohne seine überpräsenten Streicher ausgekommen.

 

Es wäre vielleicht etwas überzogen, von den 'wenigen Lichtblicken' der 90er zu sprechen, aber im überschätzten Britpop-Terrain mit all seinen vermeintlichen Meisterwerken (Parklife, Urban Hymns, nur um zwei zu nennen) sucht man diese tatsächlich beinahe vergeblich. Auch bei Different Class wird man auf der Suche nach künstlerischer Brillanz nicht fündig, zumindest nicht auf Albumlänge. Und auch wenn Pulp immer wieder einmal ihr artistisches Genie aufblitzen lassen und wirklich niemals 'in ein vorhersehbares Schema fallen', den Vergleich mit Oasis können wir uns getrost schenken.

 

M-Rating: 6.5 / 10