Pochonbo Electronic Ensemble - Vol. 12: Korean Folk Songs

 

Vol. 12: Korean Folk Songs

 

Pochonbo Electronic Ensemble

Veröffentlichungsdatum: ??.??.1991

 

Rating: 5 / 10

von:

Kristoffer Leitgeb

 

am:

25.09.2017


Pyeongyangs Finest oder Musikantenstadl meets 80s-Pop meets Sowjethymne.

 

Ein groteskes Faszinosum, wie es diese Weltreise wohl nicht mehr zu Tage fördern wird. Eigentlich war ja die Idee, musikalische Perlen aus kaum im Bewusstsein verankerten Orten dieser Erde auszugraben. Zumindest für dieses Mal wird daraus ein musikalisches Volksfest kommunistischer Sorte aus einem in unser aller Bewusstsein gehämmerten Land. Nordkorea ist präsent, wenn auch eher durch Massenvernichtungswaffen als durch Musik. Aber auch Musik kann dem Schrecken einer Massenvernichtungswaffe nahe kommen und ihm selbstbewusst Paroli bieten, Andreas Gabalier beweist das. Ergo ist wohl die Brücke auch für den beinahe letzten streng pseudosozialistisch geführten Staat dieser Welt geschlagen, es darf eingereist und zugehört werden, wenn eine der so wenigen von staatlicher Seite zugelassenen Bands ihren Auftritt hat. Gegründet noch unterm Gottvater Nordkoreas, Kim Il-Sung, ist das Pochonbo Electronic Ensemble quasi Urahn aller Popgruppen und Musiker im Land und als solches Paradebeispiel der künstlerischen Finesse, die angeblich dort geboten wird. Und dann hört man eines ihrer Alben.

 

Übrigens leider kein reguläres Studioalbum, wo diese ganzen dem Führer und dem Arbeiter gewidmeten Schunkellieder mit hymnischem Unterboden drauf sind. Nein, die Klassiker That's Thanks To The Leader's Care oder We Are Masters Of The Farm sucht man vergebens. Stattdessen wird traditionelles koreanisches Liedgut neu vertont und in fetzige Rhythmen verpackt. Jetzt ist das so eine Sache bei einer Band, die nach des Führers Vorgaben zu musizieren und sich gefälligst an die Juche-Ideologie zu halten hat. Der Freiraum ist begrenzt, zumal gefälligst die Bevölkerung glücklich werden soll beim Zuhören. Der einzige Weg dorthin führt, damit beginnt die Groteske, über den Schlager. Alles, was dieses große, mit Militärchor und allerlei Perkussionskräften bestückte Ensemble fabriziert, ist im Kern qualifiziert für die Stadl-Show und sonst nicht viel. Das ist wiederum im Kern abstoßend, weil Drei-Akkord-Songs im Schunkelmodus des denkenden Menschen Hirn zum Verdorren bringen. Aber es ist auf Koreanisch und so sind die grässlichen Texte schon einmal nicht verifizierbar oder zumindest nicht entzifferbar, die Stimmen ohnehin zärtlich und der Chor dahinter auf einschüchternde Art cool. Das schwächt die dumpfe Melodik ab und beflügelt schon einmal immerhin das ohnehin weltbekannte Kulturerbe Arirang, den wohl wichtigsten Song, den die koreanische Halbinsel zu bieten hat. Ja, es ist eine schwülstige Ballade, aber fein gesungen und trotz billiger Keyboard-Instrumentierung dezent genug intoniert, dass man nicht dem reinen Kitsch erliegt. Stimmig nennt man sowas.

 

Und jetzt der Kicker: Die ganze LP hätte das Zeug, wirklich gut zu klingen, vergegenwärtigt man sich des Potenzials zumindest mancher Songs. Gerade die elektronische Grundausstattung, die zusammen mit dem militärischen Getrommel die erste Geige spielt, lässt Raum für einige Ideen, die nicht nur einen Hauch von Originalität, sondern sogar spannende Dynamik erlauben. Bellow's Ballad zum Beispiel bekommt nicht nur die weibliche Mehrstimmigkeit ziemlich gut, auch die lebhafte Rhythmusabteilung im Hintergrund und vor allem die im Intro ziemlich spacige, in der Bridge entferntest psychedelische Keyboard-Ausstaffierung helfen ordentlich mit beim Hörvergnügen. Und nachdem Justin Bieber zumindest genauso wenig musikalischen Wert hat, wie manches Gedudel hier, umso mehr ein Sonderlob für die abenteuerliche Harmonie von Ryonggang Kinari, die das Kunststück, lockeren Bass, melodische Keys, einen erdrückenden Choral und ein kurzes Gitarrensolo zu einem rundum schlüssigen Ganzen zu vereinen.

Überhaupt sind es wie hier in der wirklich ziemlich großartigen zweiten Hälfte die Instrumentalpassagen, die die große Stärke dieses zusammengewürfelten Musikerhaufens ins Rampenlicht rücken: Das präzise Zusammenspiel. Im Hintergrund schwingt zwar ungut mit, dass die wohl um ihr Leben fürchten müssten, würden sie sich auch nur ein Mal verspielen, aber immerhin klingen diese theoretisch kaum zu vereinbarenden Zutaten unglaublich flüssig und stimmig miteinander. Eine Stärke, die nirgends so deutlich wird wie im sprunghaften, lange rein aufs Keyboard gestützten Sinau. Blöderweise der einzige Song, der sich als Hörprobe nicht finden hat lassen, umso mehr braucht es eine Beschreibung. Tja...also...naja...klingt irgendwie...nach Military-Synth-Pop. Gibt es den Terminus schon? Wenn nicht, das Pochonbo Electronic Ensemble bekommt ihn jetzt, weil nie vorher und nachher so gut die starre Großspurigkeit eines Männerchors mit der verspielten, an jahrzehntealte Zeichentrickmusik erinnernden Synthesizer-Kanonade vereint wurde. Die Melodien tun ob ihrer Einfachheit immer noch im Herzen weh, aber wenn nicht spätestens beim urplötzlichen, undefinierbaren Elektronikzwischenspiel gegen Ende ein bisschen Respekt erwächst, wann dann?

 

Auf alle Fälle nicht dort, wo Tondollari und Hullari ins Spiel kommen. Die sind beide nicht Boden des Fasses, das dieses Album darstellt. Aber sie sind symptomatisch für alles, was daran potenziell unerträglich ist. Man stelle sich vor, die Zillertaler Schürzenjäger hätten den Titelsong für Biene Maja gesungen, es würde wohl irgendwie so klingen. Schlimmer noch, tief aus dem Gedächtnis springt einen die Erinnerung an ein Lied mit der Anfangszeile "Heidi, Heidi, deine Welt sind die Berge..." an. Das kann nichts Gutes bedeuten, wenn dann dazu noch im stumpfsten aller möglichen Rhythmen geschunkelt werden soll. Potenziell unterhaltend, hauptsächlich wegen des Skurrilitätsfaktors, sowas aus Nordkorea zu hören, ist es immer noch. Und es ist weniger mühsam als die fünfminütige Ewigkeit, die die trägen, leblosen Yongchon Arirang und Harvest Birds Fly In darstellen. Aber trotzdem kommt es einfach besser, wenn ein klein wenig musikalische Abwechslung wie im instrumentenreichen Ongheya mitspielt und man sich klanglich wie strukturell etwas zutraut, um die Monotonie erst gar nicht aufkommen zu lassen.

 

Weil aber die Songs der qualitativen Marke Tondollari doch zu häufig vorkommen, reicht es nicht wirklich für einen glorreichen Auftritt der Kim'schen Hausband und dem Stolz Nordkoreas. Um mich gegen etwaige, wahrscheinlich bereits in Planung befindliche Vergeltungsmaßnahmen abzusichern, sei aber erwähnt, dass sowas wie das Pochonbo Electronic Ensemble doch nicht nur wegen des grotesken Schauspiels, das dank des politischen Hintergrund aus so einem Album wird, einen Lauscher wert sind. Das sind fähige Musiker, sehr unterschiedliche noch dazu, die es irgendwie zusammenbringen, Synth-Pop, Schlager, Militärmusik und wohldosierte Prisen Rock zu etwas zu formen, das nicht nur peinlich ist. Und das ist bei der Mischung auf alle Fälle eine Leistung. Dass dann zeitweise wirklich gute Tracks rauskommen, liegt wohl genau an dieser Chemie, die dem Ganzen innewohnt und die den einen oder anderen Ausritt aus der aufoktroierten Formel erlaubt. Die Band weilt übrigens noch unter den Lebenden, also dürften alle bisherigen Kims damit auch sehr zufrieden gewesen sein. Und seien wir mal ehrlich, zählt sonst überhaupt irgendetwas?

 

P.S.: Nachdem das Album quasi wirklich unauffindbar, auch nirgends käuflich zu erwerben ist, es sich aber doch irgendwie lohnt, das Ding zu besitzen, kann jeder, der diese Rarität vielleicht in seiner Sammlung haben will, gern einen Kommentar hinterlassen (ins zweite Feld die Mailadresse) und ich entlasse dieses Meisterwerk in die Welt.

 

Anspiel-Tipps:

Arirang

- Sinau

- Ryonggong Kinari


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