Phoenix - It's Never Been Like That

 

It's Never Been Like That

 

Phoenix

Veröffentlichungsdatum: 15.05.2006

 

Rating: 6 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 31.05.2018


Wohlfühl-Pop im Indie-Mäntelchen. Schwerelose Songs auf der Suche nach der Anziehungskraft.

 

Musik kann so verdammt viel, wenn sie nur will, dass man leicht in die Lage gerät, sie zu geißeln, wenn sie einfach nur gut klingen und den Leuten ein wenig leichten Hörgenuss bringen soll. Das ist möglicherweise ungerecht, aber es ist halt auch sehr gemütlich aus Kritikersicht. Die Vorstellung, die einem beim Hören manches Songs kommt, dass dieser wirklich so geschrieben wurde, um einfach nur zum nebenbei Aufdrehen einzuladen, ist zumindest dezent unbequem. Das ist wie ein Film, der so belanglos ist, dass man während dem Schauen auch gleich zehn andere Dinge zu machen, ohne sich schuldig zu fühlen. Kann ganz ok sein, aber das ist nicht der Stoff, aus dem künstlerische Heldentaten gemacht sind. Wobei natürlich der Pop schon einen gewissen Freifahrtschein in diese Richtung hat, immerhin muss er so viele Leute zu so vielen unterschiedlichen Zeiten begleiten, dass man ihm eine gewisse Leichtigkeit nicht übel nehmen kann. Die Großen sind dann die, die das auch noch mit genialer Schaffenskraft und dem zielsicheren Griff nach den richtigen Soundspielereien kombinieren, um auch bei genauem Hinhören zu faszinieren und einen tagelang zu begleiten. Phoenix begleiten einen dagegen gerade einmal 37 Minuten lang.

 

Immerhin ist das eine Albumlänge, die keine großen Abnutzungserscheinungen herausfordert. Wobei ein solcher Vorwurf in Richtung der französischen Indie-Truppe ohnehin verfehlt wäre. Zwar kann keiner auch nur irgendwie davon reden, dass man durch die kurze Tracklist fliegt, doch die Songs sind so frei von Schwermut und musikalisch so luftig-leicht, dass einen keine Langeweile befallen will oder das Ende sonderlich herbeigesehnt würde. In den ersten Minuten glaubt man sich überhaupt inmitten einer Indie-Lehrstunde. Zwar besitzen weder Napoleon Says noch Consolation Prizes den nötigen Kick, um sich irgendwie in Klassikerregionen aufzuschwingen, die Hooks sitzen aber perfekt und das klangliche Gemisch aus den hellen, leichtgewichtigen Riffs und Thomas Mars' vergleichsweise tiefer Stimme strahlt vollendete Harmonie aus. Ob man den Hang zum Surf Pop vor allem im zweiten Track wirklich kommentarlos abnicken soll, ist zwar weniger sicher, dieses Einnisten irgendwie zwischen der Frühphase der Beach Boys und den Monkees schadet der Band aber unter Garantie nicht.

 

Insofern ist "It's Never Been Like That" ein markantes Upgrade gegenüber den Vorgängeralben. Die R&B- und Hip-Hop-Einflüsse hat man erfolgreich entsorgt, stattdessen regiert verdauungsschonender Gitarrenpop, dessen Mischung aus gemächlichem Tempo und sonnigem Sound schwerelos wirkt. Und so kommen dann auch die Songs rüber, selbst ein  vermeintlich nachdenklicher Track wie Long Distance Call wird schimmernder Synthesizer-Störfeuer nicht vom lockeren Zupfen weggebracht. Das ist eigentlich super, weil sich das Quartett auf diesen Stil versteht wie auf sonst nichts und die eigenen Qualitäten vom Gesang abwärts hier bestens ausspielen kann. Selbst die Rhythm Section, die unter diesen Bedingungen eigentlich zur Einfachheit verdammt ist, scheint sich genau dabei so wohl zu fühlen wie seit Ringo niemand mehr. Ergebnistechnisch bedeutet das eine so ziemlich fehlerfreie Performance, die mit dem abgehackten Strophen-Riff von Courtesy Laughs genauso funktioniert wie in Form des fünfminütigen Instrumentals North.

 

Gerade damit werden aber auch die Schwächen der LP bestens zusammengefasst. Fünf Minuten lockeres Dahinspielen, varianten- und abwechslungslos, dafür mit der Hoffnung auf atmosphärische Kraft über langatmige Monotonie. Sowas kann kaum gelingen und mit dieser Vermengung leichtester Zutaten ist es schon überhaupt nicht möglich. Interessanterweise ist es der Band genauso unmöglich, irgendwie langatmig zu wirken, weswegen der Track mitnichten ins Bodenlose versinkt. Es ist melodische Harmonie, die man da zu hören bekommt. Nur nach Sinn und Wirkung sucht man vergeblich. So geht es einem leider mit den allermeisten Songs, die zwar alle sehr nett daherkommen und sich gut hören, dabei allerdings emotional oder auf ähnlichem Terrain ungefähr so viel Eindruck hinterlassen wie der nächste pseudoromantische Sommer-Blockbuster. Das ist kein vernichtendes Urteil, denn es wäre viel schlimmeres möglich. Dankenswerterweise hält man sich allerdings mit Misstönen so umfassend zurück, dass man nie auch nur in Versuchung käme, die LP nicht ganz gerne anzuhören. Mehr tut man eben auch nie. Phoenix schweben mühelos dahin, reißen aber weder musikalisch noch textlich irgendwie mit.

Dementsprechend kann man gemein sein und das Album mit Fast Food vergleichen. Es schmeckt oft nicht schlecht und zumindest besteht die Sicherheit, dass man immer etwas in gleicher Qualität bekommt. Dass das nicht gerade den hohen Genuss bedeutet, ist aber auch relativ eindeutig. Von der anderen Seite betrachtet, bringen die Franzosen einen ziemlich coolen Sound mit, ohne ihm irgendwelche Wendungen mitgeben zu können oder den Versuch zu starten, die notwendigen Emotionen einzubauen. Gerade dahingehend ist die LP blass bis unsichtbar, vermittelt nur im kraftvollen Refrain von Long Distance Call den Eindruck, es ginge um mehr als ein immerwährendes Wohlgefühl auf akustischer Ebene.

 

Das ist zu wenig für irgendwie geartete Jubelchöre. So geschmeidige, wie sich die Songs gleichzeitig geben, kann man aber immerhin auf eine LP frei von Fehltritten und klanglichen Patzern verweisen. Selten hat es ein Album so sehr wie "It's Never Been Like This" geschafft, konstant musikalische Nettigkeiten anzubieten, ohne viel mehr draufzuhaben. Da muss keiner unbedingt etwas dagegen haben, die Chancen stehen aber ziemlich gut, dass sich der Drang, jemals wieder zum Album zurückzukommen, in sehr engen Grenzen hält. Was mich auf den Plan ruft, weil dann doch noch ein Rat anzubringen wäre, wann man denn Phoenix doch aufdrehen sollte: Ein wolkenfreier Sommertag irgendwo im Grünen, keine Arbeit, Stunden der Ruhe und vielleicht noch irgendjemanden im Schlepptau, mit dem man sie gern verbringt? Da darf das Quartett in jedem Fall das Vogelgezwitscher im Hintergrund ersetzen.