Phil Collins - ...But Seriously

 

...But Seriously

 

Phil Collins

Veröffentlichungsdatum: 24.11.1989

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb , 24.01.2015


Zu viel Schnulzenpop, selbst für Collins. Ein vorläufiger Tiefpunkt.

 

Gleich vorweg, man muss mir immerhin zu Gute halten, dass ich trotz perfekter Passform keinen von Collins' großen Hits mit 89er-Baujahr in die Headline eingebaut habe. Keine Rede von verpassten himmlischen Klängen oder dem weit entfernten Paradies - zumindest bis jetzt. Mögliches weiteres Lob gehört verdient und deswegen wird ein bisschen in der Mathematik herumgegraben. Lasst das Stöhnen, so schlimm wird's schon nicht. Es geht nämlich nur darum, dass Phil Collins eine der bemerkenswertesten Leistungen der Musikgeschichte vollbracht hat. Seine Karriere, oder viel eher die Qualität seiner Alben, formt nämlich einen wunderbar gleichförmigen Abstieg irgendwo zwischen linear und exponentiell. Ok, so ganz eindeutig dann doch nicht, es gibt Schwankungen. Denn die Durchschnittsplatte "...But Seriously", die passt nicht ganz hinein.

 

Zumindest für all jene, die es ganz genau wollen. Ein bisschen weit abgerutscht ist er nämlich hier schon. Dreht man das Rad ein wenig zurück, lautete die Devise für LP #4 so zirka: Nicht "No Jacket Required". In diesem Sinne ist Synthie-Pop nicht mehr ganz die passende Beschreibung, die dafür benötigten Geräte sind nämlich kaum auffindbar. Etwas organischer läuft alles ab, mit blues-angehauchtem Gitarrensatz hier, afrikanischen Einflüssen bei den Percussions dort. Das könnte man abspecken nennen, die verlorenen Pfunde packt der Maestro in Form seiner heißgeliebten Bläser aber mit viel Freude auch gleich wieder drauf. Was sich noch dazugesellt, ist die schon vergessen geglaubte melancholisch-ernste Atmosphäre seiner Songs, die ihnen einen ordentlichen Schlagschatten vom eigenen Debüt mitsamt In The Air Tonight verleiht.

 

Während Collins aber sein Lebtag dem eindrucksvollen Durchbruchstrack hinterherhecheln sollte, ist hier wenig ausnahmslos Glanzvolles zu finden. Natürlich ist noch immer ganz Gutes drin, wo sein Name auf einem Hit draufsteht. Deswegen fungiert Another Day In Paradise tatsächlich als gelungene Reminiszenz an oben erwähnten Volltreffer. Dank der hier oft vorgetragenen Gesellschaftskritik nicht ganz im gleichen Metier, mit seinem atmosphärischen Intro, dem markanten und doch dezenten Drumpart und den spärlich erklingenden Akkorden von Seiten der Gitarre ist man aber in puncto Stimmung in ähnlichen Gefilden. Auch weil Collins mehr Fingerspitzengefühl mit seiner Obdachlosenhymne beweist, als er das üblicherweise in seinen Romantikerphasen getan hätte.

Und auch die ganz andere Seite mit den Up-Tempo-Songs Hang In Long Enough und Something Happened On The Way To Heaven präsentiert sich als vielversprechende Variante der Chartstürmer. Ersterer macht sich zwar mit dem widerspenstigen Bläsersatz nicht nur Freunde, ist aber dank des harten Beats und den aggressiven Keyboards - zwischendurch heißt's 'ich wär gern Industrial, trau mich aber nicht' - auch mit leicht deplatziertem Sänger ein starker Happen zum Einstieg. Dafür hängt einem das Intro vom Zweiten schon seit Jahren zum Hals raus, was nichts daran ändert, dass die Backgroundsängerinnen, die diesmal stimmigeren Bläser und das Gitarren-Understatement für die ausbalancierteste Performance der LP sorgen.

 

An anderen Schauplätzen greift man sich dafür unweigerlich an den Kopf. Das Balladesque scheint es ihm besonders angetan zu haben und sorgt ohne mit der Wimper zu zucken für äußerst schwere Minuten. Als unheilschwanger im negativen Sinn präsentiert sich That's Just The Way It Is, dessen fade Weltretterbotschaft von der Musik sträflich allein gelassen wird. So wird's bestenfalls fad, abgesehen von der Erkenntnis, dass David Crosby selbst als spärlicher Background-Unterstützer besser klingt als Phil Collins. Überhaupt scheinen seine emotionalen Minuten vor allem von musikalischer Nichtigkeit geprägt, wie zum Beispiel das einschläfernde Father To Son oder die x-te von Banalität geprägte Romantikschnulze Do You Remember?, bei der sogar der anfänglich ansprechend beschwingt-lockeren Gitarre irgendwann die Luft ausgeht.

 

Lichtblicke gibt es insbesondere deswegen kaum, weil das Tempo mitunter einschläfernde Maße erreicht, die davon geprägte Musik in ihrer Einfachheit aber weit davon entfernt ist, irgendwem unter die Haut zu gehen. Einzige Ausnahme ist Eric Claptons großartiger Auftritt in I Wish It Would Rain Down, der mit seinen starken Bluesriffs auch Collins ordentlich wachrütteln kann. Ansonsten punktet ebender vornehmlich dann, wenn er die Zügel etwas lockerer lässt. Perfekt festgehalten im Neunminüter Colours, dessen zwei Parts gut und böse passend zur Schau stellen. Ein zäher Anfang ist es, mit triefendem Pathos überall und einem selbstverliebten Sänger, der sich lieber auf sein Organ verlässt als auf sonst etwas. Als man bereits fast geflüchtet ist, erfolgt jedoch die Wachablöse durch den starken schnelleren Teil, der erfolgreich Something Happened On The Way To Heaven imitiert - wer gefällig sein will, nennt es vielleicht eher fortsetzen. Dass ebendas nicht nötig ist für gute Minuten, beweist später die von Gospel und Motown durchzogene Nummer Heat On The Street, deren Lockerheit eine erfrischende Außenseiterqualität auf dem Album darstellt. Für einmal ist er wieder richtig lebendig, wenn er seinen Background-Chor hervorholt, seine Bläser pointierter einsetzt und sowohl Keyboard als auch Gitarre aufs Minimum reduziert. Und man merkt dem Track die Vitalität dann auch ganz schnell an.

 

Möglicherweise wäre es ihm zuzutrauen, dass er die auch andernorts ein wenig drüberstreut. Eigentlich weiß man es sogar, denn zumindest müde und langweilig hat er bis zu dieser LP selten geklungen. Hier kommen dann aber doch Verschleißerscheinungen auf, die den Ritt holpriger als nötig machen. Zu oft braucht man die Begriffe 'fragwürdig' oder 'langweilig', um Tracks und ihre Texte treffend zu beschreiben. Zur Rettung schreitet all das heran, was den organischeren Sound von "...But Seriously" so transportiert, dass man nicht nur die Stimme von Phil Collins wiedererkennt, sondern auch sein Talent für das Schreiben poppiger Ohrwürmer. Kurzum: Er kann's ja immer noch, er müsste nur wollen.