Panic! At The Disco - A Fever You Can't Sweat Out

 

A Fever You Can't Sweat Out

 

Panic! At The Disco

Veröffentlichungsdatum: 27.09.2005

 

Rating: 7 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 28.09.2017


Eigenwillig bis zur Unausstehlichkeit und doch auf der Butterseite dessen, was als Pop-Punk durchgeht.

 

Manche Musiker übertreiben es ein wenig mit dem Wunsch, auch ja der Öffentlichkeit im Gedächtnis erhalten zu bleiben oder zumindest einmal deren Aufmerksamkeit zu bekommen. Wir reden da jetzt weniger von einmaligen Publicity-Stunts oder einem veritablen psychischen Zusammenbruch geschuldeten Komplettrasuren. Aber diese Menschen, wahlweise sogar ganze Bands, die nicht viel mehr tun, als der immerwährenden Aufdringlichkeit zu frönen. So Marke Fred Durst, wäre der nicht ohnehin ein Fall für den Onkel Doktor. So Marke Brendon Urie. Der hat eine charismatische Stimme und die nötige Chuzpe, in den abschreckend schrillsten Kostümen, die man sich vorstellen kann, in den Videos der Band aufzutauchen. Das hilft, wenn man jung ist und das Geld braucht, vor allem in der vor Konkurrenz überquellenden Musikwelt, die morgen vergisst, was sie heute mochte. Und wenn man das zum ersten Mal vorgesetzt bekommt, glaubt man auch wirklich noch dran, dass das erfrischend ist.

 

Wahrscheinlich kommt das daher, dass "A Fever You Can't Sweat Out" tatsächlich auf kurzweilige Art eigenwillig ist. Was noch kein Beleg für eine musikalische Revolution irgendeiner Art wäre, eher ist das Gegenteil der Fall. Eine Band, die unter die Fittiche des Fall-Out-Boy-Masterminds gekommen ist, kann ohnehin weniger an Originalität besitzen, weswegen das Erfolgsrezept als gekonnte Mischung aus ebenderen Pop-Punk, ein bisschen Dance hier, ein bisschen Vaudeville dort zu verstehen ist. Das ist mäßig neu, aber selten. Weil es per se lächerlich klingt, vor allem in geschriebener Form. Die Praxis beweist aber, dass das Gespann einiges an Gefühl dafür mitbringt, wie die chaotische Zusammenstellung kaum harmonierender Sounds eben doch zu rockigen Ohrwürmern wird. Ein großes Verdienst ist es dabei, die Verhältnisse der Zutaten richtig einzuschätzen, dem geradlinigen Sound von Gitarre und Drums genug Platz einzuräumen, um weder die schwirrenden Synthesizer, noch die herrlich anachronistische Instrumentauswahl der zweiten Hälfte zu aufdringlich werden zu lassen. Deswegen ist alles von The Only Difference Between Martyrdom And Suicide Is Press Coverage am einen Ende, Build God, Then We'll Talk am anderen Ende mit einer Kohärenz geprägt, die in Wahrheit sogar dem Konzept des Albums widerspricht.

 

Ein bisschen was haben sie sich nämlich neben - durchaus gelungenen - spaßigen Songtiteln schon noch gedacht. Strikt in zwei Hälften getrennt, kennt die LP dem Vernehmen nach zwei Modi, nämlich den des Dance-infizierten Pop-Rock und den des organisch instrumentierten und im frühen 20. Jahrhundert stecken gebliebenen Pop-Rock. Man sieht, so wahnsinnig drastisch sind die Unterschiede nicht, auch das Hörerlebnis ändert sich trotz plötzlichem Auftritt von Klavier, Ziehharmonika und gezupften Streichern, wo vorher noch Elektronik-Beats und Synth-Geflimmer angesagt waren, weniger. Etwas mehr gibt man sich in der zweiten Hälfte der Harmonie und der Präzision, was dazu führt, dass alles, was nach dem überleitenden Interlude und damit ab Hitsingle I Write Sins Not Tragedies kommt, etwas mehr dem Gusto entspricht. Die angebotenen Hooks sind zwar gleichwertig, der qualitative Plafond genauso außer Reichweite, dass man sich im starken Closer aber am Akkordeon versucht oder I Constantly Thank God For Esteban mit akustischer Gitarre ausstattet, bizarrerweise sogar das Glockenspiel zum gewissen Etwas erklärt, riecht eher nach Originalität.

An der ähnlich guten Performance der ersten Hälfte ändert das trotzdem nichts, wie überhaupt die konstant gute Vorstellung bei gleichzeitigem Fehlen jeglicher wirklich großartiger Momente eine beachtliche Leistung für sich darstellt. An der Spitze dessen steht das herrlich zynische Time To Dance, das sich seine Melodik fast gänzlich für die eingängige Synth-Hook aufhebt, die Strophen dafür mit abgehackter Elektronik einleitet und ähnlich sperrig, dafür im Rock-Gewand, fortsetzt. Das garniert mit einer der wenigen unumwunden flüssigen Gesangsperformances von Brendon Urie und den schwärzesten Zeilen des Albums und man kann problemlos von guter Arbeit sprechen:

 

"Well, she's not bleeding

On the ballroom floor just for the attention

'Cause that's just ridiculous... ly on

Well, she sure is going to get it (the attention and the bullets)

Here's the setting, fashion magazines line the walls

Now the walls line the bullet holes"

 

Dass vom Triumph keine Rede sein kann, das hat neben dem Mangel an Top-Material auch den Grund, dass einem Uries gesanglicher Freimut doch gehörig auf den Wecker gehen kann, vor allem in Verbindung mit weniger glücklichen musikalischen Entscheidungen. Nails For Breakfast, Tears For Snacks humpelt beispielsweise etwas zu sehr dahin, um da der wilden Silben- und Zeilenakrobatik von Urie etwas Effektives entgegensetzen zu können. Dass genau diese eigenwillige Angewohnheit, sich die Texte und Gesangsrhythmen fast regellos zurechtzuzimmern, eines der markantesten Merkmale des Debüts ist, ist nicht zu leugnen. Gerade Time To Dance und I Write Sins Not Tragedies leben auch davon. Trotzdem wird es auf Albumlänge zur anstrengenden Übung, diesbezüglich keine Übersättigung zu spüren. Andererseits, der Rohrkrepierer Camisado verzichtet gerade darauf wie auch auf jegliche sonst erkennbare Dynamik und geht damit umgehend baden.

 

Möglicherweise brauchen auch der heillose Zynismus, der Abgesang auf Mediengeilheit und Romantik und die aufgesetzte Emo-Verletzlichkeit genau so einen Sänger. Wahrscheinlich gibt es auch deswegen nicht allzu viele Bands, die sich an einer solchen Melange bei gleichzeitigem musikalischen Harakiri versucht haben. Dass es Panic! At The Disco getan haben, ist wohl auch jugendlicher Naivität geschuldet, die kann aber manchmal zu netten Dingen auch führen. Eine Debüt-LP wie "A Fever You Can't Sweat Out" geht zwar eher nicht als nett durch, zu unablässig aufdringlich ist das ganze Schauspiel. Einem erfolgreichen und im Gedächtnis hängen bleibenden Erstauftritt steht das aber nicht weiter im Weg und trotz bald folgender Zersetzungs- und Selbstfindungsprozesse rund um und in Urie, darf wenigstens dieses Album noch relativ stolz in seiner Vita stehen.