Nickelback - Dark Horse

 

Dark Horse

 

Nickelback

Veröffentlichungsdatum: 18.11.2008

 

Rating: 2 / 10

von Mathias Haden, 07.04.2016


Die erfolgreiche Annäherung an den kreativen Nullpunkt wirft altbekannte Fragen auf: Wer braucht euch, Chad?

 

Welcome back, Nickelback! Beinahe auf den Tag zwei Jahre ist es nun her, dass die Schnittmenge zwischen aufmerksamen MusicManiac-Lesern und Nickelback-Afficionados das letzte Mal ordentlich feiern durfte. Nun, für eine richtige Sause war die Bewertung dann vielleicht doch etwas zu unbefriedigend, aber Fans der Band sind bekanntlich nicht die anspruchsvollsten, dürfen jenen der Bloodhound Gang oder der Fußballnationalmannschaft von Trinidad und Tobago die Hände reichen und gemeinsam "Dabei sein ist alles"-Sprechchöre anstimmen. Dabei sind Chad Kroeger und Konsorten heute auch wieder, wenn es darum geht, die sechste LP und damit den Nachfolger vom bereits rezensierten All The Right Reasons unter die Lupe zu nehmen. Prominente Hilfe war den Kanadiern dabei gewiss, mit Robert John "Mutt" Lange immerhin einer, der schon das Beste aus AC/DC oder Bryan Adams (hüstl) rausholen konnte.

 

Um auf Dark Horse auch das Beste aus Nickelrockern rauszuholen, bedarf es aber wahrlich keinem Magier. Wo nicht viel drin ist... na ihr wisst schon. So verwundert es auch wenig, dass die Band selbst nicht besonders erpicht darauf ist, musikalische Experimente zu wagen, sondern eher den Vorgänger und Millionenseller zu kopieren. Wie gut das gelingt, spiegelt sich direkt in den beiden Lieblingsströmungen der beiden Kroeger-Brüder und deren Kollegen Ryan Peake (Rhythmusgitarre) und Daniel Adair (Drums) wider. Im Angebot hätten wir da die berühmt berüchtigte Power-Ballade der Marke If Everyone Cared, hier liebevoll in I'd Come For You oder If Today Was Your Last Day umgetauft, die Chad wieder einmal als erquickliches Ventil für seine tiefschürfenden Emotionen nutzt:

 

"If today was your last day
And tomorrow was too late
Could you say goodbye to yesterday?
Would you live each moment like your last?"

 

Wer so ungeniert mit Plattitüden um sich wirft, der hat bestimmt auch in der zweiten Lieblingsdisziplin, dem ziellosem Do-or-die-Gerumpel, nicht allzu viel zu melden. Und tatsächlich: Wo die Kanadier drei Jahre zuvor im klobigen Side Of A Bullet eine nette Hommage (an den verstorbenen Pantera-Frontmann Dimebag Darrell) kaum auffindbar versteckten, lässt sich auf Dark Horse nur schablonenhafter Einbahnstraßen-Heavy-Metal für Arme bergen. "S is for the simple need / E is for the ecstasy / X is just to mark the spot / 'cause that's the one you really want" stellt Kroeger im besonders geistreichen S.E.X. klar, nur um zwischen wütenden Gitarrenwänden auch das letzte Rocker-Klischee zu bemühen, das er schon länger, genauer gesagt seit der vorletzten Nummer, noch nicht wieder angerührt hat. Und hey, mit Zeilen wie "(Yes!) Sex is always the answer / It's never a question / 'cause the answer's yes / Oh the answer's (Yes)" kann sich die Band immerhin berechtigte Chancen für die Aufnahme der Ehrenpräsidentschaft im Klub der Vergewaltigungsbefürworter ausmalen - pfui, würg, Cock-Rock der übelsten Sorte.

 

Und was macht das Quartett eigentlich, wenn es nicht gerade den Traum jedes Möchtegernsuperstars lebt und ans Vernaschen von Groupies denkt? Na klar, sich einen hinter die Binde kippen (Burn It To The Ground) oder am Lagerfeuer ein bisschen Weltschmerz in den Äther jagen (Gotta Be Somebody). Das einzige, das sich seit All The Reasons scheinbar geändert hat, ist der Umstand, dass auch die letzten brauchbaren Melodien einem monotonen Krach gewichen sind. Der Grundton ist fraglos härter, was nicht zwangsläufig negativ ist, für memorable Passagen haben Nickelback und "Mutt" aber wenig Platz gefunden. Immerhin nutzen sie den auf Never Gonna Be Alone, um zu einem nostalgischen Riff jene Nummern zu kopieren und in die Gegenwart zu holen, auf denen Kroegers Stimme nicht ganz so fehl am Platz war (z.B. Photograph). Und da auch Closer This Afternoon, ausnahmsweise mit so etwas wie einem Rhythmus gesegnet, einigermaßen schmerzfrei, weil relativ zahnlos vorbeizieht, kann man auch das prekäre Unterfangen, ganze zwei brauchbare Anspieltipps aus dem faden Einheitsbrei zu fischen, endlich zu den Akten legen.

 

Bleiben abschließend nur noch zwei Fragestellungen übrig. Zuerst einmal das obligatorische, mich seit Jahren quälende Anliegen, wer denn eigentlich die Zielgruppe für diese rockenden Affen darstellt? Die unterdrückte Hausfrau, die in der Küche gelegentlich richtig Dampf ablassen muss, der pubertäre Rebell, der seinen Welt- und Selbsthass in ziellosem Gebolze zu ersticken versucht oder gar der schnöde Rockveteran, der die Lücke zwischen U2- und Springsteen-Veröffentlichungen mit semiadäquatem Pathos zu überbrücken versucht? Während ich mir diese Frage auch weiterhin nicht beantworten kann, weiß ich zumindest auf jene aus der Überschrift eine akkurate Replik, derer es nur ein bisschen im bandeigenen Kanon zu schmökern bedarf: "Ooh, we got no class, no taste, No shirt and shit faced" (aus Burn It To The Ground). Danke Chad, ein einfaches "Niemand" wäre aber völlig ausreichend gewesen.