Moscow Olympics - Cut The World

 

Cut The World

 

Moscow Olympics

Veröffentlichungsdatum: 23.04.2008

 

Rating: 7.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 16.04.2017


Dream a little dream with them. Copy + Paste im allerfeinsten Stil.

 

There once was a band from Nantucket, whose guitarist wore always a bucket! Die grammatikalisch fragwürdig angesprochene Band ist Guns N' Roses, für die ein gewisser Buckethead zumindest ein paar Jährchen die Aufgabe des Saitenvirtuosen übernommen hat, lange bevor er in einem Jahr hinterfragenswerte 118 Alben veröffentlichen sollte. Bands gibt es aber auch ganz woanders, viele davon viel besser, sogar mitten auf den Philippinen. Blöderweise nennen sich die dann Moscow Olympics und niemand weiß mehr, dass die eigentlich aus Manila kommen und nicht einem frostigen Gulag entflohen sind. Von einer musikalischen Warte betrachtet, ist all das komplett Wurst. Allerdings keine Krakauer, sonst wird es geografisch erst wieder verwirrend. Jedenfalls ist Südostasien, wiederum von musikalischer Warte aus, großteils terra incognita und daran wird weder die World Tour noch der beste fünfköpfige Kopierer seit langem etwas ändern.

 

Das angesprochene Quintett musiziert nämlich gemeinsam nicht mehr, hat nur zum Ende des letzten Jahrzehnts kurz Hoffnungen wach werden lassen, dass die Philippinen anderes als Kommentare eines psychisch auffälligen Proto-Diktators in die Welt exportieren könnten. Das Exportgut, "Cut The World", ist eigentlich ein schnell vereinnahmendes Mosaik, zusammengesetzt aus Importware der 80er und 90er, genauer gesagt dem endenden Post-Punk und beginnenden Dream Pop. Man braucht der Band keine Minute zuzuhören, um zu erahnen, dass keiner der Akteure größtmögliche Originalität als Motto ausgegeben hat, bevor es an die Aufnahmen gegangen ist. Entführt wird also nicht in wundersame neue Welten, sondern in die eine oder andere, die vielleicht schon von The Cure, den Cocteau Twins oder New Order erschlossen wurde. Schon der Opener What Is Left Unsaid macht zwar deutlich, dass man weder so depressiv wie erstere, so wirklichkeitsfern wie zweitere oder so elektronisch wie drittere ist, dafür tut sich in dem samtweichen, im wahrsten Sinne des Wortes vielschichtigen Jangle-Pop der Philippinos eine kleine eigenen Nische auf.

 

Die wiederum wird inmitten penibel verflochtener, harmoniesuchender Riffs, sphärisch-hypnotischer Keys und einer für diesen Sound fast hyperaktiven Rhythm Section zur anschmiegsamen, ummantelnden Soundwand. Die dort hinein gemurmelten Zeilen, kaum einmal über Songlänge komplett zu entziffern, vollenden da ganz schnell das zwiespältige Bild umfassenden inneren Friedens und noch viel fundamentalerer Melancholie. Sanft wie ein Wölckchen, das nur deswegen so flauschig daherkommt, weil es jeden Moment rausregnen kann. Dementsprechend schwebend bewegt sich auch alles, in relativer Gleichförmigkeit zwar, dafür mit verführerischen stilistischen Erinnerungen an Joy Division im Intro zum Parade-Jangler Second Trace, mit der unwiderstehlichen Hook im von Military Drums angetriebenen Still oder aber sogar mit einem schnellen Schlag modernen Indie-Rocks im Closer Talk Like This.

 

Closer ist der übrigens nur, weil die gerade einmal 28 Minuten kurze Erstversion der LP 2009 fürs japanische Publikum um zwei Songs erweitert hat. Es soll auch diese und nur diese gehört werden, ohne die Single Still findet der Sound der Truppe nämlich sicher keine Vollendung. Wobei überhaupt der Begriff Vollendung eine Überhöhung dessen wäre, was geboten wird. Ohne den Appendix des Rereleases wäre es nämlich eine Affäre ohne Höhepunkt, deren wohliger Klang einen zwar ganz schnell vereinnahmt, aber auch nie wirklich verzaubert. Carolyn, diese vielleicht ungewollte Hommage an ein "Kiss Me"-Ära The Cure, kommt dem höchsten Gütesiegel noch am nächsten, zeigt vor allem auf, wie genial das Zusammenspiel der beiden Gitarristen auch ohne Solo-Spielereien oder andere Extravaganzen klingen kann. Wie überhaupt die Moscow Olympics wenig russisch und noch weniger athletisch klingen, dafür aber mit jeder Minute mehr zu einer Verkörperung wohltuender Harmonie werden. Das angesprochene Mosaik, es kennt keinen falsch platzierten Baustein, keinen unrunden Ausreißer. Stattdessen sind selbst laute Anwandlungen wie die im schwer beladenen Ocean Sign das dahingleitenden auf äußerst ruhigen Wellen.

 

Nicht so ruhig allerdings, dass so etwas wie Monotonie aufkommen könnte. Dahingehend könnte man meinen, es sei das größte Verdienst der Band, komfortabel unter der 40-Minuten-Marke zu bleiben. Denn "Cut The World" gleicht trotz wohlgeformter Nuancierungen einem langen Song, flüssig und bruchfrei, hellen Riffs und nachdenklichem Genuschel verpflichtet. Dass dieser Song seine kleineren Höhen und Tiefen hat, ergibt sich von selbst. Safe hätte zum Beispiel nicht länger sein müssen als Smells Like Teen Spirit. Doch jeder nachhallende Akkord von No Winter, No Autumn wiegt letztlich schwerer als dieser kleine Makel. Außerdem versinkt man viel zu leicht im Sound der Band, als dass man sich solchen Kleinigkeiten noch über Gebühr widmen würde. Stattdessen stehen Melodien im Mittelpunkt, die für einen vom besten Sommerabend seit dem gestrigen bis zum wehmütig-nachdenklichen Marsch durch strömenden Regen alles symbolisieren können.

 

Und das ist eine Qualität, die jeden Ruf nach originellen Ideen oder gar Plagiatsvorwürfe verstummen lassen muss, die wichtiger ist als geschichtsträchtige einzelne Zeilen. Und wenn das mal von mir kommt... Eben! Trotz Verwirrspiels bei der Namensgebung können die Moscow Olympics also mit Stolz auf ihre anscheinend sehr kurze gemeinsame Karriere zurückblicken. Dass von ihnen keiner wirklich viel mitbekommen hat, liegt wohl vor allem daran, dass Manila nicht Los Angeles ist und dementsprechend kaum ein Radar von "Cut The World" Notiz genommen hat. Vielleicht war es aber gerade der Schutz des Desinteresses an philippinischer Musik, der es der Band ermöglich hat, so direkt auf die großen Namen des Dream Pop und Post-Punk Bezug zu nehmen und trotzdem nicht pflichtschuldig individuelle Unnötigkeiten einzustreuen. Stattdessen klingt man so, wie die 80er fernab der Charthits oder harten Gitarrengewitters geklungen haben. Ein unbemerktes Revival quasi und vielleicht das beste, das die 00er-Jahre zu bieten hatten. Das bringt uns zwar nicht zurück zur Wurst, nachdem die aber zwei Enden haben muss, sei sie hier noch einmal erwähnt.

 

Anspiel-Tipps:

- Second Trace

- Carolyn

- Still