Morrissey - Viva Hate

 

Viva Hate

 

Morrissey

Veröffentlichungsdatum: 14.03.1988

 

Rating: 7 / 10

von Mathias Haden, 01.06.2017


Lohnender Karriereneustart, der mit Hits wuchert, gelegentlich aber auch Biss vermissen lässt.

 

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Morrissey nach dem Verglühen der alten Liebe und dem sich retrospektive betrachtet doch abzeichnenden Bruch mit seinem kongenialen Herzensmenschen Johnny Marr neue Pfade beschreiten würde. Das letzte Album der Smiths, Strangeways, Here We Come, war kaum ein paar Wochen alt, da fand sich der exzentrische Ex-Frontmann schon wieder im Studio und bereit, ein neues Kapitel der Morrissey-Saga aufzuschlagen. Stephen Street kannte er ja schon von der gemeinsamen Arbeit auf der letzten Smiths-LP, so musste der Produzent für das Solo-Debüt gar nicht erst gesucht werden. Nicht nur überließ der Sänger dem Kollegen überraschend viel Verantwortung, auch schrieb er Street Co-Songwriting-Credits und instrumentale Begleitung über die gesamte Spieldauer der LP zu. Fast, als würde er nach der unschönen Trennung vom Lebensmenschen Marr demonstrativ einen legitimen Nachfolger bestimmt haben. Gut, das „fast“ kann man sich beim berüchtigt leidenschaftlichen Eifersüchtling Morrissey eigentlich schenken. Wie auch immer, Viva Hate, das antizipierte Erstwerk, erschien schließlich im März 1988, um einen bemerkenswerten kreativen Lauf zu prolongieren.

 

Auf den Schultern der vorab ausgekoppelten, beliebten Hit-Single Suedehead gelingt das über weite Strecken auch ganz gut. Mit seinen jangelnden Gitarren ist die auch noch auf den Spuren der Ex-Band unterwegs, sonst erinnert bis auf Morrisseys theatralischem Gesang nicht mehr ganz so viel an die Smiths, wie man sich vielleicht erhofft hätte. Der Gitarrensound, den Suedehead teilweise noch okkupiert, offenbart mit Vini Reilly statt Marr am Instrument nicht dieselbe Magie, dafür tragen Streicher die überlebensgroße Vision an einigen Stellen der LP. Wie etwa auf Everyday Is Like Sunday, dem Aushängeschild des Debüts, auf dem sich Synth-Streicher und erhabene Gitarren die Hände reichen, im dichten Klangkorsett freilich noch Platz ist für einige der am meisten nachhallenden Zeilen des Debüts:

 

"Hide on the promenade, etch a postcard:
"How I dearly wish I was not here"
In this seaside town,
That they forgot to bomb
Come, come, come nuclear bomb"

 

An Highlights mangelt es Viva Hate ohnehin kein bisschen, mit dem bis heute kontrovers diskutierten, musikalisch leichtgewichtigen Guilty Pleasure Bengali In Platforms, dem episch langen Late Night, Maudlin Street und dem wüsten Rocker I Don't Mind If You Forget Me vereint das Album weitere Perlen aus dem Solo-Schaffen des Künstlers. Ersterer Nummer, eine mitfühlende Midtempo-Ballade mit geschmeidigem Akustikarrangement und sanfter Melodie, werden folgende Worte zum Verhängnis, die zweifelsfrei Spekulationen rechtfertigen, aber gerade beim Poeten Morrissey richtig eingeordnet werden sollten: "Shelve your Western plans / 'Cause life is hard enough when you belong here". Late Night, Maudlin Street findet den Sänger wieder in seinem Element des majestätischen Gejammers, während er zu einer gemächlich dahinfließenden Serenade aus Percussions, Keyboards und akustischer Gitarre in sich geht und eine kleine, traurige Episode aus seinem Leben schildert. Daneben wirkt der breitbeinige Abrechnungs-Rock von I Don't Mind If You Forget Me mit seinen wuchtigen Drums, dem rumpelnden Bass und den verspielten Gitarren-Sequenzen wie ein Ausbruch aus der nach innen gekehrten Elegie.

 

Diese Power ist es jedenfalls, die der LP kurz vor Schluss noch das nötige Leben einhaucht, bevor wieder die ruhigen Töne die Oberhand gewinnen. Einerseits mit dem lieblichen, aber unspektakulären Dial-A-Cliché, andererseits mit dem ebenfalls lieblichen, aber nicht minder unspektakulären Margaret On The Guillotine, das mit seiner verträumten Vorstellung von der Hinrichtung Margaret Thatchers mächtige mediale Wellen schlug. Musikalisch geben die zwar beide relativ wenig her, doch erfüllen sie ihren Job, ein höchst eigenwilliges, über weite Strecken aber nicht ausfallendes Album sanft abzufedern. Anders als das dramatische Angel, Angel, Down We Go Together, das lediglich mit Streichern und Gesang eine interessante Stimmung aufbaut, letztlich aber ebenso schnell im Fade-Out und aus den Gedanken entschwindet. Oder auch das gemächlich dahin schunkelnde, wie einige andere Tracks Marr gewidmete Break Up The Family, das, nun ja, ebenfalls einfach da ist und als simple Smiths-Gedenknummer um ein paar rührselige Minuten bemüht ist.

 

 

Was indes bleibt, ist eine leicht zerfahrene LP mit großen Highlights und unnötigem Füllmaterial. Der Protagonist ist bestens bei Stimme und überaus motiviert, der Welt zu beweisen, dass es auch ohne seine alten Mitstreiter, vor allem aber ohne Johnny Marr funktionieren kann. Dabei schlägt er sich wacker, schüttelt ein paar instant classics, ein paar exzellente Zeilen und eine Handvoll hübscher Melodien aus dem Ärmel. Auch wenn der Sound der Ex-Band irgendwo auf halbem Wege begraben wurde, schimmern die alten Motive auf Viva Hate durch wie die Bewegungen eines Ruhe suchenden Poltergeists. Es finden sich in seinem herzeigbaren Kanon zwar noch einige bessere Scheiben, mit seinem Solo-Debüt legte er aber einen respektablen Grundstein.