Miley Cyrus - Can't Be Tamed

 

Can't Be Tamed

 

Miley Cyrus

Veröffentlichungsdatum: 18.06.2010

 

Rating: 2.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 28.06.2014


Alles nur geklaut... und dann erst drittklassig umgesetzt.

 

Ah, musikalischer Müll, sicheres Terrain für einen guten Review. Da kann man wenig falsch machen. Obwohl, eine echte Chance hat jeder einmal verdient und so muss man auch bei Miley Cyrus irgendwie zu dem Punkt kommen, an dem man ihr ohne große Vorbehalte zuhört. Gestaltet sich verdammt schwer, immerhin ist sie jahrelang als kleines Disney-Sternchen unter dem lächerlichen Namen Hannah Montana herumgetanzt und hat die Welt mit ihrem Bubblegum-Pop - wieder einmal linguistisches Understatement, aber es gibt keine Steigerung des Begriffs - nicht gerade gut behandelt. Aber manchmal ändern sich Menschen tatsächlich und für die ganz Kleinen ist "Can't Be Tamed" dann wirklich nicht mehr.

 

Das Küken ist nämlich flügge geworden, hört nicht mehr auf die alten Ratgeber und bestreitet das Abenteuer Dance-Pop ziemlich alleine. Dass das schief geht, ist erst mal keine große Überraschung. Ohnehin schon selten ein stilistischer Leckerbissen, lässt sich nach Rihanna, Lady Gaga und whoever else auch wirklich nur mehr wenig gewinnen in dem Genre. Erschwert wird das zudem dadurch, dass einem hier bei so ziemlich jedem Track der allzu große Einfluss altgedienter Hits entgegen springt und man so wenig von Originalität und dank der äußerst fehlerhaften Umsetzung auch wenig von Qualität sprechen kann. Bestes Beispiel: Leadsingle und Titeltrack Can't Be Tamed. Ein nicht ungemein grässlicher, aber eben doch ziemlich schwacher Versuch die gute alte Britney Spears und deren Hit Toxic nachzuahmen. Das Bad-Girl-Image kommt rüber, der drüber gestülpte Narzissmus auch, mit all dem Auto-Tune-Gebastel, dem brachial-eintönigen Beat und der hirnerweichend banalen Botschaft bleibt aber am Ende nichts außer ein halbwegs im Ohr sitzender Refrain und wirklich anstrengende Minuten.

 

Ähnlich schaut's mit dem Mix aus 90er-Eurodance und Rihanna-Attitüde, ja, vielleicht sogar R'n'B-Einfluss in Who Owns My Heart aus, dessen Chorus dann zwar wirklich einer zum Mitsingen ist, abseits davon aber exakt die gleichen Probleme zuschlagen. Stumpfsinnige Zeilen - für "Who owns my heart? / Is it love or is it art" gehört ihr irgendein Negativpreis, egal welcher - treffen auf eintönigen Beat und eine mäßige Performance von ihr selbst, die sich von Auto-Tune und den ordentlichen Synthie- und Keyboardwänden erdrücken lässt. Und so schreitet man lange durch diese LP, bekommt mit Permanent December eine weniger quälende Elektronik-Nummer, mit Forgiveness And Love präsentiert sich der schlechte Einfluss von Papa und Schnulz-Schleuder Billy Ray Cyrus in Form einer Country-esquen Ballade und mit Stay wildert sie mäßig erfolgreich im Territorium emotionaler Avril-Lavigne-Momente. Letzterer schafft's sogar zum Durchschnitt, ein Label, das bis dahin nur Opener Liberty Walk, etwas eintöniger Lady-Gaga-Dance-Pop mit wirklich verdammt viel Elektronik für nur vier Minuten und einer rappenden Miley, bekommen kann.

 

Aber, so ehrlich muss ich dann sein - immerhin will ich ihr ja eine "echte Chance" geben -, ab Albummitte bessert sich die ganze Geschichte. Neben Stay gibt's dort die beiden einzigen Nummern, die hier etwas Eigenständigkeit, sogar irgendwie etwas Coolness versprühen und auch musikalisch weit weniger auf die Nerven gehen als Vieles, was davor war. Die beiden heißen Scars und Robot, geben sich beide überraschend rockig, sind in Wahrheit auch Rock-Songs nur eingekapselt in die übliche Synthesizer-Maschinerie. Im Ersten wirkt das ordentlich, aber doch noch langatmig, riecht nach verschwendetem Potenzial, auch wenn man Cyrus hier wohl erstmals textlich kaum Vorwürfe machen will. Aber ich oute mich hier: Robot trifft. Voll ins Schwarze, zumindest falls die Sensibilität und Abneigung nicht zu groß ist, wenn es an Elektronik-Pop solcher Art geht. Doch mit der Aggressivität, die hier mal durchkommt, nicht mal blödem Text und ihrer besten Performance bleibt der Refrain dann doch wirklich, wirklich lange hängen und man hat noch nicht mal etwas dagegen. Nicht so, wie es bei Who Owns My Heart oder der merkwürdigen ABBA-Wiederauferstehung in Two More Lonely People ist, dass man sich gar schämen muss, den Rhythmus noch irgendwie im Kopf zu haben. Dafür mit relativ wenig Druck von Computer-Seite, auch wenn wieder einmal der Auto-Tune-Einsatz ins Ohr springt, und einer ordentlichen Packung Energie, die der Rest der LP selten bereit hält.

 

Nun, leider ist es der eine und einzige Volltreffer hier. Denn die beiden Ruhepole My Heart Beats For Love und Every Rose Has It's Thorn geben dem Album nichts außer verdammt schlechten Minuten und denkwürdigen Beispielen für emotionsbefreite Balladen. Zum einen hätten wir eine zu laute und schwach gesungene Erinnerung daran, warum Celine Dions Beliebtheitsgrad dem von DJ Ötzi Konkurrenz macht, zum anderen eine Neuauflage des vielleicht schnulzigsten Songs, den eine Country-Pseudo-Rock-Band jemals veröffentlicht hat. Beide triefen vor Schmalz, erstere auch vor völliger inhaltlicher Leere, und selbst wenn Cyrus' gesangliche Leistung im Poison-Cover wohl ihre beste hier ist, wird bei der beschissenen Produktion und dem grässlichen Refrain jede Zeile zu einer Qual.

 

So weit runter geht's an anderen Stellen dann wieder nicht. Denn abgesehen von diesen beiden kompletten balladesquen Katastrophen erhält jeder Track aus irgendeinem Grund doch ein paar Punkte, mal mehr, oft eher weniger. Die Versuche von Miley Cyrus ein bisschen 'mean' zu wirken gelingen nicht, auch ihre Anläufe berührende Gefühlswellen zu bieten schlagen fehl. Was bleibt also? Ein Album, dem man die Einflüsse nur so ansieht, bei dem es dementsprechend vor allem an der Umsetzung und nicht zwingend an den Ideen mangelt. Ab und an rettet sie sich in den sicheren Hafen der erträglichen Mittelmäßigkeit und tatsächlich gelingt ihr ein, hier muss man es so nennen, Glückstreffer. Alles in allem sind die Minuten, die ihre Zeit wert sind, aber doch deutlich in der Unterzahl und "Can't Be Tamed" geht unter dank eines erdrückenden Schwalls an elektronischer Musik, einer Musikerin in ihrer ersten Sinnkrise und häufigen Performanceproblemen, sowohl gesanglich als auch textlich.

 

Anspiel-Tipps:

- Scars

- Robot