Michael Nesmith - The Wichita Train Whistle Sings

 

The Wichita Train Whistle Sings

 

Michael Nesmith

Veröffentlichungsdatum: ??.07.1968

 

Rating: 5 / 10

von Mathias Haden, 05.02.2019


Ein bizarres Schlupfloch in die Freiheit und die große Kunst schiefer Töne.

 

Mike Nesmith ist schon ein armer Hund. Man darf zwar annehmen, dass der mittlerweile 76-jährige nicht gerade in der Gosse logieren muss und auch hier auf MusicManiac wird dem Singer-Songwriter ein prominentes Plätzchen an der Sonne zuteil, immer lief es aber nicht so rund. Zuerst zum Rumkaspern und nur sehr passivem Musizieren verdammt, dann genau deswegen wieder verhöhnt und weitgehend unter Wert verkauft. Verträge sind - der Otto aus Simmering wird mir jetzt kein Wort glauben - zumindest im Musikbusiness und vor allem in der düsteren, bürokratischen Tristesse der 60er eine Angelegenheit, aus der man sich nicht so einfach per Krankenstand verabschieden kann. Als Nesmith seine Unterschrift unter den langfristigen Vertrag des Labels Colgems setzte und sich damit zum Affen machte, gab er praktisch tatsächlich seine ganze Freiheit auf. Zwar hatte er zusammen mit seinen Monkees-Kollegen in den Folgejahren mit seinen Forderungen Erfolg, aktiv in das Komponieren und Einspielen der Stücke eingebunden zu werden, doch waren ihm in vielerlei Hinsicht die Hände gebunden. Alles, was er schrieb oder aufnahm, gehörte Colgems und so hatte er keine Chance, seine eigenen Kompositionen - sofern sie denn den Segen von oben bekamen - über einen anderen Weg als über Monkees-Alben und entsprechender musikalischer Ausrichtung zu veröffentlichen.

 

Aber wer suchet, der findet auch. Und so suchte und fand Nesmith schließlich ein Schlupfloch, um einige seiner Stücke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Denn über seine Arbeit als Arrangeur verfügte Colgems offensichtlich über keine Rechte. Die auf diese Art und Weise entstandene LP, die 1968 als Michael Nesmith Presents The Wichita Train Whistles veröffentlicht wurde und den primären Albumtitel auch als Namen der Band ausgab, kann nicht zuletzt aufgrund dieser Umstände als kleines und unbedeutendes Kuriosum der Musikgeschichte angesehen werden. Und das, obwohl sie immerhin bis Platz 144 der Billboard-Charts vorstoßen konnte und damit quasi gemeinsam mit Magnetic South (143) Nesmiths größten Solo-Erfolg darstellt.

 

Hier endet der zumindest für mich spannende Teil dieses Reviews. Das de facto-Debüt des gebürtigen Texaners vereint zwar eine beeindruckende Palette an namhaften Musikern (die Credits weisen neben meinem Top 10 Gitarristen James Burton auch noch Nesmiths langjährigen Weggefährten O.J. Rhodes, ebenfalls aus meiner legendären Top 10, oder Doug Dillard aus), musikalisch gibt es über das vollkommen instrumentale The Wichita Train Whistle Sings aber gar nicht so viel zu wissen. Denn die meiste Zeit über spielt ein vielköpfiges Orchester im Big Band-Stil Nesmiths Stücke. Das kann - wie im eröffnenden Nine Times Blues - dank seiner melancholischen Grundstimmung und den epischen Bläsereinsätzen verdammt großartig klingen, die meiste Zeit über bieten die anwesenden Musiker aber eher eine etwas schräge, gleichzeitig solide und in Anbetracht der Umstände immerhin witzig bizarre und beherzte Interpretation von Stücken, die man mit Ausnahme vom erfrischend leichtfüßigen Don't Cry Now, das neben dem Orchester noch Platz für Dillards Banjo findet, mittlerweile alle von den Monkees und Papa Nez Solo kennt. Gelegentlich hört man die anwesenden Musiker nach getaner Maloche auch tuscheln, herumbrüllen oder lachen.

 

Ich muss bei The Wichita Train Whistle Sings ja immer an einen Review des Musikkritikers Mark Prindle denken, der dem Album feierlich attestierte: "I think he (Nesmith - Anm. der Redaktion) was trying to create a Dixieland Jazz feel with the songs, but it sounds more like a poorly trained high school marching band (and banjo) demolishing a bunch of previously recognizable tunes. Rollicking, blowy, fun, usually out of tune and occasionally meandering so far away from interestingness, you wonder if Mike left the studio to take a poop or something." und dabei knackige 7 von 10 Punkten springen ließ. Und tatsächlich wird das erste Album unter eigenem Namen seinem Schöpfer wohl auch in Zukunft keine neuen Fans einbringen, alte womöglich weniger verwöhnen, aber in der richtigen Stimmung ist die LP schon ein ziemlich cooler Ritt mit einer interessanten Hintergrundgeschichte. Im MusicManiac Kuriositätenkabinett (Freunde der ersten Stunde erinnern sich vielleicht!) haben wir außerdem immer genug Platz für derlei Schmankerl. Und die Moral von der Geschicht? Ihr braucht das Kleingedruckte nicht lesen, ein Schlupfloch findet sich immer!

 

Anspiel-Tipps:

- Nine Times Blue

- Carlisle Wheeling

- Don't Cry Now