Michael Nesmith - The Prison

 

The Prison

 

Michael Nesmith

Veröffentlichungsdatum: ??.??.1975

 

Rating: 6.5 / 10

von Mathias Haden & Kristoffer Leitgeb, 29.06.2017


Der meditative Ausritt aus den gebräuchlichen Hörgewohnheiten mit Mut zur Transzendenz.

 

Unter all den leidenschaftlich diskutieren Termini, die die menschlichen Grundbedürfnisse thematisieren, ist der Freiheitsbegriff einer von denen, die über die Jahrhunderte in unterschiedlichen Breitengraden und Kulturen am meisten differierend aufgefasst wurden. Bis zur Öffnung gegenüber dem Westen, war der Begriff Freiheit, wie wir ihn heute kennen, etwa in Ostasien eher negativ konnotiert und an Stelle dieser Analogie ein anderer Ausdruck gängig, der sich als eine Art "unbefangener Spontanität" übersetzen ließe. In welcher Form sich die Vorstellung einer Freiheit aber auch ausdrücken mag, so essenziell ist sie in maßvoller Auslebung für das angebliche Vernunftwesen, den Menschen.

 

Genauso wie die Freiheit, eigens unpassierte Pfade beschreiten und dabei auch generelles Neuland betreten zu können. So wie Michael Nesmith, der nach sechs abenteuerlichen, aber nahezu unverkäuflichen Platten nach wie vor genug Geld auf der Seite hatte, um ein eigenes Label zu gründen und auf diesem sein bis dato unkonventionellstes Post-Monkees-Album zu veröffentlichen. The Prison ist eigentlich ein Buch mit einem Soundtrack, so steht es jedenfalls im eigenen Untertitel geschrieben. Immerhin liegt dem Album auch eine kleine, nette Allegorie bei, die wiederum das Thema Freiheit behandelt und theoretisch zur Musik gelesen werden sollte. Das ändert aber nichts daran, dass man das Album, das wir hier in seinem 1990 erschienenen CD-Remix bewerten, auch frei von Nesmiths lyrischen Ausflügen konsumieren und genießen kann.

 

Denn musikalisch greift The Prison einiges auf, was 1975 noch nicht annähernd salonfähig war. So sprudeln Synthesizer und Keyboards zwischen gitarrenzentrierten Nummern und lassen auch noch Platz für die Country-Vorgeschichte des Künstlers und präsente Percussions - der originale LP-Mix wuchert sogar mit bissiger Drum-Machine. Das Prunkstück des Albums ist zweifelsohne das Dreiergespann Dance Between The Raindrops, Elusive Ragings und Waking Mystery. Eingebettet in eine liebevolle Bildsprache, die jegliche Bezüge zu den philosophisch transzendenten Ausflügen des beiliegenden Büchleins verzeihen lassen, wird hier auch ersichtlich, warum Nesmith trotz winziger Lobby einer der feinsten Musiker ist. Zwar kann man natürlich vortrefflich über die poetischen Avancen streiten, doch sind seine Qualitäten in Bezug auf harmonische Ausgestaltung und Instrumentierung der Tracks, der ineinander verlaufenden Übergänge und vor allem seine himmlischen Melodien unbestritten. Nesmith wird auch nie als einer der großen Sänger seiner Zeit in Erinnerung bleiben, dafür hat seine Stimme Eigenständigkeit und Profil, was vielen besseren Sängern abgeht.

 

Vorwerfen kann man ihm jedoch, dass er auf The Prison ein bisschen zu oft den Weg entgegengesetzter Richtungen sucht. So finden sich mit dem trägen, countryesken Hear Me Calling?, dem mit seinen Tempowechseln fast dem Prog-Rock andächtigen Closing Theme (Lampost) und dem dank synthetischer Streicher beinahe in Richtung einer Ouvertüre schielenden Opening Theme (Life, The Unsuspecting Captive) einige Stücke, die Vielfalt wahren, aber zum Preis eines stilistisch zerfahrenen Untertons. Wie auch die Entscheidung, das musikalisch prinzipiell exzellente, erfrischend leichtfüßige Marie's Theme bei der Hälfte in ein mehrminütiges Fade-Out samt der immer wiederkehrenden Zeile "Hidden behind all the logic one finds without truth". Ein insgesamt schöner One-Liner, der über geschätzte fünfundvierzig Durchläufe allerdings hart am Nervenkostüm zehrt.

 

The Prison ist sicher kein Album, das sich beim ersten Durchgang erschließt oder dem konventionellen Musikhörer entgegenkommt. Stattdessen ist Michael Nesmiths ambitionierter Soundtrack eine meditative Reise und ein willkommener Ausbruch aus den gebräuchlichen Hörgewohnheiten - ein Vordringen zu sich selbst, das gelegentlich ausufert, aber all jenen einnehmende Minuten beschert, die sich darauf einlassen und nicht im Sinne pfiffiger Schubladendenker mit Begriffen wie "New Age" jonglieren. Mut zur Transzendenz, Mut zur Freiheit.  

 

M-Rating: 7.5 / 10

 


Spirituell wie ein Buddha-Tempel voller Touristen, immer auf der Suche nach Harmonie und Übergröße.

 

Meine Freiheit, deine Freiheit. Ich nehme mir also die Freiheit heraus, es nicht als Nötigung zu betrachten, dass ich dieses Album anhören sollte und vielleicht noch Hoffnungen gehegt wurden, es würde mir irgendwelche Augen öffnen. Man lasse es als simple Naivität durchgehen. Wie auch die Einschätzung, Michael Nesmiths siebentes Album wäre wahnsinnig viel mehr als anspruchsvolle Fahrstuhlmusik für Geschichtenleser.

 

Vielleicht an dieser Stelle eine Anmerkung zu ebendieser Geschichte: Süßliches Blabla zwischen religiösem Erwachen und anderweitigen Erleuchtungswahnvorstellungen. Aber liest sich nett. "The Prison" kennt in dieser Hinsicht zumindest musikalisch umgekehrte Vorzeichen. Ambitioniert, sporadisch vorausschauend, sporadisch tatsächlich der lohnenden Melodie nahe, allerdings als reines Hörerlebnis zäh wie... also, es gibt da diese Gummimischung, die man quasi auf einen Kilometer ausziehen kann und sie reißt immer noch nicht. Rissig ist die LP in dem Sinn sowieso nicht, bei Nesmith fließt alles. Blöderweise nur selten in Form einer lebendigen Stromschnelle. Die ist dem Kollegen in Form von Dance Between The Raindrops sowieso ähnlich prägnant aufgefallen. Die Retro-Orgel im Hintergrund hätte zwar keiner gebraucht, aber ansonsten ist das der nette beziehungsweise starke Country-Rock von nebenan, der die schwer auf die Gerade zu bringende Stimme von Nesmith sogar wohlplatziert wirken lässt. Ein unterbewusster Wink mit dem Zaunpfahl an sich selbst, er solle doch beim Country bleiben, wahrscheinlich.

 

Der Rest lechzt nämlich vor allem nach Harmonie. Und das ist durchaus nett, wenn es bis zu vollendeten Songstrukturen reicht und wie im Fall von Elusive Ragings sogar ein Hauch von Dynamik an der Gesangsfront aufkommt oder aber die Extravaganz, die sich Nesmith anscheinend zutraut, im finalen Closing Theme auf die Musik übergreift. Dann findet ein im Albumvergleich fast freimütiges Anpacken statt und führt zu steigender Vielfalt an der Instrumentalfront, die mit elektronischen Hilfsmitteln hier, nahezu jamaikanischer Percussion dort und sogar einem kurzen Pseudo-Flötensolo aufwarten kann. Anders formuliert: Der Abschluss der LP hält einen wach, überzeugt mit einer musikalischen Palette, die durchaus bereits für sich als ausreichender Beweis für die songwriterischen Fähigkeiten des bärtigen Barden gelten können.

 

Jetzt ist aber dann doch der Rest da und der schrammt schon mit dem Opening Theme am Achsbruch vorbei. Wer nämlich bedeutungsschwangere Orchestral-Serenaden mit Zeilen wie "For life is an unsuspecting captive / Of a million dreams" und dem fragwürdigen "Being alone and at one with the joys of rebirth" bereitstellt, kann kaum noch erwarten, ernst genommen zu werden. Vielleicht wäre es noch möglich, würde Nesmiths Charakterorgan wirklich irgendwie zu dem Sound passen. Tut es nicht.

Dass Nesmith diesmal generell von einer nahe dem Space-Rock gelegenen Mischung elektronischer Hilfen, der Wahlheimat Country und perfidem Sprechgesang geprägt ist, kann soweit kaum überraschend sein. Viel verwunderlicher ist, dass der Kollege ausgerechnet Walking Mystery so super findet. Dass in dem vor technischer Effekte glitzernden Song die Langeweile in ganz großen Buchstaben geschrieben wird, ist da sehr bald klar.

 

Was schon auch schade ist, weil dieser Mensch ja jetzt kein talentloser Clown ist. Mit so etwas wie "The Prison" ist man aber auch nicht mehr einfach nur speziell. Selbst die Ambition eines Buches mit Soundtrack eingerechnet, ist das entsprechende Album nämlich formvoll ohne größeren Inhalt. Man sucht auf emotionaler Ebene und auf intellektueller und findet die umfassende Leere mexikanischer Wüstenlandschaften inklusive ein paar einsam herumstehender Kakteen. Die sind stachelig und also musikalisch ausgeformt genug, um einen wachzurütteln. Sogar wenn es Nesmith vergeblich mit der Urform des ausgelutschten One-Liners probiert, der sich in Marie's Theme zu einem echten Nerventest entwickelt, allein schon weil die Aussage von "Hidden behind all the logic one finds without truth" so verdreht ist. Wer eine treffende Beschreibung von Michael Nesmith anno 1974 will: Er ist wie ein Buddha-Tempel. Außen imposant, also musikalisch mit ausreichender Überzeugungskraft. Innen ein Haufen quatschender Touristen, also effektiv inhaltsleer und doch von der eigenen spirituellen und inhaltlichen Bedeutung überzeugt.

 

K-Rating: 5 / 10