Michael Nesmith - And The Hits Just Keep On Comin'

 

And The Hits Just Keep On Comin'

 

Michael Nesmith

Veröffentlichungsdatum: ??.08.1972

 

Rating: 8 / 10

von Mathias Haden, 26.09.2017


Des Songwriters feinste Stunde reüssiert mit einmaligem Dialog.

 

Man durfte sich im Hause RCA schon lange auf den Kopf gegriffen haben, das einst so vielversprechende Prospekt Michael Nesmith mit einem sechs LPs umfassenden Vertrag ausgestattet zu haben. Der vormalige Monkee hatte sich zwar als Songwriter von einigen mehr oder weniger großen Hits anderer Künstler wie Linda Ronstadts Stone Poneys oder der Nitty Gritty Dirt Band einen Namen gemacht, gemeinsam mit dem Verglühen seiner Stammband war aber auch Nesmiths kommerzieller Stern am Untergehen. Abgesehen von respektablen Platzierungen der Singles Joanne und Silver Moon war der Pionier des Country-Rock in den Charts im wahrsten Sinn nicht vorhanden, weder mit der First-, noch der Second National Band wurde die Top 100 der Billboard-Charts erreicht. Anfang 1972, sprich lediglich zwei Jahre nach seinem Ausstieg von den Monkees und der ersten LP für RCA, konnte man sich an Nesmiths potenzielle Hit-Tauglichkeit noch düster erinnern und so begab es sich, dass das Label an den Künstler heranrückte und ihn wiederholt ersuchte, doch endlich wieder ein paar Hits zu schreiben. Der Rest ist Geschichte.

 

And The Hits Just Keep On Comin' stellt nicht nur einen adäquaten Beweis für Mike Nesmiths exzellenten Humor dar, sondern ist in den Augen vieler sein bestes Album. Eingespielt lediglich zusammen mit seinem langjährigen Companion und treuen Freund O.J. "Red" Rhodes, dem legendären Pedal Steel-Magier, im zarten Akustikgewand, ist die vorletzte RCA-LP musikalisch auch zugänglicher als die teilweise verschrobenen Scheiben mit voller Bandbegleitung. Zwar ist das immer noch eine leisere, introvertiertere Version seiner Country-Rock-Vision, doch mit einer Grazie gesegnet, die in seiner langen Karriere nur auf vereinzelten Songs ihresgleichen findet. So mausern sich die zehn versammelten Tracks sehr schnell zur Nesmiths feinster Stunde als Songwriter zusammen. Dass einer davon, den man bereits in der Version der oben benannten Stone Poneys kennt und endlich den Weg aufs eigene Album geschafft hat, Different Drum, hier nicht einmal in der besseren Hälfte einläuft, sagt schon einiges über And The Hits Just Keep On Comin' aus - das sympathische Fazit bleibt dem Sänger: "We'll both live a lot longer / If you live without me".

 

Die besten Minuten der LP gehören da aber ohnehin bereits der Vergangenheit an. Es sind nämlich wie so oft die einleitenden Stücke, die den bleibendsten Eindruck hinterlassen. Opener Tomorrow & Me beschwört mit seinem träumerisch schwelenden Zusammenspiel und den Harmonien eine äußerst heimelige Stimmung herauf, The Upside Of Good-Bye findet den Singer-Songwriter dann in seinen lyrischsten Momenten und beackert dabei ein Gebiet, das viel zu selten bearbeitet wird: Eine erfüllende Trennung. Man könnte hier eigentlich jede Zeile herauspicken, von den anfänglichen Beobachtungen ("There was an element of majesty / In the way the lady said that she / Was leaving in the morning for the coast / And that goodbye should have brought me pain") über die ungekannte, eigene Reaktion ("Then the thing that struck me strangely / Was the feeling that I had when she was gone / The few that left before had left me empty / But she left me with a fullness to lean on") bis hin zur verblüften Erkenntnis:

 

"I don't know where she's gone
Her wanderlust surely was strong
But love would be made much more sure
If all the ladies leaving
Left like her"

 

Am besten also gleich fast alle. Lady Love schließlich ist pure Magie, kokettiert mit der schönsten Melodie der Platte, steigert sich zu einer eindringlichen Bridge, um dann wieder zum Leitmotiv zurückzufinden. Dazu liefert Nesmith eine starke gesangliche Performance.

 

Die Musik ist generell ein wenig zu kurz gekommen bis jetzt. Der Dialog zwischen Nesmiths Gitarre und Rhodes Steel funktioniert aber auch ausnahmslos gut. Immer wieder wird Letzterer per "Go, Red!" zum schwungvollen Solo aufgefordert, was dieser jedes Mal aufs Neue dankend annimmt und auch die Refrains darf er durch seinen Harmoniegesang gelegentlich aufwerten, wie am berührenden Harmony Constant. Trotzdem haben es die späteren Nummern nach so einem glanzvollen Auftakt schwer. The Candidate mit seiner unheilvollen Atmosphäre und Nesmiths bedrohlichen, reichlich auf Bildsprache zurückgreifenden Prophezeiungen ("The patience of the people soon will end") würde einen schönen Kontrast zu den eher beschwingten anderen Tracks der LP liefern, wirkt mittendrin aber zu isoliert, um nachhaltig zu bewegen. Daneben gibt es mit Keep On den obligatorischen Lass-dich-nicht-unterkriegen-Nesmith-Tune, der seit seiner Monkees-Zeit immer wieder Wege findet, auf Vinyl gepresst zu werden, um uns vor der inneren Dunkelheit und allen anderen schlechten Einflüssen zu bewahren, der dementsprechend aber nicht mehr allzu wirkungsvoll ausfällt.

Bleibt alles in allem dennoch ein sehr positives Fazit, das über And The Hits Just Keep On Comin' zu fällen ist. Der versprochene Hit würde zwar noch bis Ende der Dekade (Rio) auf sich warten lassen, das entwertet die positiven Facetten der LP aber keineswegs. Michael Nesmith ist lyrischer als je zuvor unterwegs und hat Melodien geschrieben, die man getrost zu seinen eindringlichsten zählen kann. Gemeinsam mit seinem wie immer famos aufspielenden Buddy O.J. Rhodes schüttelt er auf dem insgesamt sechsten Album unter seinem Namen schlicht und einfach zehn seiner feinsten Stücke aus dem Ärmel. Die Abwechslung bleibt trotz einem düsteren Ausflug zwar irgendwo auf halber Strecke, doch fließen die einzelnen Nummern so nahtlos und gediegen ineinander, dass das zu keiner Sekunde zum Problem wird. In der ersten Hälfte der 70er konnte man dem Ex-Monkee ohnehin nur ganz schwer das Wasser reichen, was sowohl Qualität als auch Quantität, sprich quantitative Qualität anbelangt. Und fulminante Abschiede hat der US-Amerikaner bekanntlich auch drauf:

 

"I said I roll with the flow

Wherever it goes and it's rolling out of here"