Michael Jackson - Thriller

 

Thriller

 

Michael Jackson

Veröffentlichungsdatum: 30.11.1982

 

Rating: 8.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 18.06.2019


Eine Hitflut mit genialer Stimme und makelloser Produktion als Schlüssel zur Königskrone.

 

Unter den vielen Mysterien des Lebens zählt jenes, wie es sich denn anfühlt, zig Millionen auf der Bank liegen zu haben, definitiv zu denen, die sich mit hoher Sicherheit für keinen von uns auflösen werden. Womöglich ist es ja eine Fehlannahme, dass das so komplett anders wäre als des handelsüblichen Arbeitnehmers, der Monat für Monat aufs Gehalt warten muss. Andererseits liegt es nahe, dass die komplette Absenz jeglicher Geldsorgen Kapazitäten für andere Dinge abseits des Broterwerbs frei gibt. Natürlich fehlt dieser Idee der nicht relevante Zusatz, dass man meistens erst einmal ziemlich viel leisten und opfern muss, um irgendwann die Millionen und Milliarden zählen zu können, außer man erbt sie vom Vater und kann Hotels nach sich benennen. Michael Jackson gehört einmal sicher zu denen, die unfreiwillig sehr viel aufgegeben haben, um irgendwann im Reichtum jeder vorstellbaren Art zu schwimmen, nur um ihn in diversen Rechtsstreits und Extravaganzen zu verprassen. Eigentlich ist dafür in seinem Fall die ganze Kindheit draufgegangen, was wiederum das entgleiste Dasein späterer Jahre erklären könnte. Anfang der 80er war davon keine Rede, immerhin stand der Griff nach der Krone noch aus. "Thriller" machte ihn möglich, Hits am Fließband sei Dank.

 

Denn die tatsächlich schon sechste Solo-LP Jacksons, die zweite seit seiner künstlerischen Neuerfindung, ist in Wahrheit eine Art Singles-Compilation. Sieben der neun Tracks wurden separat veröffentlicht, alle davon fanden ihren Weg in die Top 10 der US Charts, immerhin sechs holten Platin zumindest in einfacher Ausführung. Diese Songs waren allein schon auf der Ebene so erfolgreich, dass es den Status als bestverkauftes Album gar nicht mehr bräuchte, um "Thriller" zu einer Legende im CD-Format zu machen. Beides zusammen ist im Pop-Business unschlagbar, weswegen man Jackson kurzerhand einfach zum King gekrönt hat, um zumindest ein wenig zu verdeutlichen, wie weit er eigentlich vor allen anderen war. Zumindest kommerziell ist das verbrieft und eindeutig, auf künstlerischer Ebene lässt sich dagegen zumindest zeitweise darüber streiten, selbst in diesem Fall, den man über jeden Verdacht erhaben vermuten würde. Jacksons "Glück" ist, dass einige der Singles so gut sind, dass man dem Rest alles verzeihen würde. Vor allem, wo doch der Rest nicht gerade wahnsinnig viel Platz einnimmt.

 

Billie Jean, Beat It, Thriller, Wanna Be Startin' Something, das ist eine Aneinanderreihung von Klassikern, gegen die kaum ein Kraut gewachsen ist. Ultimativ sind alle vier über die meisten Zweifel erhaben. Der düster brodelnde Proto-Dance-Rock von Beat It thront mit seinem genialen Riff, Eddie Van Halens perfekt eingepasstem Solo und natürlich Jacksons überwältigender Feuertaufe auf stimmlich aggressiven, auf Nachfolger "Bad" zur Genüge zelebrierten Terrain über allem. Natürlich zusammen mit Billie Jean, dessen Bassline wenig beeindruckt, vergleicht man sie mit Get On The Floor vom Vorgänger, der Rest der Musikwelt wirkt allerdings schnell blass, stellt man ihn dem unheilvoll pulsierenden Bass gegenüber, der Jacksons eindrucksvolle, von Paranoia und Beklemmung geprägten Show unterlegt. Weder der Titeltrack noch Wanna Be Startin' Something können da wirklich mit, was sicherlich auch in der Länge beider Songs begründet liegt. Typisch für die 80er, wollen beide nicht zum Ende kommen, versuchen einem sechs Minuten lang zu imponieren. Es gelingt beiden, wenn auch kaum so durchdringend, wie es möglich wäre. Wobei das bei Thriller tatsächlich auf eine Art gemeint ist, die die meisten wohl überraschen wird. Denn der Song mündet in einem eineinhalbminütigen Monolog von Vincent Price, dessen raue, tiefe Stimme den Horror-Funk des Songs, die Orgel-Keys und gespenstischen Synths perfekt ausnutzt, um ein wunderbar theatralisches Finale abzuliefern, während man davor schon fast Gefahr läuft, vom monotonen Sound und Jacksons Exzentrik genug zu haben.

Natürlich kommt es nicht soweit, auch wenn hier erste Anzeichen dafür zu hören sind, dass die Stimmakrobatik, seine schrillen Hee Hees und all die anderen charakteristischen Sounds aus seinem gesanglichen Repertoire irgendwann zu viel sein könnten. Trotzdem gibt es nur einen Up-Beat-Song, der sich den Klassikerstatus nicht verdienen würde und das ist P.Y.T. (Pretty Young Thing), das aber noch immer geschmeidiger, wenn auch überbordernd glitzernder Disco-Funk ist.

 

Will man nach Schwächen suchen, dann kann man sie finden, allerdings weitaus eher auf der Seite der Balladen und gefühlsbetonten Minuten. Das überrascht wahrscheinlich weniger, selten einmal hat Jacksons Extraklasse auch seine ruhigen Momente ähnlich geprägt wie die musikalisch, atmosphärisch und in puncto Showfaktor außergewöhnlichen Ohrwürmer, die er noch auf jedem Album zu bieten hatte. Hier bleibt es Human Nature vorbehalten, einem mit geschmeidiger Gitarrenarbeit und einer herausragenden Gesangsleistung die Vorzüge des souligen MJ zu zeigen. Selbst in dieser überzeugenden Form gewinnt man dem schmalzigen Sound und der fast weinerlichen Zerbrechlichkeit in seiner Stimme allerdings irgendwann wenig ab, weswegen die vier Minuten Laufzeit eigentlich schon zu viel sind, umso mehr mit der unnötig präsenten Produktionsarbeit, die sich durch Stimmeffekte und Synths einmischt. Das ist allerdings noch immer um ein Vielfaches dessen, was zum Beispiel das finale The Lady In My Life kann. Das ist nämlich ein langweiliger Brocken Soul, der auf dieser LP eigentlich überhaupt keinen Platz hat und dermaßen nach 80er-Kitsch klingt, dass es fast beginnt weh zu tun. Abgeschwächt wird dieser Effekt dadurch, dass schon davor The Girl Is Mine und also ein ungebetenes Duett zwischen Jackson und Paul McCartney ertönt. Streichelweicher Soft Rock ist das, latent unemotional dank der sterilen Produktion und lethargischen Instrumentierung, damit perfekt geeignet für jedes Pensionistenradio, aber weniger als Leadsingle (!) für diese LP. Vielleicht hat ihn Jacko auch deswegen nicht ein einziges Mal live performt.

 

Das sind zwei Schwachstellen auf einem Album, das ansonsten musikalisch gereift und nahezu fehlerfrei wirkt, atmosphärisch meist vollends überzeugt und Michael Jackson auf einem kreativen Zenit präsentiert. Hier ist der US-Amerikaner so sehr King of Pop wie sonst nie, zumindest was die souveräne Kombination aus ideenreichem Songwriting, theatralischer Präsentation und präziser klanglicher Ausformung anbelangt. "Thriller" schlägt nicht über die Stränge, wirkt aber gleichzeitig in keiner Phase, sieht man von den erwähnten Ausfällen ab, zurückhaltend oder wie ein Kompromiss. Das Auftreten sollte in den nächsten Jahren immer großspuriger, showlastiger und in kitschiger Form majestätischer werden, auf künstlerischer Ebene ist aber das hier königlich. Interessanterweise kommt es damit trotzdem nicht an "Off The Wall" vorbei, was daran liegen könnte, dass die dort aus allem triefende jugendliche Frische und Agilität hier ein bisschen der Professionalität und Dramatik, im gleichen Atemzug allerdings auch einer höheren Hitdichte gewichen ist. In Anbetracht dessen, dass beides großartig klingt, bleibt es jedem selbst überlassen, da einen Sieger zu küren.