Michael Jackson - Invincible

 

Invincible

 

Michael Jackson

Veröffentlichungsdatum: 30.10.2001

 

Rating: 5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 09.06.2018


Einzementierte Unsicherheit, überbordender Perfektionismus und notdürftig verdeckte Wunden.

 

Ich erspare mir und allen anderen die Redundanz, die in eine mögliche Zusammenfassung der Karriere des King of Pop offensichtlich wäre. Es ist alles gesagt und geschrieben, wenn auch nicht von mir. Und natürlich ist das letzte zu seinen Lebzeiten veröffentlichte Studioalbum das Produkt seiner ganzen Karriere, wirklich relevant sind aber für die passende Einordnung ohnehin nur die paar Jahre vor Erscheinen. In denen war MJ eigentlich nur mehr sehr bedingt Musiker. Das aufgeblähte Monumentalwerk "HIStory" könnte einen zwar anderes glauben lassen, aber ohne nachgezählt zu haben, wage ich kein Urteil darüber, ob er Mitte und Ende der 90er wirklich öfter wegen künstlerischer Leistungen oder wegen rechtlicher Streitereien und Missbrauchsanschuldigungen in den Medien war. Irgendwann in der Zeit ist auf alle Fälle aus DEM Popstar des Jahrhunderts ein ausgebleichter, von Schönheits-OPs entstellter Creep geworden, auf dessen Neverland Ranch niemand mehr außer Paparazzi wollte und der wegen seines Kampfes gegen mediale Windmühlen dem kreativen Fokus beraubt war. Geld war allerdings noch genug da, um etwas wie "Invincible" zu kreieren und wenn daran etwas schade ist, dann das weite Auseinanderklaffen vom Bemühen des King of Pop und der Qualität des Ergebnisses.

 

Dass Jackson sehr viel daran gelegen sein dürfte, aus seiner zehnten Studio-LP eine besondere zu machen, wird wahrscheinlich schon ausreichend dadurch belegt, dass die vier Jahre andauernden Arbeiten daran angeblich an die 30 Millionen Dollar gekostet haben. Jetzt schießt Geld keine Tore und schreibt auch keine Songs, allerdings wurden immerhin über 50 Songs aufgenommen, diverse Studios angemietet und genug Produzenten für eine ganze Karriere engagiert. Dass davon nur mehr relativ wenig auf dem Album zu hören ist, liegt wiederum an einer Mischung aus Innovationsgeist und latenter Unsicherheit, die Jackson befallen haben sollen. "Invincible" sollte seinem Stil einen neuen Sound geben, sollte edgier und angriffiger klingen, gleichzeitig gefühlvoller denn je und den Trends der Zeit entsprechen oder ihnen gar drei Schritte voraus sein. Wer sich jetzt an frühere Alben erinnert fühlt, hat nicht Unrecht, weil auch "Bad" und "Dangerous" so ziemlich all das sein sollten und auf ihre Art auch zumindest phasenweise waren.

 

Mit der aufgeblasenen Playlist dieses Albums wird er dem früheren Erfolg aber nur sehr bedingt gerecht. Versuche, sich mit Rodney "Darkchild" Jenkins up to date zu bringen und mit Teddy Riley gleichzeitig dem New Jack Swing ein Comeback zu gewähren, sind an und für sich nicht schlecht. Doch die Vitalität in den Songs fehlt zu oft. Man könnte auch sagen, es mangelt an Finesse. Nur wäre das aufgrund der Hintergrundgeschichte falsch. Die Tracks sind vom ersten Ton an dermaßen präzise ausgeformt, dass man kaum an der harten Arbeit daran und dem Können der Beteiligten zweifelt. Und die LP überzeugt auch, sofern sich Jackson darauf besinnt, seine Stärken in puncto Rhythmusgefühl, stimmlichem Seiltanz zwischen Bravado und verführerischer Melodik und der spielerischen Genrefusion auszuspielen. All das findet man in den ersten Tracks, weswegen man dem Keyboard-Loop von Unbreakable oder den sterilen Elektronik-Sounds im Titelsong in schwachen Momenten schnell verfällt. Während MJs Stimme da dünner denn je wirkt und nur bedingt ihre Anziehungskraft aufbaut, fügt sie sich immerhin perfekt in das synthetisch-futuristische Soundgemisch ein und harmoniert überraschend gut mit den (wiederverwerteten) Rap-Beiträgen von Notorious B.I.G. und Fats. Worauf man wartet, ist der Killer-Refrains, der einen im Stile von Billie Jean oder auch nur Jam umhaut. Selbst die hittauglichsten Songs, darunter Leadsingle You Rock My World, fließen ein bisschen zu sehr dahin oder finden sich in einer klanglichen Endlosschleife wieder, ohne den nötigen Punch für einen überzeugenden Ausbruch daraus zu finden. Der smoothe R&B der Single überzeugt trotzdem und zieht einen auch mit der Hook im Refrain auf seine Seite.

 

Den Klassiker mit Langzeitwirkung vermisst man trotzdem, was einerseits Kritik auf hohem Niveau ist, andererseits von einem wie Jackson beinahe erwartet werden muss. "Invincible" kennt starke Minuten, darunter auch den harten, abgehackten New Jack Swing von 2000 Watts oder die x-te, vom Rock geprägte Abrechnung mit den Medien in Privacy, aber dank der unnahbaren Aura der Songs und dem gleichermaßen überladenen wie ereignisarmen Sound fehlt der große Wurf. Am nächsten kommt einem solchen noch Whatever Happens, das sich auch als eine der erfolgreichsten Genrewanderungen der LP erweist. Mit Santana im Schlepptau gelingt eine luftige, trotz mäßig nötiger Streicher harmonische Vermählung von Latin und R&B, deren Prunkstücke - Santanas Gitarrenspiel und Jacksons samtweicher Gesang - perfekt zusammenpassen.

Auch anderen stärkeren Performances wie dem finalen Threatened ist genau diese Harmonie weniger gegeben. Überzeugend ist da schon viel eher das auf den ersten Moment schwer zu durchschauende Gewirr aus klanglichen Produktionsspielereien. Die sorgen für ein unterkühltes Ganzes, für einen latent aggressiven Unterton, der sich auch textlich widerspiegelt. Das hat viel für sich, weil sich eine starke Kombination aus rhythmisch bzw. melodisch überzeugendem Songwriting und den alles andere als flüssigen Sounds ergibt. Der große Wurf ist das trotzdem nicht.

 

Bis dahin ist das aber komplett egal, mit diesen Zutaten wäre immer noch eine grundsolide LP möglich. Dass Jackson allerdings das Album auf 77 Minuten ausdehnt und die vielen freien Räume zwischen den lohnenden Tracks mit einer süßlichen, komplett statischen Ballade nach der anderen anfüllt, ist ein Sabotageakt gegen sich selbst. Michael Jackson hat in solchen Fällen eine verführerisch samtige Stimme, kann spielerisch zwischen den Tonhöhen springen. Aber er hat allzu selten Balladen geschrieben, deren Inhalt irgendeine atmosphärische oder emotionale Kraft entfaltet hätte. Absolut nichts spricht gegen eine Neuauflage von Man In The Mirror oder Who Is It, verdammt viel allerdings gegen die leblosen und melodramatischen Minuten von You Are In My Life oder das charakterarme Break Of Dawn, das auch jeder x-beliebigen Boy Band auskommen hätte können. "Invincible" hat verdammt viele, aber eigentlich keine wirklich gute Ballade zu bieten. Je langsamer, je ruhiger, desto lähmender wirkt das Album. Eine Ausnahme bildet in dieser Hinsicht nur Speechless, dessen puristische Aufmachung in Verbindung mit Jacksons Gesangsperformance im Guten an She's Out Of My Life erinnert, auch wenn man die einsetzende Mehrstimmigkeit nur sehr ungern mitnimmt. Den Rest plagen größere Sorgen, wirkungslose Ausflüge in Richtung Gospel und wenig schmeichelhafte Erinnerungen an die Hochphase der Backstreet Boys prägen viele der ruhigen Songs. 

 

Das sind nicht die Zutaten, aus denen eine popmusikalische Großtat gemacht ist. Folgerichtig ist "Invincible" keine solche, sondern eine langatmige Zurschaustellung musikalischer Qualitäten und gleichzeitiger stilistischer Irrungen. Inwiefern diese irgendwie symptomatisch für den King of Pop anno 2001 waren, sei dahingestellt. Sie sind auf alle Fälle da und nicht unbedingt dazu geeignet, dem künstlerischen Monument, für das der Name Michael Jackson steht, etwas Nennenswertes hinzuzufügen. Was wiederum nicht bedeuten soll, dass die LP frei von guter Musik ist. Zwar sind die dominierenden Kooperationen mit Darkchild und dem wiedererweckten Terry Riley nicht nur zum Besten, insbesondere was die ruhigeren Töne anbelangt. Von Genialität ist dagegen selten etwas zu spüren, wobei selbst dann noch offensichtlich wird, welche Fähigkeiten in Jackson und den anderen Beteiligten stecken, wann immer man die richtige Mischung aus angriffiger, exzentrischer Produktion und melodieseligem Songwriting findet. Zu selten auf einer zu langen LP, das Ergebnis ist trotzdem alles andere als ein kompletter Reinfall.