Metallica - Ride The Lightning

 

Ride The Lightning

 

Metallica

Veröffentlichungsdatum: 27.07.1984

 

Rating: 10 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 30.12.2016


Nach der Lehrzeit kommt das Meisterstück und damit perfekter Metal ohne Ablaufdatum.

 

Der Begriff Thrash Metal ist bei genauerer Betrachtung vielleicht doch eine etwas unglückliche Genrebezeichnung. Zuallererst wegen der nicht zu übersehenden sprachlichen Nähe zum Trash und letztlich sollten es nicht einmal die härtesten Genossen so weit kommen lassen, dass ihre Brachialerzeugnisse mit Müll verwechselt werden. Da wäre aber auch noch die echte Begriffsbedeutung und die sagt uns klar und deutlich, dass da first and foremost auf Instrumente eingedroschen wird, seien die Leidtragenden nun Saiten, Sticks oder Trommelfelle. Doch das Dreschen widerspricht fast unweigerlich jeglicher Virtuosität und so wunderbar schwergewichtiges Instrumentenschinden geeignet ist, um Nachbarn zum Ausziehen zu bewegen, es hat einen leicht faden Beigeschmack. Den hatten Metallica 1983 bei ihrem Debüt vielleicht auch ein klein wenig, damals dem Genrenamen noch unvorteilhaft nahe. Doch nur 365 Tage haben gereicht, um jegliche Schwäche auszumerzen.

 

Deren gab es genug und doch war "Kill 'Em All" ein großartiges Debüt, unbändiger Energie und überschwappendem Enthusiasmus sei Dank. "Ride The Lightning" kennt von letzterem weniger, stattdessen haben die unheilschwangeren Fantasien und Beobachtungen der Band schärfere Konturen bekommen, die Texte folgerichtig an emotionaler Kraft zugelegt. Mit diesem Upgrade Hand in Hand gehen zudem die dramatischen Verbesserungen im Songwriting-Sektor. Cliff Burton sei Dank, wurde aus dem geradlinigen Geschrammel - quasi Marke endlose Autobahn - des Erstlings ein musikalischer Achtender mit perfekt gesetzten Tempo- und Stilbrüchen, kleinen, aber feinen Genrerevolutionen und dem idealen Gespür für die ausgewogene Kombination virtuoser Instrumentalkunst und dem Fokus auf atmosphärische Kraft. Genau deswegen muss auch Fight Fire With Fire mit unerwartetem akustischem Intro und der verrohten Version himmlischer Klänge loslegen. Ein Hauch von klassischer Eleganz liegt in der Luft. Für etwa eine halbe Minute, danach beginnt das schnellste Riffgewirr, das einem die Band je präsentieren sollte, aber das kann ja auch schön sein. Vor allem, wenn im Hyperspeed trotzdem noch eine gelungene simple Abhandlung über die "Auge um Auge"-Philosophie mancher Militärs gelingt und die Riffs trotz ihrer Geschwindigkeit vorher nicht für möglich gehaltene Finessen verbergen. Zusammen mit dem mittlerweile des Rhythmus mächtigen Lars Ulrich gelingt es Hetfield, Hammett und Burton, eine brutale Kanonade zu zünden, die ihre notwendigen Sollbruchstellen mit solch einer spielerischen Flüssigkeit einbaut, dass es kaum besser möglich scheint.

 

Was jetzt noch fehlt, ist die emotionale Epik, die einem der Opener nicht bescheren kann. Wobei da ganz schnell der Titeltrack aushilft, dessen schleppend-abgehacktes Drum/Gitarren-Doppel gleich den Weg freimacht für die Hinrichtung eines Unschuldigen und damit eine vergleichsweise behäbige Gangart, die einem aber zweierlei deutlich macht: Einerseits James Hetfields neu entdecktes Melodiegefühl auf stimmlicher Ebene, noch immer spartanisch und eindringlich unverfeinert, dafür aber mit der notwendigen Akzentuierung, um dem Gefühl von Wut, Verzweiflung und letztlich Resignation Ausdruck zu verleihen. Und dann wäre da noch Flemming Rasmussen, der Produzent und Mann im Hintergrund, hauptverantwortlich dafür, dass auch Ride The Lightning mit seinen Gitarrenstakkatos und dem markant schrillen Riff, der regelmäßig die Szenerie zerreißt, nicht nach dem lauten Allerlei klingt, das das Debüt dargestellt hat.

Überraschenderweise sollten trotz oder vielleicht auch wegen gerade dieser Veränderungen die Asse doch wieder eher die geradlinigen Minuten sein. Der Titeltrack hier, Creeping Death, das Gardemaß für alle Thrash-Songs, dort. Letztlich die einzige offizielle Single der LP, sollte gerade diese zum legendären Moment werden, den die Mischung aus episch-harten Riffs und der brutalen Zeilen über die zehn Plagen des Alten Ägypten der Perfektion nahe bringt. Zumindest spricht wenig gegen "Die by my hand / I creep across the land / Killing first born man", wenn einem die Riffs als perfekte Symbiose aus rau-abweisendem Hardcore-Punk und der majestätischen Größe des 70er-Heavy-Metal erscheinen.

 

Seine besten Momente erreicht das Album allerdings dann weniger dort, wo gemischt wird, sondern noch eher in den puristischen Regionen. Trapped Under Ice ist trotz zertrümmender Härte mehr Punk als Metal, gast in einer unausweichlichen Manier an, dass man die Existenz eines Rückspiegels noch nicht einmal erahnen könnte. Alles an dem Song scheint dazu ermächtigt, einem ewig im Ohr zu bleiben und dabei gleichzeitig die drückend-depressive Natur der LP zu unterstreichen. Dramatisches Bellen von Hetfield schreit die hilflose Regungslosigkeit im "cryonic state" heraus und erhebt die galoppierenden, unermüdlichen Riffs bis zur Unverbesserlichkeit und noch viel weiter. Vielleicht wäre "Ride The Lightning" kein Klassiker, würde nicht die andere dargebotene Seite zumindest die gleiche hohe Qualität bereithalten. Fade To Black darf als erste Ballade der Band bezeichnet werden und fristet somit ein bisschen ein Außenseiterdasein auf der ansonsten mit Härte nicht geizenden Platte. Doch die sphärischen Blues-Akkorde, kombiniert mit akustischen Zupfern geben gleich zu Beginn einen Vorgeschmack auf die dramaturgische Tiefe, die "Master Of Puppets" wenig später erreichen sollte. Gleichzeitig lässt aber der unsaubere Versuch Hetfields, seiner Stimme melodische Eigenschaften zu verleihen, die Zeilen ungleich ehrlicher und tiefgreifender erscheinen, als es der Band sonst zumeist gelungen ist. Brüchig, dünn und ausgezehrt klingt das dann, wenn in den ruhigen, von Riffwänden verschonten Strophen die folgenden Worte auf einen zukommen:

 

"I have lost the will to live
Simply nothing more to give
There is nothing more for me
Need the end to set me free"

 

Damals konnte das noch keiner so genau wissen, aber mit diesen sechs Minuten - episch geformt, virtuos und gleichzeitig emotional aufgeladen eingespielt, mit schwergewichtigem Riffspektakel zum Finale gesegnet - sollte ein auf alle Zeit gültiger Höhepunkt im Schaffen der US-Amerikaner entstehen.

 

Jetzt ist es innerhalb dieser beeindruckenden, leicht sprachlos machenden musikalischen Wand, die bei all ihren Ecken und Kanten keine großen Schwachstellen offenbart, schwer die jeweiligen Anteile am Erfolg zuzuteilen. Ohne Burtons klassische Ausbildung und sein Wissen um elaborierte Melodien und Rhythmen wäre der große Sprung nach vorne nicht möglich gewesen, ohne Hetfields leidenschaftlichen Auftritt am Mikro wäre atmosphärisch nur die Hälfte übrig geblieben, ohne Hammetts geniale Soli könnten ganze Songs in sich zusammenbrechen und hätte Ulrich nicht plötzlich gelernt, wie er seine Sticks etwas ansprechender und vielfältiger verwenden kann, die Komplexität der Kompositionen wäre nie möglich gewesen.

So haben eben alle ihren Anteil. An der unvergleichlichen Qualität vieler Songs auf dem Zweitwerk der Band, aber genauso am schwächsten 80er-Song, den Metallica fabriziert haben. Der heißt Escape und klingt mit seinen zwar ordentlich zusammengestellten, aber brustschwachen Riffs so, als wäre man auf halbem Wege in Richtung hohlem Stadion- und Glam-Metal unterwegs gewesen. Ein kleiner Ausrutscher, aber ein bemerkenswert irrelevanter im Angesicht der gebündelten Stärke des übrigen Materials inklusive des obligatorischen länglichen Instrumentals, diesmal mit The Call Of Ktulu immerhin das beste, das das Quartett je hinbekommen hat.

 

Es wäre nun schwer, irgendwo Argumente dafür zu finden, dass "Ride The Lightning" nicht ebenso der beste Longplayer der Metal-Legenden ist. In der Riege der vier Alben, die Metallica bis Anbruch der 90er veröffentlicht haben, wirkt keines so komplett, so ausgewogen, so umfassend genial wie dieses. Mühelos wird die Brücke geschlagen zwischen dem an der Monotonie anstreifenden Dampfwalzen-Geschrammel des Erstlings und der später mitunter ungut ausartenden Epik. Weniger mühelos, dafür umso reichhaltiger und zumindest ebenso wichtig, erreicht man eine emotionale Tiefe, wie man sie später nur mehr vereinzelt entstehen lassen konnte. Und so ist alles beisammen, was man auf einem Tonträger überhaupt brauchen und wollen kann. Außer man will liebliche Gesänge, an den Kitsch angrenzende Romantik und filigrane Zupfer. "Ride The Lightning" könnte dabei helfen, sich solche Vorlieben sehr schnell gewinnbringend abzugewöhnen.