Megadeth - Peace Sells... But Who's Buying?

 

Peace Sells... But Who's Buying?

 

Megadeth

Veröffentlichungsdatum: 19.09.1986

 

Rating: 8.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 10.04.2021


Kompromisslos brachiale Präzision zwischen bitteren Realitäten, Blutdurst und provokantem Humor.

 

Was für ein großartiges Jahr das damals war. Ja, OK, am 28. Jänner explodiert das Space Shuttle "Challenger", am 26. April kommt es in Tschernobyl zu einem kleinen nuklearen Missgeschick, am 08. Juni wählt Österreich Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten und am 03. November explodiert die Iran-Contra-Affäre. Aber es war DAS Jahr des Thrash Metal schlechthin. Das muss doch wohl etwas mehr Gewicht haben, oder? Eben.

Damals, als das Genre zwar schon seinen Namen bekommen hatte, aber noch nicht wirklich mehr als ein obskures Untergrundphänomen war, brauchte es noch Überzeugunsarbeit, um der Welt zu zeigen, dass da einige Könner am Werk waren und man es mit mehr als nur Lärm zu tun hatte. Deswegen veröffentlichten Metallica das umjubelte "Master Of Puppets", Slayer das umjubelte "Reign In Blood" und, schön dazwischen platziert, Megadeth das umjubelte "Peace Sells... But Who's Buying?", das die Band endgültig in eine Position brachte, um irgendwann einmal Teil der "Big Four" des Genres zu werden. Mit ein bisschen Airplay auf MTV, als dort tatsächlich noch Musik gespielt wurde, ein bisschen weniger Airplay nach der vorprogrammierten Kontroverse, ein bisschen Ehrerbietung durch Genreliebhaber, prinzipiell aber mit ein bisschen viel verdammt starker Musik.

 

Dem Genrecredo entsprechend gerät diese ziemlich kompromisslos und durchdringend, verlässt sich zwar mitnichten auf ein ewig gleich dahingaloppierendes Geschrammel, aber doch auf unablässige Riffwände und hämmernde Drums. Daran ist soweit nichts auszusetzen, auch und nicht zuletzt wegen einer gegenüber dem im Jahr davor in die Welt entlassenen Debüt doch spürbar verbesserten Produktion, die sowohl zu einer präziseren Ausbalancierung der Instrumente als auch zu einer besser verdaulichen Performance von Dave Mustaine am Mikro führt. Der sollte zwar Zeit seines Lebens selbst innerhalb des Thrash, der seine Anziehungskraft nicht unbedingt aus der gesanglichen Finesse seiner Proponenten bezieht, keine stimmliche Ausnahmeerscheinung im positiven Sinne sein, ist mit seinem Gebell und seinen in klassischer Metal-Manier hier und da schrill hymnisch ausscherendem Gekreische aber eine markante Bereicherung. Der Fokus liegt dennoch auf einer klanglichen Kanonade, derer auszuweichen eigentlich vom ersten Moment an sinnlos ist. Wake Up Dead ist mit galoppierendem Bass und wuchtig knallenden Drums umgehend in medias res, verfolgt danach eine Politik der präzisen Dröhnung, des nur selten von Gesangspassagen unterbrochenen, frenetischen Gitarrengewitters. In Ermangelung wirklicher stilistischer Varianten besinnen sich Mustaine und die Seinen eher darauf, ihrer unablässigen Kraftprobe durch Rhythmuswechsel, abgehackte und doch stimmige Sprünge von brachialen High-Speed-Riffstakkatos zu nicht minder schnellen Präzisionsgriffen und wuchtigen Stampferpassagen abzuwechseln. Das Ergebnis hinterlässt Spuren, dient auf jeden Fall als eine lautstarke Visitenkarte.

 

Dennoch hinterfragt man hier noch ein bisschen den Sinn des Ganzen, kommt doch der Track nicht über eine etwas banale, wortkarge Beleuchtung des untreuen, versoffenen Freundes hinaus und bietet dementsprechend die in ihrer Präzision imposanten Gitarrenexzesse eher zum Selbstzweck als zu irgendetwas anderem. Deswegen ist es gut, dass die Band oder eher deren Songwriter Mustaine an anderer Stelle etwas gewichtigere Themen aufgreifen. Sonst wäre es wohl nie zu einem der größten, wenn nicht dem herausragendsten Song der Bandgeschichte, dem unwiderstehlichen Peace Sells gekommen. Dessen hingerotzt anklagende Abrechnung mit dem amerikanischen und globalen Status Quo, ausgerechnet im  von der UNO dazu erkorenen Internationalen Jahr des Friedens veröffentlicht, ist ein großer Wurf in jeder Hinsicht. Textlich wenig subtil, aber in seiner Direktheit voll im Einklang mit der Musik, ist es von epochalen Bassline im Intro weg eine ideale Mixtur aus brachialer Härte und Eingängigkeit, wie sie im Genre selten zu erleben war. Trotz wenig strahlendem Klang ist es eigentlich eine sich einbrennende Hymne, wie sie Jahre später das vergleichsweise geschliffene Sympathy For Destruction genauso sein sollte. Dafür sorgt die schwergewichtig-monoton dahinrollende erste Hälfte des Songs genauso wie das nach dem gewohnt ausgedehnten Solo einsetzende, kraftvolle High-Speed-Geschrammel, in dessen Mitte sich die ultimative Frage als unentwegtes, von der ganzen Band intoniertes Mantra ins Gedächtnis gräbt: "Peace sells, but who's buying?"

 

Diese Ausnahmeerscheinung eines Metalsongs wird hier nicht wiederholt. Nicht einmal annähernd, um genau zu sein. Stattdessen ist die LP abseits ihres zur Single erkorenen Prunkstücks eine Zurschaustellung unablässiger, deutlich spürbarer Stärke, die sich aber nie ganz zum großen Wurf aufschwingen kann. Am nähesten kommt einem solchen das nach dem hymnischen Intro kompromisslos die Wände einreißende Devil's Island, das einem die hoffnungslose Welt des Inselgefängnisses und der dortigen Hinrichtung näherbringt, das mit durchdringenden Power Chords seine volle Wirkung entfaltet, während Chris Poland einmal mehr eine seine heißgeliebten Solopassagen zelebriert. Ob deren wiederholte Präsenz in all diesen Songs wirklich zu deren Vorteil ist, könnte man irgendwann trotz aller spielerischen Qualität, die darin zu hören ist, ein bisschen infrage stellen. Wie so oft, sind derartige Ausschweifungen ein zweischneidiges Schwert, die wie in Bad Omen zum glänzenden, alles überstrahlenden Kern eines ansonsten banalen Songs werden können, in so etwas wie Devil's Island dagegen die atmosphärische Dichte des Songs wohl doch etwas beeinträchtigen.

So oder so gibt es an dem, was Mustaine genauso wie sein Gitarrenkompagnon Poland, Bassist David Ellefson oder Drummer Gar Samuelson aufführen, wenig bis nichts auszusetzen. Die Qualität aller Darbietungen ist durchwegs spürbar, am ehesten wohl in Good Mourning / Black Friday, das mit einem stimmungsvoll gezupften, in langgezogene, bluesige Riffs übergehenden Instrumental beginnt, das man nach seinem Ende beinahe vermisst. Doch der Übergang zur hymnischen Härte, gedämpft angetrieben von den Drums und von sphärischen Riffs geprägt, und Mustaines kernigem Bellen gelingt genauso wie der rasche Wechsel zum so gern zelebrierten Hochgeschwindigkeitsmetal, der sich nach dem ersten Songdrittel ausbreitet und die Exzesse des Serienmörders stimmig begleitet.

 

Von der Perfektion ist man dennoch ein gutes Stück entfernt. Überdeutlich nur im Falle des schrägen, stilistisch deplatzierten Covers von Willie Dixons I Ain't Superstitious, das als wuchtiger Blues Metal zwar nicht gerade schlampig zum Besten gegeben wird, aber unweigerlich parodistische Züge annimmt. Zwar ist dem Album ganz offensichtlich Humor nicht fern, wie man an der Aneinanderreihung aller verfügbarer satanistischer Phrasen in The Conjuring deutlich merkt, dort wird ebendas aber musikalisch im Einklang mit dem übrigen Album umgesetzt, neben dem pulsierenden Bass und wuchtigen Drums in gewohnter Manier die Gitarre in allen erdenklichen Richtungen gewinnbringend malträtiert. I Ain't Superstitious schleppt sich im Gegensatz dazu ereignislos dahin und sondert sich trotz eines kurzen Kraftakts gegen Ende markant von der aggressiven Härte der übrigen Songs ab.

 

Die sind zwar, es wurde schon erwähnt, auch nur in einem einzigen Fall so, dass man sie perfekt nennen könnte, neigen trotz Tempowechseln und beschlagenen Gitarrenhandwerks in so ziemlich jedem Solo zu einer ungesunden Uniformität. Es ist aber dann doch eine ziemlich beeindruckende Art der Einförmigkeit, die einem hier geboten wird. Megadeth ist mit ihrer zweiten LP ein klangliches und spielerisches Upgrade zu ihrem Debüt gelungen. "Peace Sells... But Who's Buying" ist ein manischer, energiegeladener, wütender, sarkastischer, exzessiver Meilenstein des harten, schnellen Metal. Eine Thrash-Sternstunde eben, wenn auch eine deutlich unvollkommene. Da klangliche Verbesserungen spürbar noch möglich sind und nach der Beendigung der gröbsten drogenbedingten Schwierigkeiten im kommenden Jahrzehnt auch folgen sollten, ist das hier dennoch nicht das Ende der Fahnenstange. Im Jahr aller Jahre ist Dave Mustaines Band aber immerhin schon verdammt nah dran.