Eminem - Encore

 

Encore

 

Eminem

Veröffentlichungsdatum: 12.11.2004

 

Rating: 5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 14.12.2013


Wenn ein Meister seines Fachs Mist baut. Ein Drama in drei Akten.

 

Okay, ich bin kein Hip-Hop-Kenner, noch nicht einmal ein ausgewiesener Marshall Mathers-Spezialist, aber man kommt ja irgendwie nicht an ihm vorbei. An ihm, dem weißen Aushängeschild im ansonsten tiefschwarzen Genre, der wie wirklich kein anderer Hip-Hop mit nicht-peinlichem Pop zu kombinieren weiß, der als meistverkaufter Künstler der 00er-Jahre gilt, der Anfang des Jahrtausends den Rappern ihren dritten Frühling beschert hat. Und, abseits von etwaiger leichter Antipathie gegenüber dem polarisierenden Provokateur, so ganz ignorieren kann man solch ein Talent einfach nicht. Völlig gleich, ob man seine "Marshall Mathers LP" als Meisterwerk betrachtet oder nicht, man muss zur Kenntnis nehmen, dass da einer sein Handwerk versteht. Nur vier Jahre später sieht die Sache ähnlich wenig beeindruckend aus, zeigt aber eine Vielzahl an Schwächen mehr auf. Kümmern wir uns also um den ersten Akt.

 

Wohl am treffendsten benannt als: Das Revival der guten alten Zeiten. Zumindest qualitativ. Denn der Beginn ist genau so, wie man ihn eben erwartet. Da wäre der Song über die verantwortungslosen, ach so bösen und was-nicht-noch-alles Eltern in Form von Evil Deeds, eine kleine lockere Kollaboration mit 50 Cent und Nate Dogg auf die gute Art und allen voran ein mächtiger Kommentar zu den Hip-Hop-Kriegen (Like Toy Soldiers) und ein nicht viel weniger gelungener Anti-Bush-Track mit Mosh. Letztere bieten Eminem in Bestform und einen weiteren Schritt in Richtung Pop-Appeal, unter anderem mit einem Sample der 80er-Ballade Toy Soldiers, aber auch dem militanten Keyboard-Sound von Mosh, dessen Revolutionsaufruf zwar mit der Zeile "Come along follow me as I lead through the darkness / As I provide just enough spark that we need to proceed" ein bisschen gar viel Narzissmus mitbekommt, daran aber sicherlich nicht scheitert.

Alles in allem ist die große Neuerung, dass dem 'Rock'-Sound von "The Eminem Show" ein Klang folgt, der von simplen, harten Beats und weit mehr Keyboard im Vordergrund dominiert wird. Schon im Opener Evil Deeds ist das ganz offensichtlich, kommt doch dieser merkwürdige Mix aus dem knüppelharten Beat und der überbordenden Elektronik von der ersten Sekunde an durch. Lediglich in Like Toy Soldiers und später noch in Mockingbird wird das Ganze einmal durch die markanten Militärdrums und dann wieder mit einem eingängigen Klavier-Loop ersetzt.

 

Aber nun zum wichtigsten, dem zweiten Akt: Pseudo-Humor vom Drogen-Junkie. Eminem hat nämlich selbst zugegeben, ein paar kleinen Pillen zu der Zeit nicht abgeneigt gewesen zu sein. Und im Mittelteil von "Encore" wird das leider allzu offensichtlich. Es ist schwer, den wirklichen Tiefpunkt hier herauszuheben, denn Songs wie Puke, Rain Man und Big Weenie kämpfen verbissen um den Titel. Ersterer ist eine der vielen Abrechnungen mit seiner Ex-Frau, dabei aber weniger schockierend als früher Kim, dafür dank des grässlichen Refrains und allen voran dem leider immer wiederkehrenden Sound vom sich übergebenden Eminem eine Zumutung und ein Beweis für den oft zu simplen Aufbau der Tracks dieser LP.

Rain Man tut sich dafür mit den wohl lächerlichsten Zeilen von ihm hervor, bietet unter anderem folgende erleuchtenden Worte: "While he reaches in another grown man's ass / Grabs on his nuts but just what if / It was never meant it was just an accident / But he tripped, fell, slipped and his penis went in / His teeny tiny little round hiney and he didn't mean it." Dazu der beinahe langweiligste Beat des Albums, ausgestochen nur von Spend Some Time, und schon stehen wir vor einer Katstrophe.

Den Vogel schießt aber Big Weenie ab, beinahe genauso fad, dazu mit einem Refrain bestehend aus "You're just jealous of me / Cause you, you just can't do what I do" um vollendet zu werden mit "Cause it's too easy to see / You're really just a big weenie, big weenie". Und das noch dazu mit der wohl nervigsten Stimme die Eminem zur Verfügung hat. Es sind wahrlich schwierige Minuten, da helfen auch die besseren Nummern, das hyperaktive My 1st Single und die MJ-Persiflage Just Lose It wenig.

 

Aber es gibt ja noch Akt drei und der heißt: Die versuchte Rettung. Sie gelingt nur teilweise. Denn neben das Glanzlicht Mockingbird und die kurzweilige D12-Nummer One Shot 2 Shot mischen sich der Langweiler Spend Some Time und die zumindest musikalisch bessere, peinliche Liebesnummer Crazy In Love, deren Sample von Crazy On You verdammt deplatziert wirkt. Spend Some Time ist trotz gebündelter Kräfte von Eminem, 50 Cent, Obie Trice und Stat Quo eine bedenklich unspektakuläre Geschichte, die weniger hergibt als alles auf der "Marshall Mathers LP" gehörte. Und Crazy In Love ist einer der Belege dafür, dass Ems Weg in Richtung Pop nicht zwingend positiv enden muss, vor allem wenn das Ganze auf lahme Witze und mäßige Rhymes hinausläuft. Dafür kommt mit Mockingbird, sozusagen die diesmal klavierdominierte Fortsetzung von Hailie's Song, eine durchaus berührende Vorstellung vom bemühten Vater, der in ihm steckt. Dazu gesellt sich One Shot 2 Shot, das atmosphärisch an Never Enough anschließt und unterhaltsam wie witzig eine schräge Schießerei 'besingt'.

 

So findet das Drama sein Ende und zwischen Komödie und Tragödie, Gut und Böse steht man nun und kann sich nicht entscheiden. Was ist stärker, ist genug da, um ihn noch einmal davonkommen zu lassen oder gibt's eine auf die Finger? Tja, die Fehler sind offensichtlich. Eminem hat durchdachte Kritik und Psycho-Tracks eingetauscht für schlechten Humor, banale Arrangements und weniger beeindruckende Rap-Performances. Vernichtend? Mitnichten, denn egal, was der Mann macht, irgendwo trifft er doch immer. Und auch diesmal finden sich unter vielen Downs auch einige unübersehbare Ups, die an seine besten Momente auf den Vorgängern heranreichen. Es ist die alte Geschichte von Jekyll und Hyde, die sich hier abgespielt hat. Ein Künstler, zwei Gesichter und: Ein gespaltenes Urteil.

 

Anspiel-Tipps:

- Like Toy Soldiers

- Mosh

- Mockingbird