Lady Gaga - Artpop

 

Artpop

 

Lady Gaga

Veröffentlichungsdatum: 06.11.2013

 

Rating: 6.5 / 10

von Mathias Haden, 02.04.2014


Der extravagante Egozentriker ist den Rivalinnen in Sachen Authentizität weiter voraus.

 

"Pop culture was in art

Now, art's in pop culture in me!"

 

... verkündet der größte Popstar der letzten Jahre auf Closer und Leadsingle Applause selbstbewusst wie eh und je, stimmt den eigenen Beifall an und lässt schließlich ein letztes Mal den Vorhang fallen. Was war geschehen?

 

Ungewöhnlich ruhig war es zuletzt geworden um die visionäre Blondine. Nach dem Riesenerfolg ihrer ersten beiden Alben und der EP The Fame Monster herrschte 2012/13 Funkstille im Gaga'schen Medienrummel. Nicht mal mit obskuren Kostümen oder kontroversen Auftritten fiel der Egozentriker auf, höchstens mit einem neuen Parfüm oder einem Intermezzo bei den Simpsons©™. Als Artpop im November schließlich veröffentlicht wurde, mutierte es, an den enormen kommerziellen Erwartungen gemessen, zu einer kapitalen Pleite. Dabei macht die Edeldame auf ihrer dritten LP einige Schritte in die richtige Richtung.

Im Prinzip kann man diese als Konzeptalbum tanzbarer Elektro-Pop-Nummern verstehen. Somit knüpft es zwar nahtlos an den sehr elektrolastigen Vorgänger an, vermeidet diesmal aber große Schnitzer. Die Zeit der großen Stadionhymnen à la Born This Way scheint überhaupt vorbei, befindet sich trotz zahlreichen Ohrwürmern kein einziger potenzieller Megahit im Angebot. Und das macht das Album auch so interessant und künstlerisch wertvoll.

 

Ehrlich wie nie inszeniert sich Kunstfigur Gaga auf den 15 Tracks immer wieder neu und schafft so eine unterhaltsame Reise durch ihre wirre Gedankenwelt. Opener Aura, der ursprünglich 'Burqua' betitelt war, bietet zahlreiche Anspielungen auf die arabische Welt und liefert mit den Zeilen "Do you wanna see the girl who lives behind the aura?" einen großartigen Einstieg. Venus ist an griechischer und römischer Mythologie zehrender Synth-Pop, überzeugt als Gagas erster selbstproduzierter Versuch mit seiner Vielschichtigkeit und 'catchy' Hook. Auf dem starken und kurzweiligen Manicure sucht die Künstlerin statt nach einer Pflege für ihre Nägel nach einer Heilung gegen Männer. Nie klang die Lady mehr nach Rock 'n' Roll als auf diesem dynamischen, waschechten Electrotrack.

Die Protagonistin tänzelt unbeschwert von ernsten Themen wie im Opener hin zu Drogen, Sex und Ängste, die der Popstar hegt, trällert mit einer beeindruckenden Souveränität und besticht durch eine Vielfältigkeit, die man von ihr schon länger erwartet hatte. So holt sie sich neben einigen neuen Produzenten auch R. Kelly für einen Track als netten R&B-Einfluss an Bord, auch der Hip-Hop/Trap-Versuch Jewels n' Drugs mit T.I., Twista & Too $hort ist nicht ganz so schlecht wie es sich anhört, ganz und gar nicht schlecht, höchstens etwas aufgesetzt klingt die minimalistische, vom Piano getragene Ballade Dope.

 

Habe ich mich bei Born This Way noch über die unguten drückenden Beats beschwert, die einem das Leben bei Tracks wie Government Hooker schwer gemacht haben, so funktionieren die hier wesentlich besser, ohne aber von ihrer Intensität eingebüßt zu haben. Ersichtlich wird das besonders, wenn im Intro von Do What U Want ein deftiger und ebenso starker Beat einsetzt und einer stimmlich nie besser geklungenen Gaga die Bühne freimacht. Gelungen auch der Auftritt von R. Kelly, der sich als motivierter Gesangspartner entpuppt. Lediglich im harten Techno von Swine wird die Elektronik zu viel, und ich meine wirklich zu viel. Der wird zwar so manchem Dubstepper vier entspannende (sofern das bei dieser 'Musikrichtung' möglich ist) Minuten bereiten, dem Otto-Normal-Popper aber sauer aufstoßen, so auch mir. Abseits davon stört die Elektroabteilung aber überraschend selten.

 

Natürlich ist wie so oft dann doch nicht alles eitel Wonne, auf die Gesamtlaufzeit erschöpft sich das Konzept dann etwas. Neben den kleinen Schwächen, die sich auch auf den besten Tracks ausmachen lassen, bietet das Album einen Durchhänger, der sich über einige aufeinanderfolgende Tracks zieht. Swine spielt den unfreiwilligen Partycrasher, und während sich auf Donatella und Fashion! (David Guetta und will.i.am als Produzenten, oh weh!) zumindest hübsche 80s-Pop-Facetten finden, macht sich Gaga als Mary Jane Holland im gleichnamigen Track auf die Reise nach Amsterdam (warum wohl? *zwinker*). Klingt schon banal, gerade als längster Track der LP wirkt der auch ziemlich unkreativ und mühsam zu schlucken. Auch der Titeltrack zuvor bleibt trotz netter Message ("Sometimes the simplest move is right / The melody that you choose / Can rescue you") farblos.

 

Schlussendlich landet man über die Ballade Dope und den diesmaligen 'E-Pop meets Classic Rock' Ableger Gypsy dann also beim Closer Applause. Ein letztes Mal zieht die Lady einen Hit aus dem Hut, verneigt sich vor dem Publikum und rundet eine unterhaltende Stunde mit einem passenden Closer gebührend ab.

 

Auch wenn die dritte LP für Gaga kommerziell zum relativen 'Artflop' wurde, liefert sie auf Albumlänge gesehen ihr konstantestes Werk ab. Die Chanteuse gibt sich sexy, lasziv, theatralisch und natürlich extravagant wie eh und je. Der Einfluss von Madonna in musikalischer Sicht, der von David Bowie in der künstlerischen Selbstinszenierung sind auf Artpop ersichtlicher denn je. Germanotta, wie sie ja bürgerlich heißt, befindet sich stimmlich und kreativ zumeist in starker Verfassung, die Produzenten tun ihr übriges. Und auch wenn die Verschmelzung von Kunst und Pop nicht wirklich gelingt, ist Gaga ihren Rivalinnen Katy Perry und Co. in Sachen Authentizität immer noch meilenweit voraus. Nicht selten musste man lesen, dass sich das Konzept 'Lady Gaga' bereits erschöpft habe, nicht aber hier, noch nicht...

 

Anspiel-Tipps:

- Venus

- Do What U Want

- Applause


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