Kingswood - Juveniles

 

Juveniles

 

Kingswood

Veröffentlichungsdatum: 13.03.2020

 

Rating: 7.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 15.03.2020


Aussie-Power im kernigen Rockformat mit so manch unerwarterer Abzweigung.

 

Zum Verwechseln ähnliche Namen hin oder her, Austria und Australia könnten ja kaum weiter voneinander entfernt sein. Zigtausende Kilometer, der Äquator, ein paar Klimazonen, ein Ozean und noch vieles mehr liegen da dazwischen. Australien hat aber generell eine globale Sonderstellung, so maritim abgeschottet von allem anderen und daher eine Versammlung unverwechselbarer Eigenheiten. Alleine die Tierwelt dort ist so einzigartig, dass man fast nichts davon im Rest der Welt finden kann, wenn es nicht gewaltsam dorthin verfrachtet wurde. Was schade ist, denn neben verdammt tödlichen Giftschlangen, Giftspinnen und Giftskorpionen gibt es dort auch Koalas, Wombats oder Kängurus. Mit der dortigen Musiklandschaft schaut es gar nicht so anders aus. Vieles kommt nie in unsere Breiten, selbst wenn es dort unten weite Verbreitung findet. Daran hat sich selbst in den grenzenlosen Zeiten des Internet nicht wahnsinnig viel geändert, weswegen auch der Name Kingswood westlich von Perth kaum im Bewusstsein sein dürfte. Dass das ein Fehler sein könnte, beweist einem das Quartett mit "Juveniles" ziemlich schnell.

 

Begünstigt wird das dadurch, dass die Band You Make It So Easy und damit den größten Kracher des Albums gleich an den Anfang stellt. Und da bekommt man einen umgehenden Eindruck davon, was Frontmann Fergus Linacre und die Seinen unter Rock verstehen. Etwas äußerst Starkes, das einen in Windeseile an die geradlinigen Seiten von Queens Of The Stone Age erinnert, womöglich noch ein paar Assoziationen mit den Foo Fighters hervorruft, jedenfalls aber in röhrenden Riffwänden mit reichlich Fuzz und wuchtigem Drum-Antrieb aufgeht. Und weil davor ein Gesangsgespann sitzt, das sich gekonnt zwischen geschmeidiger Tiefe und leidenschaftlicher, fast schriller Höhe austobt, ist erst einmal alles im Lot.

Die Band verbleibt auch dort, versucht weder mit dem drückenderen, beständig dahinrollenden Bittersweet oder dem eher im Indie-Rock verhafteten Ready Steady oder der hymnischen Leadsingle Say You Remember sonderlich auszuscheren. Daran ändert weder das effektvoll eingestreute Klavier noch der knackig-helle Riff von Ready Steady oder der hohe Harmoniegesang von Say You Remember etwas. Was die Australier damit lediglich beweisen, ist ihre Fähigkeit, die gefundene, überzeugende Stoßrichtung beizubehalten und dabei trotzdem genug an Varianten bereitzuhalten, dass man keine Sekunde an Langeweile denken könnte.

 

Ihre Vielseitigkeit beweist die Band aber noch auf ganz andere Art und betritt damit leider auch Terrain, das ihr weniger gut zu Gesicht steht. Das balladeske If Only driftet trotz teils starker Gitarreneinsätze in Sphären des Brit- oder Indie-Pop ab, die mit dem hellen Paargesang und der auch hier noch voluminösen Produktion nur bedingt harmonieren. Stattdessen erscheint der Song zu beladen, um sich atmosphärisch wirklich entwickeln zu können, und bleibt deswegen auf seinem sympathischen, aber wirkungsarmen Sound sitzen. Noch schlimmer trifft es Marilyn, das sehr unerwartet plötzlich die kernige Gitarre, mit sphärisch-verzerrten Riffs paart und einen Abstecher in 70er-Soul einleitet. Selbst unter Berücksichtigung bereits davor bewiesener Wandlungsfähigkeit ist das ein Schritt zu weit aus dem musikalischen Spannungsbogen des Albums heraus, der noch dazu in seiner kitschigen Machart eher unfreiwillig komische Züge annimmt. Das liegt allerdings weniger an mangelnden Fähigkeiten der versammelten Musiker, sondern lediglich daran, dass einen nichts auf diese Mischung aus übersteigert klingender Musik und platt sexueller Lyrik vorbereitet, die einen da trifft.

 

Deswegen schnell den Blick auf anderes gerichtet. Beispielsweise darauf, dass sich die Band mit Cigarettes In Bed irgendwo zwischen den Arctic Monkeys, den Killers und Two Door Cinema Club niederlässt, ohne dabei auf die nötige klangliche Härte zu vergessen. Das offenbart mehr als alles andere hier die melodischen Qualitäten der Band und insbesondere auch die von Bassist Braiden Michetti, erhält noch dazu den perfekten Platz zwischen den beiden Schwergewichtlern der LP, Snake Pit und Cross My Heart. Ersterer führt einen dabei noch einmal zurück in Richtung eines Josh Homme, wandelt die anfangs düsteren Riffs allerdings schnell in ein lockeres klangliches Feuerwerk um, ohne etwas an Wucht einzubüßen. Cross My Heart ist dagegen die gelungenste Rückbesinnung an jahrzehntealte musikalische Strömungen, findet einen starken Mix aus gediegenem Blues-Rock und sphärischer, arenabereiter Härte, kreiert damit eine gleichsam triumphale und brodelnde Atmosphäre. Die lockerste Variante des Kingswood'schen Rock bekommt man dagegen zum Schluss mit dem lockeren Young, Charming & Funny serviert. Auch das stellt einen abrupten atmosphärischen Wechsel dar, nachdem man direkt davor mit einem Umstieg auf Pop-Rock konfrontiert wird, der einen mit sowohl mit seinem hellen, britpoppigen Refrain als auch mit den kargen, Grunge-Strophen in die 90er katapultiert.

 

All das zusammen ist eine verführerisch überzeugende und souverän zum Besten gegebene Mischung an Rock. "Juveniles" bietet einem viel und das weniger in puncto Quantität als viel mehr qualitativ und im Hinblick auf den Variantenreichtum, den Kingswood trotz des trockenen, harten Rockfundaments, auf dem fast alles hier fußt, oft genug beweisen. Dass nicht jede Abzweigung unbedingt zum Erfolg führt, wundert einen dabei weniger, wobei die Band ohnehin von allzu waghalsigen musikalischen Ausritten Abstand nimmt und sich deswegen nur einmal gehörig verirrt. Abseits davon ist es eine Songsammlung, die einen an die besseren Seiten der 00er-Jahre genauso erinnern kann, wie sie einen vereinzelt in frühere Jahrzehnte zurückführt. Dass die Australier das hinbekommen, ohne dabei ein zerrissenes oder zu Stückwerk verkommendes Album zu kreieren, ist schon fast Qualitätsbeweis genug. Und wer das noch nicht gelten lässt, der wird wohl nach den ersten paar Minuten, die man hier zu hören bekommt, ausreichend überzeugt sein.