Kimbra - Vows

 

Vows

 

Kimbra

Veröffentlichungsdatum: 29.08.2011

 

Rating: 6.5 / 10

von Mathias Haden & Kristoffer Leitgeb, 02.05.2014


Somebody that you should know - die junge Neuseeländerin will sich im Musikbusiness niederlassen.

 

Ach wie schön, dass Musik so international ist! Sogar Neuseeland liefert immer wieder mal brauchbare Künstler gen Westen. Lange Zeit hörte man nicht viel von der kleinen Insel südlich von Australien, bis man in den letzten Jahren mit den talentierten Girls Kimbra, Lorde oder Ladyhawke vergleichsweise ziemlich verwöhnt wurde. Erstgenannte steht heute übrigens im Fokus. 2013, mit zarten 22 Lenzen, erhielt sie für die Kollaboration auf Gotyes großartiger Single Somebody That I Used To Know (2011) einen Grammy. Im selben Jahr wie der große Hit erschien auch ihr Debüt Vows [Kurze Randnotiz: Wir schreiben hier über den ursprünglichen Release, nicht über den internationalen Re-Release mit neuen Abmischungen und Zusatzsongs].

 

Auf diesem legt das junge Goldkehlchen mit einem Mix aus Jazz, Soul, R&B und Elektronik, immer in Verbindung mit einer wohldosierten Portion Pop, auch ambitioniert los. Als wäre sie schon ewig im Geschäft, setzt sie ihre vielfältige Stimme geschickt ein, balanciert zwischen jazziger Up-Tempo Nummer (Good Intent) und softem Indie Pop mit viel Soul (Two Way Street). Ständig schwirrt einem der Begriff 'Retro' durch den Kopf, nicht nur dank der recht gelungenen, aber etwas langatmigen Adaption von Nina Simones Plain Gold Ring. So grast sie auf den etwa fünfzig Minuten ebenso viele Jahre populärer Musikgeschichte ab und verleiht dem Gesamtwerk trotzdem eine gewisse Modernität. Die besten Momente hat das Debüt wenig überraschend, wenn Kimbras Stimme im Vordergrund steht und sich nicht hinter der beeindruckenden Produktion versteckt. Opener Settle Down punktet mit tollem Aufbau, einem langem A Cappella-Intro und großartigem Refrain, während auf Two Way Street ihr starkes Organ mit viel Elektronik eine ordentliche Symbiose bildet.

 

Weniger gut läuft es, wenn der technologische Schnickschnack die Überhand gewinnt und von der Protagonistin ablenkt. Lead-Single Cameo Lover wird zu mühsamen Electro-Pop, Wandering Limbs hat trotz starkem Beat eigentlich wenig anzubieten, mäandert als zielloses Duett über fünf Minuten vor sich hin. Überdies hat sich auch noch einiges an Füllmaterial eingeschlichen. Besonders während der zweiten Hälfte der LP geht ihr allmählich die Puste aus, beispielsweise bei Withdraw, auf dem ihre kräftige Stimme den Track nicht aus seiner Ödnis herausziehen kann. An dieser Stelle hat der Lauscher aber auch schon genug gehört, das Album mit seiner ordentlichen Länge fordert ganz schön, mit dem an sich gar nicht mal schlechten, Björk-esquem Closer The Build Up ist das Fass dann voll.

 

Auf ihrem Debütalbum verwischt die Neuseeländerin die Grenzen zwischen den verschiedenen Genres und hält es mit ihrer kraftvollen Stimme am Laufen. Nicht alles was hier glänzt, ist freilich gold. Besonders eine deutlich schwächere zweite Hälfte trübt das Gesamturteil, dafür kann man die LP dennoch problemlos am Stück hören.

Letztendlich ist Vows jedenfalls ein rhythmisches Album einer ambitionierten Künstlerin, mit dem man erfreuliche Stunden verbringen kann. Experiment gelungen, bitte mehr davon. Wenn's denn geht, gerne ein wenig konstanter!

 

M-Rating: 6.5 / 10

 


Auf dem Weg zum grandiosen Debüt doch ein paar Mal die falsche Ausfahrt genommen.

 

Ist das nicht schön? Alles friedlich, alles im Einklang. Wir sind zwar noch nicht so weit, dass wir uns die Hände reichen und im Kreis tanzend singen, aber wenigstens in puncto Kimbra sind wir uns fast bis ins kleinste Detail einig. Ambitioniert, originell und eine starke Sängerin, all das ist sie. Da hat mein werter Kollege schon alles gesagt. Deswegen lehne ich mich dann doch aus dem Fenster.

 

Denn ich sage, die Frau macht hier verdammt viel falsch. Nein, sie hat kein schlechtes Album abgeliefert. Opener Settle Down ist ein erfrischend verquerer Pop-Song, mit dynamischem Beat und einer ersten eindrucksvollen Gesangsperformance.Two Way Street ja genauso und mit dem starken Duo Good Intent und Plain Gold Ring bleibt die Jazz-Pop-Maschinerie auch mehr als ordentlich am Laufen, wirkt ein wenig wie die skurrilere Version eines James Bond-Soundtracks.

 

Obwohl das alles so fabelhaft klingt, plagen die LP auf Gesamtdauer doch mehrere Problemchen. Und die sind dann wohl doch der engagierten Neuseeländerin zuzuschreiben. Da wäre die ohnehin schon angesprochene Laufzeit, die mit über 50 Minuten gegen Ende monströs wirkt, vor allem weil wirklich nichts dafür sorgt, dass der abgehackte Elektronik-Beat von Wandering Limbs wach hält und auch das beachtlich gesungene, sonst aber bei allem Respekt langweilige Withdraw fordert ein gerüttelt Maß an Ausdauer. Dazu kommt der offensichtliche Anspruch Kimbras, ihr extravagantes und sehr 'out of the ordinary' wirkendes Naturell mit Biegen und Brechen in die Songs zu verpacken. So bekommen Tracks wie Old Flame oder das anstrengende Limbo zwar keine übermäßig anziehenden Hooks, dafür entweder ein ungutes Maß an Pathos oder aber eine LKW-Ladung an Elektronik-Spielereien, um auch ja nicht das Prädikat 'gewöhnlich' aufgedrückt zu bekommen. Überhaupt mangelt es der experimentierfreudigen Kimbra am Fokus. Denn zu oft opfert sie eingängige Melodien für spärlich instrumentierte und äußerst langsam gehaltene Balladen, die ihren stimmlichen Qualitäten die perfekte Bühne bieten, dafür aber kaum den Weg ins Gedächtnis finden.

 

Ein markanter Mangel an Tracks von der Sorte, die einen gern auch nach dem Genuss der LP noch weiter verfolgt, ist da sicher nicht zu leugnen. Und trotzdem, all das, was an Ambition, Ideenreichtum und Mut in dieses Album geflossen ist, ist nicht zu übersehen. Die damals 21-Jährige schlägt nahezu problemlos die Brücke vom Motown-Sound von Call Me zum morbid atmosphärischen Plain Gold Ring oder den mehr als ansehnlichen Soul- und Jazz-Anleihen von Good Intent, mit dem ihr wohl überhaupt die wertvollsten Minuten hier gelingen. Und zumindest hier, so wie schon zu Beginn mit Settle Down, findet man dann auch die Balance aus Pop-Appeal und originellen Ideen, die auf "Vows" selten wirklich zu finden ist.

 

Gerade deswegen tut man sich hier so schwer. Man muss diesem Debüt mit seiner schrulligen, alles, nur nicht gewöhnlichen Art ein gewisses Maß an Faszination entgegenbringen. Denn gerade für einen Erstling wird hier viel gewagt und wenig geht wirklich daneben. Dem großen Triumph steht allerdings doch ein großer Brocken im Weg. Vielleicht doch eher eine große Leere, denn es fehlt der wirkliche Hit, es fehlt der Song, der einen wirklich vereinnahmen könnte. So wird "Vows" zum abenteuerlichen Hörerlebnis mit einer Vielzahl an guten Ansätzen, aber kaum einem wirklich finalisierten. Es soll ein nächstes Mal geben, dann aber mit mehr Blick fürs Wesentliche.

 

K-Rating: 6.5 / 10

 

Anspiel-Tipps:

- Settle Down

- Two Way Street

- Good Intent