Imagine Dragons - Evolve

 

Evolve

 

Imagine Dragons

Veröffentlichungsdatum: 23.06.2017

 

Rating: 3 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 21.03.2018


Die fadeste Form, die etwas, das als Elektronik-Rock durchgehen will, annehmen kann.

 

Sich überrascht zu zeigen, dass beschissene Musik anhaltenden Erfolg genießt und über Jahre hinweg vordere Chartplätze gebucht hat, ist eine sinnlose, vor allem aber eine relativ dämliche Beschäftigung. Nicht nur, dass beim zu erwartenden Verhältnis von guter zu schlechter Musik ganz sicher auch letztere irgendwie ganz weit vorne präsent sein muss, die Idee, möglichst viele Menschen anzusprechen, verlangt auch fast zwangsläufig nach der Suche nach einem sehr kleinen gemeinsamen Nenner. Das verlangt nach großem Können oder endet in der Charakterlosigkeit. Wobei der Begriff jetzt wieder ungenau daherkommt, es ist weniger der Mangel eines Charakters, sondern schlicht dessen Wesen als verwässerte, blasse oder schlicht dem Zeitgeist erliegende Form wirklich starker musikalischer Ausformungen, die einen so unfassbar unguten Beigeschmack hinterlässt. Das Ergebnis dessen ist in naher Vergangenheit fast nirgendwo so klar und deutlich zu spüren gewesen wie bei den Imagine Dragons. Eine Band, so uninteressant und doch missliebig penetrant, dass schlicht nur mehr Hoffnungslosigkeit bei der Bewertung übrig geblieben ist. Immerhin bestätigen sie einem mit der dritten LP, dass man da richtig gelegen ist.

 

Dabei ist ja ein Merkmal, das solche musikalischen Phänomene - der Begriff ist effektiv eine Themenverfehlung, weil Phänomene immer auch eine beeindruckende Qualität haben sollten - fast immer als eigentlich interessanten Aspekt besitzen, dass selbst Veränderungen irgendwie keine Veränderungen sind. Ein bisschen wirkt es schon so, als wollte Dan Reynolds nach dem Versuch zur Vielschichtigkeit, den Vorgänger "Smoke + Mirrors" dann doch dargestellt hat, aus der nächsten LP wieder eine Einheit formen, ohne dabei aber den Indie-Touch des Debüts gleich zu reinkarnieren. Das ist definitiv gelungen, chapeau! Auf "Evolve" klingt eigentlich nichts mehr Indie, dafür ist alles zu sehr Major Label, zu sehr Synthie, zu sehr Pseudo-Rock, zu sehr pseudo-atmosphärisch. Andererseits ist das wiederum ein unzureichendes Unterscheidungsmerkmal gegenüber den anderen beiden Bandalben. Man sieht also, Veränderung und doch wieder keine. In dieses Bild passt ganz eindeutig auch, dass man sich durchaus einen starken Track erlaubt, wobei der diesmal blöderweise nicht als Single auserkoren war. I Don't Know Why ist noch dazu ein unvorteilhafter Top-Track, weil er gleich das Album eröffnet und positive Reaktionen hervorruft, die so gar nicht bestätigt werden. Aber immerhin, der pochende Elektronik-Beat verträgt sich mit der hymnischen Aufmachung, die zwecks Stadiontauglichkeit fast jeder Track der Band bekommen muss. Gleichzeitig ist dank vollkommen der Natürlichkeit entrückten Gitarrenzupfern, schimmernden Synths und gar nicht mal übermäßig eingesetzten Claps ein starker Refrain rausgekommen, der noch dazu die klassische Songbasis auf den Kopf stellt, die Strophen zum Lautstärkenhöhepunkt erklärt und selbst mit sphärischem Galopp sein Auslangen findet. Da passt genug, um für ein atmosphärisches Aufbäumen gegen die Sterilität zu sorgen und den nachhallenden, mehrstimmigen Stimmausbrüchen in den Strophen ihre Berechtigung zu geben.

 

Eine Fortsetzung dessen wäre nett, bleibt aber ein Wunschtraum derer, die noch zu träumen wagen. Die Tracklist mutiert alsbald zu einem Paradebeispiel lethargischer Statik, Songs traben mühevoll dahin, verlaufen sich in Soundeffekten, die zwar jeden Track zielsicher auf Stadiongröße aufblasen, gleichzeitig aber inmitten der synthetischen Elektronikwelle so interessant wirken wie ein Grunge-Track anno 1998. Deswegen ein müdes Aufflackern von Synthesizern hier, Gesangsecho an allen greifbaren Ecken, am besten irgendwie kombiniert mit hämmernden, abgehackten Beats und unechten Claps, langatmigen "Ooooohs", vielleicht aber dann doch ohne wirklich wahrnehmbare Gitarre. Zwecks Genießbarkeit und so. Das allein ist nicht zwingend grausam, mittlerweile haben Reynolds und seine Komplizen auch genug Übung darin, um einige dieser Verbrechen bestenfalls wie Kavaliersdelikte wirken zu lassen. Sprich: Die sind durchschnittlich at best. Diese konturlosen Motivationshymnen, wie sie Whatever It Takes oder Walking The Wire darstellen, können sich zwar hier oder da über ordentliche Passagen freuen, erinnern aber im Kontext heutiger Charts wie Fließbandarbeit, ohne textliche Prägnanz, musikalisch kaum zuordenbar und so nebenbei mit der deutlichsten Qualität vollkommen überbordender Lautstärke. Die wird definitiv nicht durch irgendwie geartete Riffs verursacht, sondern wurde irgendwo an den Schiebereglern verursacht und dort kommt eigentlich auch alles her, was den Songs ihren Antrieb verschaffen soll. Viel mehr als die gemächlichen Beats und Reynolds' aufopfernd wirkungslose Gesangsauftritte behält man allerdings letztlich nicht. Hooks sind zwar nicht Mangelware, aber entweder höchstselbst uninteressant oder so im elektronischen Klanggewitter eingebettet, dass man sie nicht ins Gedächtnis bringt.

 

Es geht auch noch schlimmer, nämlich dann, wenn man sich dazu berufen fühlt, entfernt ausgefallene Rhythmen und Klangkombinationen auszuprobieren. Believer zum Beispiel ist zwar irgendwie Welthit geworden, hat aber genauso wie das noch x-fach miesere und erfolgreichere Thunder das Problem, dass mit Autotune und sonstigen Spielereien verzerrte Vocals und ein musikalisches Gerüst, das zu 80% synthetische Percussion, zu 19% in den Hintergrund verbannte Vocal-Effekte und zu 1% kaum zu identifizierende Gitarrenzupfer ist, kein positives Fazit erlauben. Da ist schon die Zutatenliste miserabel, aber die Umsetzung gerät noch einmal eine Stufe erbärmlicher. Übrigens geht das problemlos auch bei vermeintlich organischeren Klängen wie dem dahinstampfenden, irgendwie mit Klavier kokettierenden Yesterday, dessen Refrain verstörend nervig klingt und dabei noch dazu absolut keine Melodie erkennen lässt. Und sogar Balladen können sie versauen, diese netten Menschen aus Las Vegas. Dancing In The Dark ist eigentlich die einzige ruhige, betont gefühlvolle Vorstellung und als solche ineffektiv auf einem Niveau, das sonst fast nur von Hurts erreicht wird. Nicht, dass ich glaube, die Millionärstruppe mit den vielen Platinschallplatten würde Ratschläge annehmen, aber hier ein kleiner: Elektronisch manipuliertes, wortloses Gesumme/Gesinge des Frontmanns als stimmliche Unterstützung für ebendiesen baut keine Atmosphäre auf und wirkt in gesetzter musikalischer Umgebung im besten Falle deplatziert, hauptsächlich aber lächerlich fehlgeleitet.

 

Sollte die Band dennoch etwas hinbekommen, sind es offensivere Minuten, die ihre elektronische Seite mit etwas mehr Stolz vor sich hertragen. Rise Up ist in der Hinsicht der einzige verbliebene Ausreißer, dessen programmierte Vocals dem Refrain nicht nur nicht schaden. Da kommt sogar ein wenig frische Luft hinein, wenn sich diese plötzlich an Reynolds' immer noch leidenschaftlich klingendes Jaulen hängen. Apropos Luft, der Song klingt, sofern das bei der Fülle an Hilfsmitteln aus dem Digitalzeitalter überhaupt möglich ist, einigermaßen luftig. Zumindest für einen Imagine-Dragons-Song, auf alle Fälle für einen "Evolve"-Track. Dass man, unter anderem einer wirkungslos weinerlichen Bridge sei Dank, trotzdem keine Bäume ausreißt, versteht sich. Aber es wird immerhin für ein paar Minuten erfolgreich gegen das Unkraut gekämpft.

 

Das ist etwas, was sonst sehr selten gelingt. An dieser Stelle sei vielleicht gesagt, dass es sich kaum lohnt, den Sound des Albums wirklich groß zu beschreiben, er ist nämlich trotz langer Liste an Soundelementen selten definiert genug - von klanglicher Unabhängigkeit gegenüber der Chartkonkurrenz braucht gar nicht die Rede sein -, als dass viel Wind darum gemacht werden müsste. Was als nötiges Wissen über diese LP durchgeht, ist die sterile Unnatürlichkeit, die fast alle Tracks ausmacht. Vielleicht sollte man auch noch im Kopf behalten, dass kaum noch zu hören wäre, dass die Imagine Dragons einen lebendigen Drummer haben und dass von Rock-Komponenten wirklich nur mehr insofern die Rede sein kann, als dass die Laustärke passend ist und irgendwo doch reichlich geschliffene Riffs zu hören sind. Einmal sogar in Solo-Form. Verdammt uninteressant, weil technisch nicht sonderlich virtuos und tatsächlich leise im Vergleich zu all dem, was die Studiotechnik so hergegeben hat. Neuerfindung ist das summa summarum keine, Verbesserung schon überhaupt nicht. "Evolve" klingt entbehrlich und reiht sich damit wunderbar ein in die Diskographie der Imagine Dragons, was die Band nicht daran hindert, die Charts zu belagern. Aber darüber braucht sich sowieso keiner wundern.

 

Anspiel-Tipps:

I Don't Know Why

Rise Up