Halestorm - Vicious

 

Vicious

 

Halestorm

Veröffentlichungsdatum: 27.07.2018

 

Rating: 6.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 25.08.2018


Dank Rückkehr zur Härte wird Album #4 zur ungemütlichen Rock-Lehrstunde mit Abstrichen.

 

Es gibt in der Kunst ein paar Jobs, die zwar durchaus gut bezahlt und komfortabel, aber doch irgendwie undankbar sind. Die findet man dort, wo das Rampenlicht nur sporadisch und kurzfristig hinfällt, also nicht direkt auf den Leinwänden oder Bühnen dieser Welt. Da kann das Endprodukt noch so großartig sein, die Choreographen, Maskenbildner oder Soundingenieure, die daran vielleicht gewerkt haben, kennt in den meisten Fällen kein Schwein, außer sie räumen zufällig einen Oscar ab und dürfen sich zumindest ein Weilchen im Ruhm sonnen. Pflichtschuldig werden die alle natürlich sowieso erwähnt, in den Credits, in den Liner Notes, in den Danksagungen. Da tauchen viele, viele Namen auf und wenn es nicht gerade die von prominent platzierten Solisten sind, die ein Gastspiel gegeben haben, rennt das zumeist an einem vorbei. Die Produzentenriege agiert zwar meistens nicht ganz so im Schatten und kennt sogar ihre weltbekannten Stars wie etwa Rick Rubin, aber spätestens in der zweiten und dritten Reihe wird es erst wieder düsterer. Was komplett unberechtigt ist, wie man am Beispiel Halestorm sieht.

 

Denn bei den US-Amerikanern rund um Paraderockerin Lzzy Hale scheint es nie um die musikalischen Fähigkeiten gegangen sein. Die waren da und eigentlich schon immer wahrnehmbar, egal ob es um Hales archetypisch rauchige, starke Stimme, die kraftvolle Rhythm Section oder durchdringenden Qualitäten an der Gitarre ging. Aber mit der wirksamen Präsentation war das spätestens auf Vorgänger "Into The Wildlife" so eine Sache. Der internationale Durchbruch ist damit zwar gelungen, aber auch dank Produzent Jay Joyce zum bitteren Preis dezimierter Güte. Zu viel weichgespülter Blues-Rock, bisweilen sogar mit Hang zu Heartland und Country, um die eigenen Stärken im Hard Rock ausreichend ausspielen zu können. Damit ist allerdings netterweise Schluss, denn auf "Vicious" werkt Nick Raskulinecz und damit ein Mann mit direktem Draht zu Alice In Chains, den Deftones oder KoRn und damit gewissermaßen der modernen Anti-Softness. Insofern startet die Band mit Black Vultures programmatisch goldrichtig und liefert einen schwergewichtigen Opener, der sich dank der kernigen Riffs, wuchtiger Drums und dynamischen Lautstärke-Sprüngen zwischen Strophen und Refrain in direkter Nähe zu Soundgarden platziert.

 

Dieser Marschrichtung folgt man einige Zeit erfolgreich. Skulls streift dabei am Industrial-Rock an, verlässt sich dabei auf den gleichen Nachdruck im Refrain. Buzz wiederum trabt anfangs in klassischer Rock'n'Roll-Manier dahin, um sich bald einmal mit Streamline-Riffs souverän im trockenen Alternative-Sektor einzunisten. Den Höhepunkt dieser anfänglichen Durchmarschs markiert allerdings Leadsingle Uncomfortable, deren Dynamik alle anderen Tracks fast blass wirken lässt. Nicht nur, dass man mit rasendem Tempo startet und die spröden Gitarreneinwürfe Hales mühelosen Paarlauf mit den Drums nicht im Geringsten stören, sondern eher knackiger wirken lassen. Mit dem harten Bruch im Refrain zwischen poliertem quasi-Punk und Hales hymnisch-langgezogenem Jaulen und der langgezogenen, teilakustischen Mid-Tempo-Bridge ergeben sich Stilwechsel en masse. Ganz abgesehen davon, dass sich Hale mit ihrem Auftritt hier und in einigen anderen Songs endgültig zur Pat Benatar oder Joan Jett des 21. Jahrhunderts krönen will und dabei gar nicht einmal so schlecht aussteigt.

 

Das ist aus Albumsicht Segen und Fluch. Während nämlich die mehr oder weniger straighten Hard-Rock-Tracks der Band neues Leben einhauchen, schleicht man an anderer Stelle und nach dem ersten Drittel leider zunehmend dahin und an der glorreichen Anfangsformel vorbei. Akustikballaden wie Heart Of Novocaine oder das finale The Silence dürfen zwar meinetwegen ihren Platz auf einer solchen LP wegen der nötigen Abwechslung haben, nur sind die Abstriche in puncto Hook, Text und interessanten Soundideen so eklatant, dass irgendwann nur mehr Hales starker Gesang bleibt, um die Band über Wasser zu halten. Man beraubt sich auch eines Grundpfeilers im Erfolgsmodell von Halestorm. Die Gitarren schweigen beinahe, womit das klangliche Volumen auf ein Minimum reduziert und der Mangel an starken Melodien zu offensichtlich wird. Das kann dann wenig werden. Wobei auch E-Gitarren nicht alles richten, wie der schleppende Footstomper Conflicted beweist. Der coolste Sechssaiter-Paarlauf kann diese Lethargie nicht ganz vertreiben, genauso wie das auch bei Do Not Disturb der Fall ist. Das Ergebnis sind durchschnittliche Songs, die alsbald einen zu großen Teil des Albums in Anspruch nehmen. Die zweite Hälfte bleibt entsprechend vor allem dank des Wiederauflebens anfänglicher Stärke im Titeltrack und dem einen oder anderen gewaltigen Solo im Gedächtnis. Immerhin, dank solcher Einlagen gewinnt man nicht nur Gitarrist Joe Hottinger, sondern auch Killing Ourselves To Live und Painkiller lieb.

 

Unterm Strich bleibt immer noch eine solide LP, die die bei Zeiten beeindruckenden Stärken von Halestorm genauso einfängt wie deren markante Schwächen. "Vicious" überzeugt soundtechnisch fast durch die Bank und bietet einem das US-Quartett in seiner durchdringendsten Form. Dass man die schlechten Angewohnheiten vom Vorgänger, nämlich die faden Middle-of-the-road-Durchhänger, noch nicht ganz losgeworden ist, sei ihnen verziehen, insbesondere im Lichte der haren Wiederauferstehung zu Beginn des Albums. Dass man sich nicht dazu durchgerungen hat, die harte und kompromisslose Stoßrichtung der ersten Minuten auf die ganze Tracklist zu übertragen, führt am Ende zu einem Mangel an wirklichen Stand-Out-Tracks. Handwerklich ist es trotzdem ein souveräner Ritt einmal quer durch am Metal anstreifenden Hard- und Blues-Rock mit eindeutigen Sympathievorteilen für ersteren. Dass man Lzzy Hale insofern gerne ein bisschen öfter gegen röhrende Gitarrenwände ansingen und mit gebotenem Speed ihre Coolness feiern hören würde, lässt immerhin genug Raum für einen Triumphzug mit dem nächsten Album.

 

Anspiel-Tipps:

- Black Vultures

- Skulls

- Uncomfortable