Francesco Gabbani - Magellano

 

Magellano

 

Francesco Gabbani

Veröffentlichungsdatum: 28.04.2017

 

Rating: 8 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 19.01.2018


Eines der intelligentesten Pop-Alben des Jahres zwischen 80er-Synths, Italo-Disco & Indie-Kreativität.

 

Klar, es war nur eine Frage der Zeit, bis nach dem auf mehr als einer Ebene monströsen Projekt einer Top 10 zum Song Contest irgendwann der erste Teilnehmer seinen Review bekommt. Und klar, der kommt natürlich elendiglich gut weg dafür, dass er bei der Spaßveranstaltung mitgemacht hat. Nur gilt bei Francesco Gabbani die Entschuldigung, dass er aus Italien stammt. Und es ist nicht so ganz klar, ob die Italiener den Song Contest jetzt ernst nehmen oder ob er sie einfach nicht interessiert, aus einem der beiden Gründe schicken die aber fast immer musikalisch wertvolle Leute oder zumindest überzeugende Performer hin. Streitgespräche darüber, in welche Kategorie der Mann mit dem kernigen Stimmchen gehört, sind angebracht, wobei vielleicht unterstützend für das Rating gleich angemerkt sein soll, dass er mit seinem Song wohl auch deswegen nicht gewonnen hat, weil er als Studioversion weit besser klingt. Was die Frage nach "Magellano" aufwirft.

 

Jetzt ist ein Song auch nur ein Song und trotzdem beantwortet gerade ebene sein ESC-Beitrag, das grenzgeniale Occidentali's Karma diese Frage in vielerlei Hinsicht. Der besticht nämlich nicht nur durch seine unwiderstehliche Hook, durch den verführerisch südländischen Gesang oder die Top-Mischung aus schillernden Synths und beneidenswert starker Rhythm Section. Also schon auch das alles. Spätestens ab dem Moment, wo man sich nämlich den Text ins Englische transponieren lässt, merkt man, wie stark Gabbani auch an der Front ist. Verschachtelt und doch direkt, mit ein bisschen poetischer Energie dazu, gelingt ihm das Kunststück, dem unbeschwerten Sound des Songs ganz unscheinbar den sozialkritischen Drall mitzugeben, der die besten Minuten auf "Magellano" ausmacht. Ist es hier die Pseudo-Spiritualität des zunehmend oberflächlichen Westens, ist es woanders die egozentrische Bestätigungsgeilheit, wieder woanders die krude Welt der Verschwörungstheorien.

Gabbanis Spitzen gegen die weniger dramatischen, wohl aber lächerlichen und bedenklichen Seiten der Gesellschaft sind dabei weniger gehässig als verspielt und entbehren weder dem nötigen Witz noch der unpassend lockeren, schnell fast alles vereinnahmenden musikalischen Begleitung. Dass er generell etwas für von Synthesizer flankierten Pop-Rock übrig hat und damit ohne große Anstrengungen starke Ohrwürmer formen kann, beweist neben der Leadsingle auch gleich noch Pachidermi E Pappagalli, dessen Zusammenspiel aus gar nicht so dramatisch geschliffenen Riffs und sprunghaften 80er-Keys den idealen Sommerhit ergibt.

 

Und so dreht sich das Rad oder eher noch die CD äußerst rund. Dass diese Verkörperung des italienischen Frauenschwarms oft genug Abstecher in eher romantische Gefilde macht, fällt dabei kaum auf. Der eröffnende Titeltrack zeigt dahingehend schon sehr deutlich, wie reibungslos da die emotionalen Grenzen verschwimmen und sich Gabbani auch im sehnsüchtigen Schmachten nicht von den blumigen, hintergründigen Metaphern trennt und gleichzeitig bei seinem Credo vom treibenden Beat und den locker-flockigen Gitarrenspielereien bleibt. Dass dem die elektronischen Hilfen und in dem Fall auch das Klavier vorangestellt sind, soll weiter nicht stören. Das ist nicht einmal dann ein Fehler, wenn mit seiner Version des Klassikers Susanna, Susanna ein komplett den 80ern entstiegener Synth-Hammer wartet und harmonisch schmachtend dahingeraspelt wird. Zum heimlichen Trumpfass wird der Fokus aufs Synthetische allerdings dann doch erst wieder beim versteckten Abschluss, dem Hidden Track Selfie Dei Selfie, der nicht mehr nur musikalisch komplett elektronisch daherkommt, sondern auch noch die Stimme vom Vocoder gezeichnet präsentiert. Klingt nach Daft Punk und anstrengend, streift aber an beidem nicht einmal irgendwie an. Zwar deutet der Bass so etwas wie Disco und Funk an, ansonsten gerät das Finale aber eher gespenstisch und unerwartet düster, anorganisch und mit dystopischem Stil angehaucht.

 

Abseits davon ist er schon auch naturbelassener, was gute und schlechte Seiten hat, ihn aber auch seinen wenigen Fehltritten näherbringt. Und es kann dann niemanden wirklich überraschen, dass die bei dem bisherigen Geschreibsel eher dort zu finden sind, wo Gabbani sich wirklich um die großen Gefühle bemüht. Die aufs Allermindeste reduzierte Klavierballade Foglie Al Gelo passt als hineingepresster Soundtrackbeitrag so nicht und nicht aufs Album, wirkt bemüht melodramatisch und damit unweigerlich emotionslos, so sehr man der ersten Strophe gesanglich auch wirklich viel abgewinnen kann. La Mia Versione Dei Ricordi ist in Wahrheit nicht weniger melodramatisch, eher im Gegenteil. Die großspurigen Streichersalven, die Gabbani da auf einen loslässt, mischen sich mit seinem verzweifelt wirkenden Auftritt weit besser und sorgen problemlos für einen Sound, der jede noch so große Bühne passend ausfüllen kann. So ganz gelingen will ihm der große Wurf auf dem Feld allerdings wirklich nicht, was vielleicht noch zusätzlich untermauert wird dadurch, dass selbst das anstrengend monotone A Moment Of Silence als flimmerndes Disco-Spektakel eher nach den Stärken des Italieners riecht als die balladesquen Minuten.

 

Wobei man auch die nicht ganz missen möchte. Im Sinne von La Mia Versione Dei Ricordi wäre es falsch zu sagen, da wäre einer ohne die Fähigkeit Atmosphäre zu schaffen auf die Welt gekommen. Diese Disziplin geht Francesco Gabbani nur nicht so spielerisch leicht von der Hand wie die der poppigen Ohrwürmer. In der ist er zwischenzeitlich meisterlich unterwegs und tobt sich noch dazu dabei textlich aus, dass man bei aller möglichen Aversion gegenüber der süßlichen 80er-Fassade kaum von schlechtem Handwerk sprechen kann. So ganz entfliehen kann man diesen Songs einfach nicht. Womit der Singer-Songwriter seine Mission hinreichend erfüllt haben dürfte, nach dem schwergewichtigsten Album riecht "Magellano" nämlich einfach nicht. Beeindruckend ist dahingehend, wie wenig es das sein muss, um trotzdem noch einen außergewöhnlich guten Eindruck zu hinterlassen. Da stößt einem die kurze Laufzeit gar nicht mehr auf und nicht einmal der Kontakt mit dem ESC kann das Lob noch irgendwie verhindern.