Flogging Molly - Speed Of Darkness

 

Speed Of Darkness

 

Flogging Molly

Veröffentlichungsdatum: 31.05.2011

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 13.06.2018


The light of a fading band oder Der gar zähe Kampf zwischen Harmonie und Leblosigkeit.

 

Komplett egal, wie Musik klingt, sollte ihr bei entsprechender Qualität immer eines zu Eigen sein, nämlich die gebotene Intensität. Die muss nicht laut sein. Wer sowas denkt, ist auf dem Holzweg. Sie muss aber existieren, um einem emotional oder atmosphärisch etwas bieten zu können. Das kann auch eine zerbrechliche Ballade sein, deren Herzschmerz so intensiv spürbar ist, dass man selbst fast in Tränen ausbricht. Aber ganz ohne wird es eben schwierig, weil sich abgesehen von Musik als reinem Genussmittel ein wenig die Frage nach dem Sinn stellt. Schlichte Schönheit zu bestaunen, reicht als Motivation für den einen oder anderen Hörer sicher aus, aber das wiederum bringt einen zu der Folgefrage, ob Schönheit ohne ein Mindestmaß an Intensität auf der Gefühls- bzw. Botschaftsebene überhaupt möglich ist. Ist irgendwas schön, das nichts aussagt oder in einem hervorruft, sondern nur da ist? Üblicherweise nicht, weil das bestenfalls das Wesen eines IKEA-Bücherregals ist, nicht aber irgendwelcher künstlerischer Erzeugnisse. In den Reihen von Flogging Molly scheint das immer irgendwie klar gewesen zu sein, so durchdringend, wie die Texte von Dave King und die Musik der Band zumindest auf den ersten Alben war. Jetzt ist das verloren gegangen, ohne dass man irgendwem böse Absichten dahinter unterstellen hätte können und vor allem immer noch mit den nötigen Ausreißern nach oben. Aber wehe, die fehlen plötzlich auch noch unentschuldigt.

 

Dann wäre wirklich Feuer am Dach im Hause der US-Amerikaner mit dem Ol' Irish an vorderster Front. Das ist noch nicht ganz der Fall, was an ein paar wenigen Lebenszeichen liegt auf einer LP, deren Titel eine Spannung verspricht, die nie wirklich gehalten wird. Man startet trotzdem einigermaßen stürmisch los, verzichtet auch auf die fast schon traditionelle, gemächlich-sentimental klingende Eröffnung und reißt gitarrentechnisch dafür so ziemlich auf die gleiche Art an, wie es der Titeltrack von "Drunken Lullabies" auch konnte. Das ist an sich eine schöne Parallele zu dem Vorvorvorgänger-Album und soweit lässt sich der Song genießen, wenn man nicht darauf wartet, dass sich ein gleichermaßen zum Mitsingen wie zum Nachdenken anregender Refrain vor einem aufbaut. Für einen solchen ist schon der Anfang etwas zu unmelodisch und in Ermangelung klarer musikalischer Merkmale außer Riffwänden und dem sehr pflichtschuldig wirkenden Fiddle-Gefiedel zu wenig einprägsam. Aber ein energiegeladener Start auf alle Fälle.

 

Was für ein Täuschungsmanöver! Es gibt in der Folge nämlich keinen Grund, primär die Musikalität des Gebotenen zu kritisieren, nur lebt hier verdammt wenig in der Form, in der man es von Flogging Molly gewohnt wäre. Dass man schon Jahre früher in Richtung eines gesetzteren, vielleicht sogar bequemeren Folk-Rock abgedriftet ist und die albumumspannende Eindringlichkeit damit über Bord geworfen hat, ist keine Neuigkeit. Dass sich deswegen aber innerhalb der Songs so wenig an Konturen abzeichnen, kann man als Veränderung betrachten. Und das nicht zum Guten. Wobei schon zu sagen ist, dass "Speed Of Darkness" in dieser Hinsicht eine Fortsetzung dessen darstellt, was schon auf "Float" begonnen hat. Sprich: Es gibt diese Tracks, die vielleicht nicht einmal schlecht starten, aber in ihrer schleppenden oder aber auf musikalische Ausgewogenheit getrimmten Art ins Nichts verlaufen. Selbst thematisch ansprechende und nostalgisch anmutende Tracks wie The Powers Out stampfen nur gemächlich dahin, um sich in einer müden Melange altbekannter Zutaten zu verlieren und fast ausschließlich auf Dave Kings rustikale Stimmgewalt und seine Texte zu bauen. Nur hat der weniger denn je zu sagen und findet sich irgendwo zwischen relativen Allgemeinplätzen und kaum definierbaren Parolen wieder, die dann ganz schnell so vage und einschläfernd enden wie Closer Rise Up. Der darf als Inbegriff des nichtssagenden Mid-Tempo-Tracks dastehen, dessen tieferer Sinn sich auch kaum bei einem sehr genauen Blick auf die Lyrics erschließt.

 

Manchmal kommt einem in der Beziehung noch einer aus und Revolution wird in Wahrheit seinem Titel gerecht. Das Problem ist nur, dass einem das musikalische Gesamtpaket der Band mittlerweile so harmoniesüchtig vorkommt, dass von der Power, die ein Jahrzehnt früher solche Songs zu Folk-Punk-Gassenhauern gemacht hätte, nichts mehr zu spüren ist. Einem Track macht das wirklich gar nichts, was damit zu tun hat, das Saints & Sinners zwar kein neues Black Friday Rule ist, dafür aber die fast verloren geglaubte Pub-Atmosphäre wiederbelebt, die früher fast jeden Song der Band umwabert hat. Inmitten dessen erstrahlt auch der Text plötzlich in neuer Blüte, King und seine Kollegen finden außerdem die vitalste Performance seit Jahren in sich und vereinen die bekannten Zutaten - die Power Chords, Fiddle, Akkordeon und Banjo - zu einem großartigen Auftritt, der in für die Band untypischer Manier sogar mit ordentlicher, komplett aufs Banjo reduzierter Bridge aufwarten kann. Will man sich sonst nach starken Minuten umsehen, wird man je nach Blickwinkel enttäuscht oder überrascht. In Wahrheit gibt es keine solche Qualitätsausdünstung mehr, nicht einmal annähernd. Aber was gut klingt, klingt gleichzeitig unerwartet melancholisch und ruhig. Da überzeugt dann King auf ganz anderer stimmlicher Ebene, verträgt sich auch mit winselnden Fiddle-Sound und dem Klavier, die The Cradle Of Humankind ausmachen. Einen zähen Fünfminüter, vor allem aber ein unnötig melodramatischer Ausbruch zum Ende des Tracks ist man trotzdem enttäuscht, weil da viel Potenzial liegen gelassen wurde. Aber immerhin hört man das noch heraus. Genauso wie man es auch in A Prayer For Me In Silence erahnen kann. Wobei der Country-Sound zwar mit Bridget Regan als Sängerin leicht und sanftmütig wirkt, auf der Ebene auch gut gelingt, aber trotzdem in aller Kürze wenig mehr als der Beweis einer möglichen starken Duett-Performance angetreten wird, ohne eine solche mit Gefühl oder Substanz wirklich gerechtfertigt scheinen zu lassen.

 

Andererseits ist es etwas absurd, hier von Rechtfertigungen zu sprechen. Einerseits ist nämlich "Speed Of Darkness" trotz offensichtlichster Schwächen bei Songwriting und atmosphärischer Wirkung souverän und routiniert eingespielt, andererseits brauchen sich Flogging Molly für nicht mehr viel rechtfertigen. Was wiederum nichts daran ändert, dass mit der fünften Studio-LP eine Entwicklung zu ihrem vorläufigen Endpunkt gelangt, im Zuge derer die US-Amerikaner so ziemlich alles, was sie so anziehend und großartig gemacht hat, verloren haben. Ob willentlich oder nicht, sei dahingestellt, die Anziehungskraft der Songs hat merklich nachgelassen, so ziemlich im gleichen Maße wie die klangliche Intensität und die Direktheit von Kings Lyrics. Das waren die Grundpfeiler früherer Großtaten und ohne diese bleibt eine Band, die sich darauf versteht, ihre Instrumente wunderbar im Einklang zu spielen und entsprechend Songs auszukleiden, die aber nicht das Rüstzeug dafür besitzt, einfach nur mit schöner Form zu überzeugen. Und weil das nicht geht, gleichzeitig aber der Inhalt schemenhaft wirkt oder gleich überhaupt abgeht, bleibt eine LP von ausgesprochener Mäßigkeit, der nur zwei markante Ausreißer aus dem Sumpf des kompletten Vergessens heraushelfen.