Felix Kramer - Wahrnehmungssache

 

Wahrnehmungssache

 

Felix Kramer

Veröffentlichungsdatum: 21.09.2018

 

Rating: 8 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 19.01.2019


Liedermachertum ohne Schwachstellen zwischen trauriger Wehmut, Sarkasmus und Romantik.

 

Nachdem man ja einige Jahre lang annehmen musste, dass der Dialekt und dezent uriges, puristisches Musizieren in diesem Land als kommerzielles Erfolgsrezept tot waren, haben die letzten Jahre diese Vermutung zumindest entkräftet. Nicht nur, dass ein paar Pseudo-Rocker im Dialektgesang bis nach Deutschland zu hören sind, auch die Liedermacher im klassischen, dem Charme der 60er und 70er verpflichteten Sinn finden sich urplötzlich wieder ganz vorne in den Charts wieder. Der Nino aus Wien, Ernst Molden oder 5/8erl In Ehr'n, alle belagern sie in den letzten Jahren die Top 10 in Österreich, wenn auch ohne irgendwie geartete Singleerfolge. Und weil das so schön ist und ein Neueinsteiger in dieser Riege ganz besonders überzeugt, sei der Review der Wiederauferstehung dieser hohen, von Leuten wie Georg Danzer oder Ludwig Hirsch geprägten Kunst gewidmet. Der Jüngste und Neueste unter den starken heimischen Liedermachern heißt Felix Kramer und hat mit "Wahrnehmungssache" ein Debüt vorgelegt, das wenige Wünsche offen lässt.

 

Und weil einem am Anfang immer der Titel begegnet, dann sogleich der Opener, muss man wohl beim Titeltrack starten, der beides zusammenführt. Wahrnehmungssache ist auch ein glorreicher Beginn und das Glanzstück der ganzen LP, weil sich der darin geäußerte Weltschmerz auf durchaus vielschichtige Art äußert, ganz sicher aber ohne jeden Anflug von verweichtlichter Melodramatik. Stattdessen regieren Resignation und Zynismus, während im Hintergrund der melodiearme Sound jazzige Züge annimmt und mit verzerrten Bluesriffs, gesetzten Bläsereinsätzen und lockeren Drums aufwartet. Davor breitet sich Kramer weniger aus, als dass er einfach hineinsingt in die Szenerie. Tonlos natürlich und im kantigen Sprechgesang, anstatt irgendwelche herzerweichenden Harmonien zu bieten. Genau darin liegt aber auch die Stärke des Songs und einer ganzen LP, die sich zwar durchaus auch abseits der zu Anfang zelebrierten Ernüchterung romantischeren Emotionen und ein paar Funken Hoffnung widmet, die insgesamt aber auf der kargeren Seite der Gefühlswelt angesiedelt ist:

 

"Und vor lauter Möglichkeiten, waß kana mehr wohin

Wannst alles mochn kannst, dann hat nix mehr an Sinn

Und trotzdem hat ma'n Eindruck, dass a jeder an dir zerrt

Wannst ned knapp vorm Burn-out bist, bist eh nix mehr wert

Und no wüs keiner glaubn, aber olle hams kapiert

Dass des mit der Liebe überhaupt net funktioniert

Die Leut san entweder unzufrieden oder depressiv

Also irgendwas lauft da grad gewaltig schief.."

 

Was Kramer in diesem Sinne beherrscht wie wenige andere in dem musikalischen Mikrokosmos, ist die aufs absolute Minimum, morbid anklingende Ballade. Es Woa Nix ist qualitativ imposant, gleichzeitig aber ein reduziertes Stück, das sich durch den Mangel an klanglicher Ausschmückung nur umso eindringlicher präsentiert. Zusammen mit Beide Allan ist das vertonter Trennungsschmerz, wie er besser nicht sein könnte. Alleingelassen und latent hoffnungslos klingt beides für den Moment, im Falle von Beide Allan dank der Streicher durchaus kurzzeitig ein wenig dramatisch angehaucht. Der Tenor ist allerdings ein düsterer ohne große Ausschweifungen, stattdessen angefüllt mit kleinlauter Ernüchterung. Der darin verborgene Trumpf ist eindeutig die Lyrik, die unausgeschmückt und womöglich hölzern daherkommt, dementsprechend aber auch umso nahbarer und besser nachzuempfinden klingt, darüber hinaus auch der abgemagerten instrumentalen Ausstattung von Es Woa Nix als ideale Ergänzung dient.

Das bedeutet allerdings noch nicht, dass ein vollerer, voluminöser Sound in Kramers Händen und denen vom netterweise zurückhaltend agierenden Produzenten Hanibal Scheutz nicht genauso gut klingen kann. Dementsprechend ist die beinahe an Ennio Morricone erinnernde, cineastische Komponente, die in Trotzdem Platz zur Songhälfte Überhand nimmt, ein eindeutiger Gewinn für das Album. Laut nachhallende Gitarrenakkorde in jaulender und pochender Form, dazwischen hell flimmernde Streichereinsätze, das summiert sich zu einem keineswegs extravaganten, aber eindrucksvollen Schauspiel.

 

Die etwas andere Seite der verschrobenen Lockerheit punktet nicht in dem Ausmaß, sie ist aber immerhin auch nicht in dem Ausmaß auf dem Album zu finden. Letztlich begnügt man sich damit, dass so etwas wie I Trau Mi Ned wohlintonierter, aber verdammt herkömmlicher Folk-Pop ist. Das geht unter anderem deswegen leichter, weil das vom Klavier getragene Vielleicht Bist Es Eh Du in seiner beschwingten, gemütlichen Art einen gewinnenden Charme ausstrahlt, der zu einem Gutteil auch von Kramers bissigem, aber immer noch wohlgesonnenem Humor herrührt. Will man stattdessen nach wirklichen Fehlern suchen, wird man sie nur in der schleppenden Trägheit von Gsund Wern und im rein an der Akustikgitarre begleiteten Finale Es Is Ned So finden. Beides kann man sich anhören, nur ist dabei allzu spürbar, wie blass diese Kompositionen im Vergleich zu einigen der beeindruckenden Minuten drumherum klingen. Gründe dafür vermutet man aber besser nicht bei einem reduzierten Sound. Zum einen wäre eine Reduktion dessen, was beispielsweise in Es Woa Nix atmosphärisch so stark und gefühlvoll klingt, kaum noch möglich. Zum anderen ist es musikalisch weniger das Was, sondern eher das Wie, das ein paar Wünsche offen lässt. Anders gesagt, tut sich wenig, ohne dass diese Statik vor allem in Gsund Wern irgendwie so klingen würde, als könnte sie auf emotionaler Ebene etwas auslösen.

 

Möglicherweise ist das ein zu harsches Urteil, aber es ergibt sich teilweise auch nur daraus, wie gut Felix Kramer an anderer Stelle klingt. Dann nämlich, wenn es dem Wiener wie im titelspendenden Opener gelingt, wehmütigen Weltschmerz, kurz an der Misanthropie anstreifendem Zynismus und ungekünstelter textlicher Ehrlichkeit mit einem souverän ausbalancierten Arrangement zu kombinieren. Oder wenn er in Es Woa Nix die Wirkung der musikalischen Reduktion und lyrischen Niedergeschlagenheit ins Unermessliche zu potenzieren. Immer dann, wenn so etwas gelingt, ist "Wahrnehmungssache" ein triumphales Debüt, ohne je nach einem großen Sieg zu klingen. Dafür ist es zu bodenständig, zu sehr mit den Schattenseiten des Lebens beschäftigt, ohne direkt der Todessehnsucht zu verfallen, auch zu minimalistisch in der Wahl der musikalischen Mittel. Nichts davon schadet allerdings irgendwie, im Gegenteil ist es Basis dafür, dass Kramer sich schon nach dem Debüt äußerst erfolgreich an Danzer, Hirsch, Ambros und Konsorten anschließt.