Felix Kramer - Alles Gut

 

Alles Gut

 

Felix Kramer

Veröffentlichungsdatum: 09.10.2020

 

Rating: 7 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 13.05.2021


Der Mundart-Folk bleibt direkt, humorvoll und verdrossen, droht aber am Kitsch anzudocken.

 

Felix Kramer ist ein Guter. Das sage nicht ich, zumindest nicht nur ich, sondern, wie es aussieht, nahezu die gesamte Kritikerschar, die mit ihm in Berührung kommen durfte. Und weil der Wiener mit seiner ersten LP sogar den Weg in die heimischen Charts fand, dürfte sich die Sympathisantenschar sogar darüber hinaus erstrecken. An Lob hat es jedenfalls nicht gemangelt für Debütalbum "Wahrnehmungssache", genauso wenig wie an mehr oder weniger verwegenen Vergleichen und Querverweisen auf große Namen. Nicht nur im Austropop wurde da gewildert, man blickte weit über die Landesgrenzen hinaus, beschwor Jacques Brel oder Leonard Cohen, wohl auch weil Kramer selbst sie als Vorbilder sieht. Doch einer ragte heraus, weil er nahezu immer herhalten musste für eine stilistische Standortbestimmung des starken Newcomers und seines singer-songwriterischen Daseins: Ludwig Hirsch. Der heimische Großmeister des blumig Unverblümten, des bissigen Wortwitzes, der liebevollen Schwarzmalerei und des Blicks auf Untiefen der Gesellschaft. Ob nun dieser Vergleich wirklich stimmig ist, sei dahingestellt, Parallelen sind aber nicht zu leugnen. Weil dem so ist und weil Hirsch neben dem oben Genannten auch einen ausgeprägten Hang dazu hatte, sich in mal berührender, mal schlicht kitschiger Romantik zu verlieren, scheint auch für Kramer der Zeitpunkt gekommen, ihm darin zumindest vereinzelt nachzueifern.

 

Nun könnte man in Anbetracht dessen denken, der Albumtitel "Alles Gut" wäre Programm, sodass Optimismus und Frohsinn den weltschmerzlichen und doch ein bisschen lapidaren Verdruss verdrängen. Wer sowas denkt, ist auf dem Holzweg. Nichtsdestoweniger ist zumindest der titelspendende Song, Heut Ist Alles Gut, mit seinem urig tänzelnden Klavier, vor allem aber dank Kramers schmucklosen und doch liebevollen Zeilen über ein paar gute Stunden mit der Herzensdame zwischen Sex, indischem Essen und einer Absage an die Außenwelt ein bisschen ungewohnt positive Alltagsflucht. Gleichzeitig aber auch wieder nicht, wenn denn der Kern des Songs in den Zeilen "Heut hast du mich lieb / Und ich bin nicht kaputt / Heut ist alles gut" zu finden ist. Am ausgeprägten Sinn für seelische Verwerfungen und phlegmatisch wirkende Zustandsmeldungen hat sich also wenig geändert.

Deswegen geht auch das geschmeidige, dem trabenden Bass folgende Nix Zu Spürn in einer sympathischen Mischung aus Witz und Tristesse auf. Die wirkungslosen Versuche von Bekannten und Freunden, dem Felix aus dem Stimmungsloch zu helfen, sei es mitten im Partygeschehen oder im Rest des Lebens, leben vom locker-alltäglichen Charme seiner Texte, vom Aufeinandertreffen von humoriger Wortwahl und dem wie so oft beiläufig wirkenden, negativen Emotionsbefund:

 

"Und sie sagt, ich soll Sport machen

Oder Yoga

Ich soll's wenigstens amal probieren

Und ich sag, ja eh, du hast auch sicher Recht

Aber manchmal is es besser, nix zu spürn"

 

Dass solche Minuten so gefallen, sympathisch, fast gemütlich und eben doch gefühlvoll traurig oder verloren wirken, ist auch der neben Kramers Gesang zur Geltung kommenden Musik zu verdanken. Einmal mehr von Hanibal Scheutz, seines Zeichens Teil der 5/8erl In Ehr'n, produziert, gelingt hier der von unnötigem Ballast oder Kitsch befreite, aber doch liebevolle zusammengebaute Genremix aus Blues, Folk, Jazz und einem Hauch von Wienerlied fast durchgehend. Die zaghaften Akustikzupfer von Wenn Du Gehst bestechen im Zusammenspiel mit dem pulsierenden Bass und der dynamischen, unaufdringlichen Percussion genauso wie das wehmütige Trompetensolo von Nix Zu Spürn, die kratzigen Riffs von Opener Spanien mitsamt seiner jazzigen Rhythmik oder der antreibende, fast militante Ton von Red Ma Halt Einfach Was Anderes. Von instrumentellen Extravaganzen halten sich Kramer und seine Helfer zwar dabei netterweise ganz fern. Die prägnanten Einsätze von Bläsern, vom Klavier oder dem Akkordeon, der Wechsel zwischen akustischer und elektrischer Gitarre sowie das dynamische Zusammenspiel von Bass und Drums lassen aber jedenfalls viel Spielraum für atmosphärische Sprünge, für klangliche Bewegung im Laufe der Tracklist.

 

Die braucht es auch nicht zuletzt deswegen, weil Kramer zwar unverändert pointierte, direkte und stimmige Texte auskommen, dem gegenüber aber auch Schwächen im gefühlvolleren Terrain deutlicher werden. So wecken die oben zitierten Songs genauso wie etwa Red Me Halt Einfach Was Anderes als quasi-Fortsetzung von Wahrnehmungssache zweifelsfrei Sympathien und treffen ins Schwarze. Gleichzeitig ist die LP insgesamt sentimentaler und persönlicher, findet aber in der schwerfälligen Klavierballade Nur Die Vorstellung nicht den Weg zu einem wirklich emotionalen Ganzen. Vielleicht ist es gerade die Tatsache, dass ein solches offensichtlichst das Ziel war, die da etwas verhindert, weil es der oft so gewinnend zwiespältigen Natur seiner Kompositionen zuwiderläuft. Anders gesagt: Soll es ganz direkt und unumwunden emotional werden, ja, sogar richtiggehend romantisch, dann wird daraus weniger. Dass Kramer einen solchen Song wie im Falle von Zu Gut immer noch mit der Zeile "Wir werden uns nie so wirklich lieben" einleitet, fördert zwar genau diese oft gelobte Ambivalenz, die spärliche Instrumentierung und der für einmal schwierige, dünne Gesang tragen aber wenig dazu bei, dass daraus mehr als ein passabler Moment der Ruhe wird. So geht es für jeden der spürbar ruhigeren, gefühlsbetonten Momente hier, abgesehen vom herausragenden Wenn Du Gehst und dessen erstklassigem Arrangement, in Richtung Mittelmaß und zu einem Status als beschwerdefrei hörbares, aber kaum nachwirkendes Füllmaterial. Und ein bisschen sind das die Minuten, in denen man nicht umhin kommt, den Wiener ein wenig in kitschiges Terrain abdriften sehen zu lassen, auch wenn er nicht daran denkt, seine unprätentiösen Texte plötzlich für übersteigerten Schmalz einzutauschen. Nein, nein, dem entkommt man durchwegs und doch wirken diese Songs etwas hölzern und gewollt emotional. Insbesondere kommt es dazu im direkten Vergleich mit umliegenden Tracks, in denen sich manchmal fast emotionale Duelle ergeben zwischen phlegmatischen Bestandsaufnahmen, ein bisschen wütender Ernüchterung, der einen oder anderen sarkastischen Bemerkung und Anflügen depressiver Tristesse.

 

Weil darin dann auch ein bisschen Selbstironie mitspielt, man merkt, dass Ernst und Humor benachbart im gleichen Lied ein Plätzchen finden, sind das definitiv jene Momente, für die man Felix Kramer am meisten schätzt. Da der Wiener ja doch ein g'scheiter Singer-Songwriter ist, macht er auf "Alles Gut" auch keine Anstalten, sich direkt davon zu verabschieden oder einen sonderlichen Stilwandel hinzulegen. Doch die Arrangements klingen liebevoller, hier und da etwas mutiger in ihren Details und offenbaren neue Varianten. Ob das wirklich ideal mit der Paradedisziplin seiner Kompositionen zusammenpasst, kommt noch nicht ganz heraus, zu seinem Schaden ist es nun aber auch nicht wirklich. Eher sind es die reduzierteren Songs, die Schwächen offenbaren, wenn auch nur in der Form, dass sie auf textlicher, geschweige denn gesanglicher Ebene den Mangel an musikalischer Prägnanz nicht ausgleichen können. Deswegen nimmt man diesmal weniger mit, aber immer noch genug für ein starkes, stimmiges Gesamtbild.