Falco - Emotional

 

Emotional

 

Falco

Veröffentlichungsdatum: 01.11.1986

 

Rating: 5.5 / 10

von Kristoffer Leitgeb, 16.08.2020


Ohne Killerinstinkt bleibt nur ein bisschen Sentimentalität und solides Pop-Handwerk.

 

Das Konzept des Anfangs vom Ende lässt sich im Einzelfall oft ein bisschen schwer eingrenzen. Immerhin wird die Phrase auch verdammt oft bemüht. Um dem Rechnung zu tragen, spreche auch ich im Falle von "Emotional" einfach mal vom Anfang des Endes aller Weltstar-Ambitionen, die ein gewisser Hans Hölzel wohl einmal gehegt hatte. Wie ernst es ihm damit war, ist nachträglich naturgemäß nur bedingt gesichert festzustellen, dass der Name Falco aber auf Dauer auch in den US of A allen ein Begriff sein sollte, scheint doch auf seiner To-Do-Liste gewesen zu sein. Es wurde nichts daraus, eine für die Jahre 1986 und 1987 geplante Welttournee wurde vom Exzentriker mit dem weichen Kern angeblich wegen Heimwehs mittendrin unterbrochen, sodass er nicht über Japan hinaus kam. Ein Album später war selbst im europäischen Ausland das Interesse an ihm zu gering, um eine groß angelegte Europatournee wirklich lohnend erscheinen zu lassen. Ein solcher Rückfall zur Regionalberühmtheit im deutschsprachigen Raum in nur zwei, drei Jahren ist schon bemerkenswert, weswegen es sich lohnt, auch mal auf die durch vielfältigen Wurzeln des Problems zu blicken oder zumindest eine davon ganz genau unter die Lupe zu nehmen, nämlich die vierte LP des Falken.

 

Nebst den deutlichen Veränderungen in Falcos Privatleben - immerhin wurde seine Tochter, die dann doch nicht seine Tochter war, geboren -, seiner offenbar doch etwas stärker ausgeprägten Verbundenheit zur österreichischen Heimat und seinem dortigen Leben dürfte nämlich auch schlicht die musikalische Qualität ein bisschen etwas beigetragen haben zum schrumpfenden Erfolg. Zunehmende kreative Spannungen mit den Herren Bolland, die ihm als Produzenten auf dem Weg zur US-Chartspitze zur Seite gestanden hatten, waren in Zeiten von "Emotional" zwar noch nicht fortgeschritten genug, um die Zusammenarbeit zu bombardieren. Vom kongenialen Pop-Gespür, das Songs wie Vienna Calling oder Rock Me Amadeus ausgezeichnet hat, von der dem synthetischen 80er-Zeitgeist perfekt entsprechenden musikalischen Ausrichtung und dem textlichen Zunder von Jeanny oder auch nur dem unvergesslichen Augenzwinkern von Amerika ist nur ein Jahr später jedoch keine Rede mehr. "Emotional" ist tatsächlich ein bisschen das, also gefühlsbetonter, lebt das aber nur auf dem eröffnenden Titeltrack aus. Der kämpft ein bisschen damit, dass der abgehackte Beat, die hellen Synths, die Backgroundgesänge und Falcos leidenschaftliche, mitunter in verzweifeltes Krächzen ausartende Performance nur bedingt harmonieren. Diese Mischung aus emotionalem Blues und Soul einerseits, synthetisiertem Pop andererseits geht nicht so ganz auf, auch weil man sich irgendwann an den glatt produzierten Elementen und dem Refrain satt gehört hat. Das schmälert einen Auftritt des Falken, der einen ähnlich vereinnahmt wie jener von Jeanny, nicht im Geringsten, der Song in seiner Gesamtheit kämpft aber über lange fünf Minuten damit, irgendwie die Balance zwischen der Selbstverpflichtung zur Eingängigkeit und spürbarer Emotion zu finden.

 

In der Folge spürt man nicht mehr allzu viele große Gefühle und wenn sie denn kommen sollen, dann passiert es in einer beinahe schmerzhaft kitschigen Form. Die Fortsetzung von Jeanny überzeugt mit Coming Home zwar in den Strophen dank Falcos gesprochenem, sentimentalem Monolog, gerät aber mit dem hemmungslos schmalzigen, übertrieben melodramatischen Refrain komplett aus den Fugen. The Star Of Moon and Sun schließt dagegen klanglich und atmosphärisch zu sehr an die danebengegangene Süßlichkeit von Nur Mit Dir, die sich auf "Junge Roemer" finden lässt. Die Bollands schaffen es zwar ausgerechnet mit ihrer von Glitzer, Synths und Bläsern durchzogenen Produktion zwar, das locker und eingängig genug zu gestalten, dass man schon fast übersehen könnte, wie kitschig auch deren musikalische Waffen hier geraten. Mit einer Länge von wieder einmal über fünf Minuten ist aber auch das zu einem eher mauen, weil ultimativ zu monotonen Dasein verdammt.

 

Die Songlängen stellen sich im Albumverlauf überhaupt als entscheidendes Kriterium heraus. Kamikaze Cappa, die Hommage an Kriegsfotograf Robert Capa, besticht anfangs als angespannt-dramatisches Synth-Feuerwerk mit Anleihen an klassischer Musik, bringt eine starke Melodie und die nötige Hook für den Refrain mit. Nach etwas mehr als zwei Minuten dämmert einem aber, dass da nicht mehr viel passieren wird, aber noch nicht einmal die Hälfte des Songs hinter einem liegt. Dass aus einem möglichen Top-Track nicht mehr als einige solide Minuten werden, wenn man ihn einer gefühlten Endlosigkeit preisgibt, wird da kaum verwundern. Unter diesem Umstand leidet jeder einzelne der neun Tracks, auch wenn meist schon prinzipiell nicht überwältigend ankommen. Cowboyz And Indians widmet sich in diesem Sinne mit ermüdendem Stampfer-Beat einer kaum melodischen Vermengung von vereinzelten Gitarrenriffs und pulsierenden Synths eher unterwältigend dem Kalten Krieg. Crime Time kommt da sympathischer daher, bringt mit den starken Bläser-Einsätzen ein bisschen Swing-Charme mit, setzt die auf dem Album omnipräsenten Backgroundsänger zur Abwechslung in lockerer und dynamischer Manier ein, um den musikalischen Krimi mit zeitweisem Noir-Anstrich zu verstärken. Gleichzeitig wird einem trotz der Stärke des Songs aber auch ein anderer Makel bewusst: Falcos Dominanz in seinen Songs ist zumindest hier Schnee von gestern, er wird umgeben von vollgestopften Arrangements, die ihm vielleicht überhaupt nur den Raum für Spoken-Word-Passagen und ein paar Wortfetzen lassen.

 

Auch das nagt zwangsläufig an einem Album und dessen Urheber, weil der bisher aufgrund seiner charakterstark eigenwilligen Performances das Um und Auf des Erfolgs war. Eine an entsprechende Highlights erinnernde Darbietung bekommt man hier in der großartigen ersten Phase von The Sound Of Musik geliefert. Die Leadsingle gehört zu den Klassikern des Österreichers und wer die trocken-funkigen Riffs und Falcos darüber ausgebreitete nasale Arroganz in den ersten Minuten des Songs hört, kommt nicht umhin zu wissen, warum das so ist. Wahrscheinlich überrascht es aber trotzdem kaum, dass auch hier die Länge zu einem Hindernis auf dem Weg zum Triumph wird und der Song schon nahe dran ist, daran zu zerbrechen. Dass man nach nur zwei Minuten nämlich nichts mehr zu hören bekommt als eine längliche Ausdehnung des Refrains, unterbrochen durch eine merkwürdig stockende Bridge, ist nicht unbedingt ein musikalisches Adelsprädikat. Der schlichte Längenexzess des Albums wird aber nirgendwo sonst so deutlich gemacht wie im abschließenden The Kiss Of Kathleen Turner, einer siebeneinhalb Minuten andauernden und störrisch dahinrollenden Vorstellung, die sich, vom harten Beat getragen, Prince-esquen Funk-Passagen, Elektronik-Rock, einem kurzen, synthetischen Klassik-Intermezzo und noch so manch anderem widmet. Diese imposante Wandelbarkeit lässt den Song überleben, ein gemeinsamer Nenner, ein einender prägnanter Eindruck, der bleibt, ergibt sich daraus aber nicht.

 

Womit "Emotional" ein bisschen unterwältigend wirkt. Zwar ist die LP nur der erste Schritt auf dem Weg hin zum klanglichen Abgrund, der mit "Data De Groove" erreicht werden sollte, aber es ist hier schon eine latente Freudlosigkeit und das Fehlen des ehemals deutlichen Gespürs für großartige Melodien, harmonische Pop-Arrangements und den richtigen Einsatz von Falcos unnachahmlicher stimmlicher Präsenz spürbar. Hier und da ergeben sich noch wirklich überzeugende Eindrücke, die aber entweder keine Chance haben, die überlangen Songs unbeschadet zu überstehen, oder einfach nicht an die Höhepunkte des Vorgängers heranreichen. Stattdessen ist man ein bisschen geschlaucht und ermüdet von der Repetition, von der oft unmelodischen Ader des Albums und einer Emotionalität, die zu sehr am Kitsch entlangschrammt, und die unwiderstehliche Coolness vergangener Tage nicht im Geringsten ersetzen kann. Insofern könnte "Emotional" vielleicht sogar als das konstanteste Album Falcos neben seinem Debüt dastehen, es ist aber wohl auch sein rundum durchschnittlichstes.

 

Anspiel-Tipps:

- Emotional

- Crime Time

- The Sound Of Musik