Falco - Junge Roemer

 

Junge Roemer

 

Falco

Veröffentlichungsdatum: 11.04.1982

 

Rating: 5 / 10

von Kristoffer Leitgeb & Mathias Haden, 19.09.2015


Der Mut zu neuen Ufern birgt harten Wellengang, schroffe Klippen und dann doch die ein oder andere schöne Bucht.

 

Seiner Zeit voraus sein, eines dieser mythischen physikalischen Paradoxa, man hat es Falco ja doch öfter nachgeworfen. Aber wann denn eher als im Frühsommer des 84er-Jahres, im Jahre der jungen Römer und des ultramodernen Funk-Pop? Warum ist einfach erklärt: Er war gefloppt und also musste er entweder ziemlichen Mist gebaut oder eben zu zukünftig gehandelt haben für die damalige Hörerschaft. Letzteres gibt imagemäßig mehr her, birgt aber das Problem, dass besagte LP irgendwann post-1984 ja viel besser wirken sollte, so rein logisch. Tja, die Logik ist ein Hund, der gebotene Sound ist es genauso.

 

Was wiederum in Falcos Potpourri keinem Einzelfall gleichkommt, das Dasein als Unikat bedeutet ja auch oft schwere Verdaulichkeit. Doch "Junge Roemer" war auch für den Einzigartigen einzigartig, allein weil nach dem Durchbruch die künstlerische Freiheit erkauft und auch direkt ausgenutzt war. Vom lockeren Pop-Rock des Debüts zur kaltschnäuzigen oder doch hochnäsigen Funk-Implementierung im eigenen Sound, 'verfeinert' durch Robert Pongers 80er-Maschinerie mit trockenen Drums und unterkühlten Synthies. Kann man machen, sollte man auch, wenn das Endprodukt ein der Perfektion naher Titeltrack ist, der das Album mit einer Höchstnote eröffnet, wie man sie Falco nur selten geben durfte. Als rundum harmonische G'schicht zwischen simplen Keyboard-Melodien, fast zu zaghaft eingestreuten Funk-Riffs an der Gitarre und dem wie üblich tonangebenden Bass - was sonst vom Bassisten Hölzel? - wird es auch zum endgültigen Meisterstück für den Mann am Mikro, der in Wahrheit eine später nie mehr erreichte Performance abliefert.

 

Und dann ist da der Rest. Unter ferner liefen läuft der nur deswegen nicht, weil mit der Zurschaustellung ultimativ nasalen Gesangs in Brillantin' Brutal für groovige Lockerheit gesorgt ist, genauso wie Hoch Wie Nie für den später textlich bei Zeiten fragwürdigen Solisten eine lyrische Großtat darstellt, die mit den störrisch eingeworfenen Klängen aus Elektronik- und Bläserabteilung auch klanglich überzeugt. Aber was bleibt sonst außer dem fast schon nervig friedlichen Steuermann, das mit karibischer Stimmung vielleicht nicht ganz die richtige Zieldestination erwischt hat, trotzdem noch halbwegs aufgeht?

Eigentlich nichts. Pure 80er-Schnulzen, bar jeglicher bescheinigter Zeitlosigkeit, hat er mit Nur Mit Dir und Kann Es Liebe Sein zu bieten. Nur eine, die zweite, kann sich da musikalisch retten, die andere versinkt mit ihrem höllischen Kitsch im Jammertal. Todesmutig begleitet von der beinahe beeindruckenden Monotonie von No Answer (Hallo Deutschland), der keine funkigen Akkorde dieser Welt helfen wollen. Und dann ist da noch das ewige Experiment, Tut-Ench-Amon, das einfach nicht.... ach, soll der Kollege die Drecksarbeit machen.

 

Wer also "Junge Roemer" so mir nichts, dir nichts Zeitlosigkeit zubilligt, meint wohl eher, dass man nicht immer wirklich weiß, was da die ganze Zeit los ist. Nebst ausgeklügelter Produktion, musikalischen Scharfsinns und textlicher Finesse wirft die zweite Falco-LP nämlich zu viele Fragen auf, reißt zu viele Krater in eine ohnehin kurze Tracklist. Genialen Flair verspürt man dabei eher selten - dann aber mit dem Vorschlaghammer, damit's auch jeder begreift -, den geöffneten Experiment-Kasten kann man sich vor dem inneren Auge schon eher vorstellen. Und wie das bei mutigen Versuchen eben so ist, explodiert einem die ganze Suppe beim falschen Gemisch schon einmal ohne Vorwarnung. So weit kommt's nicht, aber so unglaublich bezahlt gemacht hat sich der Mut des Falken da nicht.

 

K-Rating: 6 / 10

 


Selbst dem Meisterstück des Falken gelingt es nicht, beinahe im Alleingang ein ganzes Album zu tragen.

 

Na großartig. Da kommt mal wieder Freude auf, wenn der Kollege bereits alles gesagt hat, mir trotzdem aber noch das Mikro in die Hand drücken muss. Naja, ganz so übel meint er es vielleicht doch nicht mit mir, denn immerhin spielt er mir dann doch noch einen Ball zu, dem ich wie ein verspielter Hund hinterher hetzen kann. Der heißt übrigens Tut-Ench-Amon und ist eines dieser musikalischen Verbrechen, bei dem sich eine ganze Dekade für ihren schlechten Ruf bedanken kann und bei so manchen Leuten eine unangenehme Gänsehaut auslöst, wenn sie den Terminus 'Achtziger' irgendwo aufschnappen. Böse sein kann man ihnen aber zumindest für diese Nummer nicht, denn was Hansi Hölzel hier abzieht, ist, gelinde gesagt, grenzwertig. Ob man sich nun an der leblosen Produktion mit funky Synthesizern, am schwachsinnigen Text oder doch an Falcos schwieriger Performance zwischen selbstgefälligem Geträller und deplatziertem Geflüster stören möchte - für jeden Nörgler ist hier etwas dabei, seine ausgedehnte Länge kommt ihm auch nicht gerade zu Hilfe.

 

Das war es aber auch schon wieder mit freedom of speach und Individualität, das Abnicken im weitflächigen Stil kann weitergehen. Am liebsten stimme ich natürlich beim grenzgenialen Titeltrack in den Lobgesang ein. Das Teil hat Funk, das Teil hat Swing, atmet die 80er wie kaum ein anderer Track und stellt locker Falcos bestes Stück dar - nicht nur auf der LP. Auf dieser hat er nämlich ohnehin leichtes Spiel. No Answer (Hallo Deutschland) wurde ja bereits vom Kollegen für klinisch tot erklärt, darf mit seinem fahrstuhlmusikartigen Spannungsbogen aber keinesfalls mit einem liebevollen Tätschler davonkommen. Und wenn der Falke schon gefährlich tief fliegt, dann nimmt er natürlich noch das eine oder andere Fettnäpfchen am Weg mit. Nur Mit Dir versucht es wieder mit mehrsprachigen Gesangspassagen, majestätisch funkelnden Keyboards und einer wohldosierten Portion Romantik - verzettelt sich aber in jeglicher Hinsicht und bugsiert sich selbst damit tatsächlich ins 'Jammertal'.

 

Da die Redezeit aber schon wieder knapp wird - der heimliche Vorteil dieser gemeinsamen Rezensionen -, rückt auch das Resümee in greifbare Nähe. Nicht aber, ohne noch ein paar Titel erwähnt zu haben. Hoch Wie Nie ist mit seinem spacigen Auftakt gewöhnungsbedürftig, mausert sich mit coolen Bläsern und sirrenden Synthiespritzern aber schon bald zu einem Highlight. Auch der leicht verunglimpfte Steuermann entwickelt einen angenehmen Drive, während das unglaublich blasse Ihre Tochter in all seiner Banalität wieder mit einer überflüssigen, instrumentalen Passage unnötig ausgedehnt wird.

Bleibt eigentlich nur noch, das Urteil für den Falco-Klassiker unter dem Herren zu fällen. Und da der Daumen auch für Brillantin' Brutal keine außergewöhnlichen Höhen erreicht, liegt der Verdacht nahe, den Künstler nicht verstanden zu haben - oder aber, dass Junge Roemer über seine volle Laufzeit tatsächlich nicht annähernd das hält, was der brillante Titeltrack verspricht. Wie auch immer, Falcos zweite Studio-LP bietet auch auf lediglich acht übrigen Stücken genug Angriffsfläche, um letztlich als eines der schwächeren im Kanon des Falken herauszustehen; da hilft selbst eine ordentliche Portion Patriotismus nicht viel.

 

M-Rating: 4 / 10

 

Anspiel-Tipps:

- Junge Roemer

- Hoch Wie Nie

- Steuermann